Ihm etwas vorzumachen, hatte seit je für unmöglich gegolten. Seinem unter gesträubten Brauen seitlich hervorschießenden Blicke entging kein verzeichneter Strich, und er vermochte aus Kolonnen von Zahlen das kleinste Vergehen zu erschnuppern. Solche Entdeckungen pflegte er mit einem dröhnenden Auflachen zu begleiten und ohne Rücksicht und Takt somit weithin die Umgebung ins Bild zu setzen. Und je länger in dieser überhitzten Woche dieses gefürchtete Lachen ausblieb, desto drohender wirkte es aus früheren Gelegenheiten nach, wie denn auch sein, die knapp und treffend erfolgende Belehrung abschließendes, fast liebenswürdiges: „Also? Sodann!“ in dieser Zeit, obwohl von ihm kaum ausgesprochen und höchstens von einigen ganz Kühnen halblaut und insgeheim hier und da wiederholt, über aller Häupter schwebte.
Und dann kam jener Freitagabend. Tidemunt hatte den Mittag zwischen Rehkeule und Rotspon die Zustimmung für das letzte an Außenstehendem erreicht, die Billigung seiner „anderen Seite der Arbeit“. Es handelte sich um Räume und Einrichtungen der Erholung und Erfrischung, wie sie bislang in den ungeschminkt kommerziellen Belangen staatlicher Hafenanlagen selten anzutreffen waren. Tidemunt nun hatte ungewöhnlich viel Platz für Speisehallen, Umkleide-, Dusch- und Aufenthaltsräume abgezweigt und eine luftige und geschmackvolle Ausgestaltung verlangt. Sogar einige gewählt angelegte Gartenstreifen hatte er vorgesehen, und nicht nur zur Erbauung des anlandenden Seemannes.
Sonderlich mit sich zufrieden an diesem Abend, sozusagen eingelullt in Zufriedenheit, als die Säle und Zimmer des Amtsgebäudes schon leer waren und auch die Sekretärin nicht mehr da, ließ Tidemunt den Blick über die ausgebreiteten, nun völlig fertigen rötlich getönten Lichtpausen der Pläne schweifen. Aus dem Linienspiel hob sich unschwer die Umwandlung ins Vollendete; er sah die gestaltete Wirklichkeit, und sie war schöner und praktischer als das meiste, was im Laufe der Jahrhunderte an Gebäu und Anlagen hier dem Überseeverkehr und Umschlagbetrieb gedient. Und indem er, der Hafenbaumeister, sich auf der Höhe seines Könnens sah und adlergleich oder vielmehr wie in einem Hubschrauber über dem niederelbischen Gelände kreiste, trunken vom Erfolg seines Daseins, und in den neuen Hafenbecken das Hin und Her der Weltschiffahrt sich ausmalte, den Betrieb des Ladens und Löschens, den tausendfältigen Ablauf des Aller-Zonen-Handels hier im Fadenkreuz der Kontinente, in seinem Werk gefestigt und aufleuchtend, da meinte er, nunmehr auch Herr geworden zu sein über den Kummer seiner Verlassenheit, der ihm unter der Gurgel bohrte. Ruhm läßt sich selten ohne Verlust an Zärtlichkeit erkaufen.
Wann entstanden jemals bedeutende Werke anders als in elender Eremitage? So sagte er sich und wollte sich sogar in ein Gefühl der Dankbarkeit steigern gegen die Entflogene, darüber, daß sie ihm diesen Endlauf der Arbeit so ungestört gegönnt.
Ihm war, als solle er — was er seit der Kindheit nicht getan — die Hände falten in Ansehung des gütigen Schicksals, das ihn hatte gesund bleiben lassen und alle Anwandlungen von Schwäche überwinden helfen.
Da auf einmal, in der absinkenden Spannung begann sein Blick nüchterner zu werden und so unvoreingenommen und unverbraucht klar fast wie zu Beginn seines Aufstiegs. Und da sah er mit Erstaunen, wie das verzwickte Netz der Planzeichnungen sich um wenige Grade verschob. Es war kein Irrtum, er sah es sich bewegen. Wie ein Blitz zündete in ihm die Erkenntnis, daß die ganze Anlage einer leichten Drehung nach Westen bedürfe, um den Verhältnissen des Stromes völlig gerecht zu werden. Wie ausgebrannt starrte er auf die Veränderung. Keine Linie blieb, wie sie war. Er hatte sich allzu bereit mit den zur Verfügung gestellten Bodenflächen und Uferstrecken begnügt. Er hatte nicht gründlich genug bedacht. Er war leichtfertig gewesen wie nie zuvor, nur gierig bestrebt, sein Hervorragen zu unterbauen und den Behörden und Kollegen und aller Welt zu beweisen, wie rasch, wie anpassungsfähig, wie geschickt er die gewaltigste aller ihm bis dahin anvertrauten Aufgaben zu lösen imstande sei. Drei Jahre waren an die Vorbereitungen gewandt, er sah ein, es war verwaltungstechnisch fast nicht auszudenken, das einmal Genehmigte für ungültig zu erklären, die erteilten Aufträge und Termine zu verschieben, die bisherigen Kosten abzuschreiben, Entschädigungen zu zahlen und neue Mittel, neue Millionen aufzubringen. Aber was half es? Es mußte sein!
