Das alles floß in Bildern, Gedanken, Worten und Tönen rasch und luftig durch Tidemunts Halbbewußtsein, als er nun, ohne den Blick auf die Versammlung zurückzulenken, aufstand und ohne Gruß hinausging, wie einer, der ein vergängliches Geschäft zu erledigen hat und nicht weiß, daß er draußen bleiben wird.
Hastig trat er ins Freie und sah das merkwürdige Paar davonziehen, landeinwärts, auf die dünnen bläulichen Hügellinien der Heide zu, angestrahlt von der schrägen Vormittagssonne. Der rote Kranzbart bebte beiderseits des dürren Matrosennackens wie eine Flamme hervor, und unter dem graustaubigen Gewandsaum des Mädchens leuchteten in schreitendem Aufwellen schmale bloße Fersen wie rosige Blinkzeichen. Und immer noch erscholl die karge Tonfolge, nicht so sehr klagend, als vielmehr ergeben, und nun hörte er auch die Stimme des Mädchens. Sie sang sehr leise und ein wenig glitzernd.
Er beeilte sich, den beiden unauffällig näherzukommen. Lauteten die Worte, die das Mädchen sang: „Ach, bleib doch!“ oder „Komm wieder!“ oder „Für dich nur!“? Hieß es nicht alles andere als „Frei, aber einsam“, was da so süß und bedrängend erklang?
Er ging und ging, gesenkten Hauptes lauschend, hinter den beiden her, doch wurde die Entfernung zwischen ihm und ihnen nicht geringer, und er wunderte sich, daß er keine Ungeduld empfand, sondern nur ein ziehendes, beglückendes Verlangen, immer so weiterzugehen, einer ungeklärten Verheißung nach.
Noch bevor der Hausmeister den Kaffee brachte und bevor die Putzfrau kam, war Fräulein Macke schon im Büro. Die übrigen Beamten und Angestellten hatten als kleine Anerkennung dieses Wochenende frei bekommen. Tidemunt hörte seinen Namen rufen, leise und ehrerbietig, dann etwas lauter. Fräulein Macke wagte, ihre Hand auf seine Schulter zu legen, ihn sogar ein wenig zu rütteln. Sie flehte ihn an, doch aufzuwachen und sich bequemer zu betten. Er vermochte sich nicht zu rühren; er atmete schnarchend vor sich hin auf die zerknitterten Planzeichnungen. Was war mit ihm? War er betrunken? War er krank? Fräulein Macke ging zur Tür, den Hausmeister zu rufen; da stolperte sie über eine leere Schublade, die da herumlag.
Tidemunt hob den Kopf, als lausche er. Dann starrte er sie lange an, die so betroffen und erleichtert dastand. „Wo sind denn die beiden?“ fragte er mit belegter Stimme. Es klang ungewöhnlich milde. Und da sie abwartend schwieg, gewohnt, die meisten Fragen von Vorgesetzten viel besser von denen selber beantwortet zu finden, richtete er sich ächzend auf. Er sann nach, wie er ins Amt zurückgelangt sei. „Es war gegen neun Uhr, als der Notar ... als wir ins Gemeindebüro ... die Kirchturmuhr schlug gleich danach ...“ murmelte er.
„Jetzt ist es fünf Minuten nach sieben“, sagte Fräulein Macke.
Tidemunt strich sich über das rauhe Kinn. Mag sein, dachte er. Entweder habe ich hier zwanzig runde Stunden geschlafen oder auch nur acht oder auch gar nicht und Zeit ist sowieso nur ein vager Begriff, genau wie die übrige Wirklichkeit und gewisse fünf Grade Unterschied ...
Er stand mühsam auf, ging in sein Schreibzimmer und saß dort eine Weile vor sich hinträumend auf der Sofakante. Fräulein Macke wies ihm einen Strauß Rosen als Glückwunsch zu der endlichen und so erfolgreichen Erledigung des Arbeitspensums. Er lächelte abwesend. Sie redete ihm zu, sich noch ein wenig hinzulegen. Sie dachte sichtlich, er habe die Nacht ausgiebig gefeiert, und das im Arbeitskittel. Ihr Mut wuchs, da er so hilflos dasaß, und sie begann, mit zaghaften Händen ihn zu entkleiden. Da schrillte das Telefon in ihrem Zimmer. Sie eilte hinüber.
Als sie zurückkam, stand Tidemunt halbnackt an dem kleinen Waschbecken und wusch sich schnaufend. Sie zog sich hinter die Tür zurück. „Nur ein Telegramm, Herr Oberbaurat.“
„Erledigen Sie es“, erwiderte er matt.
