Das sieht ja aus wie unterm Kinderstubentannenbaum, dachte er und äußerte laut: „Das ist doch wohl alles andere als eine vernünftige Gegenwart.“
„Die Fraueninsel“, nickte der Fahrer, „da gibt es nicht mal Autos.“
„Und das dahinten?“
„Die Herreninsel mit dem Schloß. Da ist immer Betrieb. Dazwischen aber liegt die Krautinsel. Da züchten die Nonnen ihr Gemüse, sonst ist da nichts.“
Tidemunt zahlte, suchte einen Bootsmann und ließ sich zur Fraueninsel übersetzen. Nach einer halben Stunde Umherspähens mietete er ein nach Süden gelegenes Giebelzimmer in einem weinlaubumrankten Fischerhäuschen. Der Blick ging über Garten und Strandweg auf den kleinen Hafen, der zum Hause gehörte und beruhigend problemlos ein plattes Segelboot beherbergte. Tidemunt schlief ein paar Stunden, fragte nach einem Frisör, fand die Tür verschlossen, es war nach Feierabend, und begab sich zum Dampfersteg, um zum Konzert auf die andere Insel zu gelangen.
Er hatte mit der Absicht geliebäugelt, den Bart für immer stehenzulassen. Solch stattliches Gehege, sagte er sich, dürfte nicht undienlich sein, das Mienenspiel jeder aufdringlichen Beobachtung zu entziehen. Die propere Wirtin im Weinlaubhaus aber hat allzu erstaunte Augen gemacht und mich wie einen eben dem See entstiegenen Wassermann mehr besorgt als zuvorkommend behandelt. Was nützt das Bergende, wenn es zugleich übermäßig auffällt? Nun gut, er wird fallen. Aber diesen besonderen Abend, dünkt mich, könnte es vielleicht so lustig wie zuträglich sein, sich mit ein bißchen Tarnung und Windschirm langsam ins Dasein zurückzupirschen.
Unter diesen Betrachtungen hatte er schon eine Weile vor sich hingewartet. Dann bemühte er sich, ein Telegramm seiner Frau, das ihn während seiner Krankheit erreicht und nur die drei Worte enthalten hatte: „Gute Besserung, Berta“, umzuwandeln in ein gewisses Motiv dreier Töne. Er brachte es nicht zusammen und wollte seine Anstrengung zum Teufel wünschen. Da hörte er es plötzlich aufs sanfteste vom Wasser herauftönen.
Er beugte sich dem Klange nach und entdeckte auf einem tieferliegenden, wohl für Barkassen gedachten Sondersteg den langen, rotbärtigen, einarmigen, schiffermützigen Menschen. Der saß da in der Abendsonne und blies auf einer Okarina. Tidemunt betrachtete ihn wie eine Erscheinung und überlegte, ob er ihn anreden und nach seiner Begleiterin fragen solle, fürchtete aber, das Bild zu verscheuchen, drehte sich behutsam vom Geländer fort und ging auf Zehenspitzen davon.
Unterdessen hatten sich schon Leute angesammelt, gleich ihm auf den Dampfer zu warten. Er hörte jemanden mit leichter Ohrwendung sagen: „Kulli Wupp bläst, da bleibts a guats Weder.“ So, wie etwa jemand an der Küste sagt: „Rasmus weht heut über Südost, da hält sichs.“ Tidemunt getraute sich nicht nachzufragen, ob Kulli Wupp wie Rasmus, der Wind, zu dem Geschlechte der Nöcke, Wasser- und Luftgeister gehöre oder aber verdammt sei, aus Fleisch und Blut zu bestehen.
Der Dampfer und andere Dampfer und Barkassen und Boote landeten an der Herreninsel und gaben ihren Inhalt an Land. Die Mengen schleusten sich durch das Schloßhotel und den Wirtsgarten oberhalb des Stegs hinein in den Park und über den langen Weg zum Königsschloß. Tidemunt fühlte seine ragende Bärtigkeit von allzu vielen beachtet, wandte sich abseits und verlief sich in grüne sommerliche Gefilde, hörte die Amseln, sah durch lockeres Buchenlaub auf den erglühenden Himmel und den sich ins Bronzene wandelnden See. Er sträubte sich, die Lieblichkeit der Landschaft zu erfassen, er meinte, seiner norddeutschen Herkunft schuldig zu sein, nichts als die grauschillernden Tinten der Wasserkante und den Lärm und Betrieb von Welthäfen als seiner Seele Daseinselixier anzuerkennen. Und blieb stehen und sah von fern das Schloß, lachte verächtlich und abweisend. Aufgedonnertes, albernes Versailles! murrte er und sehnte sich nach Ruhe.
Doch wehte unversehens ein Geigenstrich daher, mückensummendünn. Tidemunt setzte sich mechanisch in Bewegung, und bald hastete er über endloses Gelände künstlicher Rabatten hin, Alleen von riesigen Statuen mit immer demselben Hofdamenlächeln entlang, an Brunnen, an Wasserspielen vorbei auf das viaduktförmige Bauwerk zu. Die Fenster standen verfrüht erleuchtet in der kaum einsetzenden Dämmerung. Traubenhaft hingen die Lüster mit den Kerzen hinter den Scheiben.
Nicht dort hinauf! dachte Tidemunt. Er sah den Strom Menschen, der sich langsam durch die Galerie bewegte. Hier unten die Wege aber waren leer, und leer gähnten die gewaltigen Freitreppen; nur eben am Eingang droben zwischen den ungeschlachten Säulen huschte eine letzte Gestalt hinauf, zierlich und leichthin, und verschwand.
Tidemunt wurde aufmerksam. Er starrte auf das hohle Portal. Sonderbar, dachte er, die Art, die Füße so leichthin zu bewegen, ist mir schon einmal aufgefallen; seither verfolgt mich ein gewisser Spuk, und es tritt geteilt auf, was damals beieinander war und vor mir herwanderte und mich hinter sich herlockte. Es wird Zeit sein, mir meine fünf Sinne zurückzurufen und sie auf vernünftige Arbeit zu richten.
Er wandte dem üppigen Schloß den Rücken. Doch da — es mußte in den Sälen heiß sein und ein Fenster wurde geöffnet — erreichte ihn das Gezirpe der Streicher und wurde Musik und war das a-moll-Quartett von Brahms. Wiederum blieb er stehen. Nein! knurrte er. Ich bin da droben nicht vonnöten. Ich laufe hier herum wie ein Waldschratt, und es genügt mir, einmal hingeschnuppert zu haben an diesem Gehäuse übermäßiger Königsträume, die gewissen irrigen Hafenträumen allzu ähnlich sind, um ihm erträglich zu wirken.
Auf einmal unterschied er das Motiv, nach dem er so lange gefahndet, ja, da war es, das Frei, aber einsam! ... Das Ach, bleib doch! ... Das Für dich nur! ... Er wollte sich nicht einbilden, gemeint zu sein, konnte aber nicht hindern, daß seine Füße umkehrten und die Stufen hinaufgingen, die vielen Stufen, und ihm vorflüsterten, es sei nur, um nachzuprüfen, ob der Spuk, der kleine, zierliche, eben verschwundene, wirklich nur ein Spuk gewesen sei.
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