Tidemunt zerteilte das Gewölk seiner Corona mit beiden Händen, als habe es ihn wie eine schräge Lupe genarrt. Er überlegte nochmals. Nichts von allen Grundrissen würde bleiben. Schleusen und Höfe bedurften gänzlich neuer Konstruktionen. Frische Uferstrecken waren zu erwerben, Anlieger mußten enteignet, Bauerngewese abgetragen und andere Viehweiden als bisher in Wasser oder Beton verwandelt werden. Hatte er denn geschlafen? Und mit ihm der ganze vielstufige Chor der behördlichen Kontrollen und Mitverantwortlichkeiten? Es war ein schlechter Trost zu wissen, daß von allen beteiligten Kommissionen, Gremien, Deputationen, Vorgesetzten, Kollegen und Berichterstattern bisher niemand das Geringste von einem Fehler gemerkt habe.
Ohne sich länger zu besinnen, rief Tidemunt den Oberbaudirektor der Stadt an, der sein einziger fachlicher Vorgesetzter war und sich stets als Freund erwiesen hatte. Er zwang sich, so merkwürdig schwindlig ihm war, ruhig zu sprechen: „Doktor, wir müssen stoppen. Die ganze neue Hafenanlage ist um fünf Grad nach Westen zu drehen.“
Eine Viertelstunde später erschien der Stadtbaumeister im Büro. Er lehnte, sichtlich bedrängt und Erregung und Eile dämpfend, den angebotenen Stuhl und die Zigarre ab und tastete schweigend von weitem die Linien nach, die Tidemunt aufs gröblichste mit Blaustift in die säuberlichen Pläne hineingezeichnet hatte. Tidemunt ließ sich nicht stören, das Werk der Änderung fortzusetzen. Der Besucher sah eine Weile zu, ahnend, welch empfindliche Verantwortung, welch berserkerhafte Ehrlichkeit hier bis zur Selbstzerfleischung vordrang. Und, nach Gewohnheit, den grauen Spitzbart wie einen Halt umklammernd, äußerte er schließlich: „Tidemunt, ich bewundere Ihre Fähigkeit, zu zweifeln und ... es einzugestehen.“
Tidemunt wandte sich um. „Also? Sodann!“
Der Oberbaudirektor stand klein und schmächtig, grau in grau zwischen den ziehenden Tabaksschwaden, die von dem weißbekittelten Koloß ausgingen. Er sah aus, als habe er jeden Versuch, Widerstand zu leisten, aufgegeben. „Tidemunt, der Böwerderhafen, so, wie er genehmigt ist, wird als der modernste und großartigste aller Kontinente gepriesen werden.“
„Von denen, die es nicht besser wissen, Doktor.“
„Tidemunt, ich schließe mich dem an.“
Tidemunt fauchte auf und schüttelte den Kopf. Der Stadtbaumeister seufzte bekümmert: „Welch ungeheure Leistung in so kurzer Zeit, Tidemunt! Diese Spannung des Wachseins im Dreidimensionalen, ich weiß es von mir, endet immer in der vierten Dimension, im Ungreifbaren, auf der Rückseite des Gewissens.“
„Wo es am kitzligsten ist und endlich erkennt, Doktor.“
„Und nach Zerstörung dürstet, Tidemunt.“
Tidemunt legte den Blaustift hin. „Das ist weder gutherzig noch aufrichtig, Doktor. Sie bescheiden sich, wie man es sich durchschnittlich angewöhnt hat, aus Gründen der Bequemlichkeit.“
„Nein, aus Gründen einfachster Dienlichkeit. Sehen Sie, auch ein Priester oder ein Arzt behält seine Zweifel für sich, und somit wird eine gute Wirkung erreicht. Tidemunt, Ihr Ruf ist weit über unsere Grenzen hinaus verankert. Man glaubt Ihnen. Man glaubt dem nun schon weitgehend bekanntgewordenen Entwurf. Sie gefährden nicht nur, was weniger wichtig ist, meine, sondern auch Ihre Stellung und überdies alle Ihre Mitarbeiter und Freunde, die Ihnen so zuversichtlich gefolgt sind. Wichtiger aber ist: Sie gefährden das Projekt. Es sind Stimmen der Tiefe laut, die den neuen Hafenbau schon sowieso als unverantwortliche Vergeudung, als unrentabel und hohle Kulisse bezeichnen. Tidemunt, Sie gefährden einen Teil Zukunft und Wohlfahrt Ihrer Vaterstadt. Es wird ein Schock in die gesamte Behörde fahren und das bewährte System schlimmer verwirren als irgendein gewalttätiger Umsturz.“
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