Er blickte vom Spiegel weg, darin sein Gesicht wie ein zerfallender Mond ihm zu entschwimmen drohte. Wir haben alles beisammen, dachte er müde, die Bagger, die Greifer, die Betonmischer, die Bauern ... aber ich selber falle auseinander. Mein Werk ist getan, ich bin frei ... frei, aber einsam ...
Diese drei Töne, das ist alles, was von der ganzen Hafensymphonie an mir hängenbleibt, und auch die gingen vor mir her und waren nicht zu erreichen und hatten andere Worte, und ich konnte es nicht genau hören und weiß schon nicht mehr, warum ich vom Fenster aufgestanden und wem ich nachgelaufen bin ...
Er hörte Fräulein Macke am Türspalt mit einem Zettel rascheln. „Was ist denn, Maxi?“ sagte er mit lahmer Zunge. Nie zuvor hatte er sie genannt, wie die Kollegen sie nannten. Der Türspalt vergrößerte sich. Ihre nußfarbenen Augen standen eine Weile entgeistert. Dann lächelte sie schmerzlich, als habe sie ein verspätetes Glück erfahren, nahm sich zusammen, senkte den Blick und las, indes sie errötete, das Telegramm mit energischer Stimme vor: „Hätte gern mit dir gesprochen bin in Salzburg Mozarteum ... Unterschrift: Berta.“
Tidemunt rieb sich die mächtigen bläßlichen Schultern.
„Was soll ich antworten?“ fragte Fräulein Macke.
Der Baumeister sann ins Handtuch. Wie war es doch gewesen, dieser flötende, rotbärtige Mensch und die nonnenhafte Zierlichkeit ... Salzburg? Ah, welche Musik! Ja, es würde dies und das zu bereden sein oder auch nicht, es war alles erledigt, er war ja auf dem Wege, die Richtung war gen Süd, er ging und ging ... Antworten? Welche Frage! Was war groß zu antworten? Ah so! Wie war es mit den Dokumenten? Hatte der Notar ... Waren die Unterschriften getätigt? ... Hatte Fräulein Macke gestern ... oder wann? ... Es verschwamm und zerfloß. Ich werde mich zu rasieren haben, dachte er.
Überall war das Wartende und ging vor ihm her und stand in Salzburg und hier in der Türöffnung, und alles war ungewiß und fragend und ohne Antwort. Und war doch alles so selbstverständlich und zweifellos. Nur er selber war die Frage. Er zuckte die Achseln. Er hörte, wie die hohen Absätze Fräulein Mackes sich an den Schreibtisch zurückzogen. Er hörte, wie im Zeichensaal die Putzfrau aufräumte, er hörte, wie nebenan der Hausmeister die Post brachte und übers Wetter sprach. Es ging alles unendlich langsam. Alle Bewegungen mündeten in eine endlose, ziehende Weite und einen dünnen, verwehenden, schwermütigen Flötenklang.
Es gelang ihm, sich anzuziehen. Und er kam in Hut und Mantel aus seinem Zimmer, fragte nach dem Wagen. Der stehe unten bereit wie immer. Eine Weile ging er vor dem Schreibtisch auf und ab, den schwarzen Zimmermannshut in den Nacken geschoben. Die Sekretärin wartete mit Bleistift und Stenogrammblock. Sie horchte auf das Gemurmel. Was sagte er? „Sonderbar, der Hut war mir weggeweht ...“
„Soll ich das schreiben?“ fragte sie betreten. Die Nacht mußte an Abenteuern reich gewesen sein. Tidemunt besann sich, schlug mit den frischen weißen Wollhandschuhen gegen die Tischkante. „Bitte, bestellen Sie dem Oberbaudirektor, sobald er in seinem Büro ist, und das persönlichst: Alles, was in dieser Nacht erreicht worden ist, hat als unabänderlich zu gelten.“
Er trat dicht neben ihren Stuhl. Seine Stimme war schwerfällig und kaum an sie gerichtet. „Es geht vor mir her und ist nicht zu erreichen ... Wie soll ich erklären ... Wir denken Falsches, auch voneinander, und richten uns danach ein ... Ich hätte das viel früher erkennen sollen ...“
Er stockte, als habe er sich auf Geschwätz ertappt. Er sah, wie befremdend es wirkte. Fräulein Macke zog die Schultern zusammen und blickte unter gesenkten Lidern, als erwarte sie, begierig und furchtsam zugleich, nähere Aufschlüsse.
Tidemunt nahm eine Zigarre. „Es ist noch nicht Bürozeit!“ knurrte er: „Warum sind Sie eigentlich so früh gekommen?“
„Um Ihnen zu helfen“, erwiderte sie leise: „Am Montag, also übermorgen, beginnen die Bagger im Strom; man wird vom Hafenbauamt aus eine kleine Feierlichkeit zu bedenken haben. Wie wärs in der Neuenfelder Kirche? Oder an Bord eines der Bagger selbst?“
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