Im Hausflur, dort, wo die Töne der Geige dem nach Hause Kommenden so zirpend begegnet waren, drehte die Künstlerin sich leichthin um. „Ich wollte es dir erst im letzten Augenblick sagen, Arnus; wollte dich nicht in deiner Arbeit stören, hätte dir auch lieber einen Zettel hingelegt, als so mit dir zu streiten, und fast hätte ichs überhaupt verschwitzt, wenn du nicht so unversehens gekommen wärst.“
Tidemunt gab den Koffer an den Taximann. Dann sagte er höflich: „Gestritten haben wir nicht, wir waren einseitig deutlich, Berta. Aber ich bring dich trotzdem zum Bahnhof und kann dann gleich weiter ins Büro. Geld schicke ich dir nach Salzburg auf die Post.“
Sie versetzte rasch: „Nein, heute bleibst du zu Haus, gehst in die Küche, dort steht alles, was du für ein vernünftiges Abendbrot brauchst, und Tee steht noch warm auf der Heizung und eine Flasche Bier in der Speisekammer. Nun ... leb wohl und grüß deinen Hafen!“
Sie kam dicht an ihn heran, schob den Schleier hoch, legte die behandschuhte Rechte auf seinen Arm, schnupperte, als wolle sie seinen Tabakduft mit auf die Reise nehmen, und hauchte einen Kuß an sein Ohr hin, stand dann eine Sekunde wie versteint, so, als verpresse sie ein lautes Aufweinen. Schon war er im Begriff, sie ungeachtet des Taxikutschers an sich zu reißen, da löste sie sich, sagte leise und bitter: „Daß es so weit kommen mußte ...“ und verzog sich, den Geigenkasten wie einen Schild vor sich haltend, rücklings in den Wagen.
Tidemunt ging wieder hinauf. Er meinte keinen Schmerz zu spüren. Der Zigarrendunst im Wohnzimmer war gemischt mit dem süßlichen Juchtenduft, den sie als Parfüm liebte. Tidemunt stieß das Fenster auf, blickte über die Dächer auf den nächtigen Hafen. Der Reigen der festen und wandernden Lichter dort und deren Spiegelungen, die Konturen der Kaianlagen, Schuppen, Höfte, Molen, Stege, Silos, Kräne und Speicher, das war seine Welt. Er spähte in das ziehende, vom Hafenabschein entzündete Nachtgewölk gen Westen, wo hinter dem Rumor der Werften der Strom ins Breite graute. Dort hinten lag das neue Gelände seiner Planung. Er vermeinte, das Gestöhn der Bagger schon zu vernehmen, die dort in wenigen Tagen anfangen sollten, die neuen Hafenbecken in die Sände und Uferwiesen zu fressen.
Lange stand er da. Schlotqualm beizte herein. Aber hindurch wehte ein Hauch der erwachenden Heidewälder von jenseits des Stromes. Der Wind kam über Süd, noch kühl, als komme er weither von verschneiten Gipfeln. Und diesem Wind entgegen nun knatterte ein Fernzug über die Elbbrücke. Tidemunt dachte es und sah seine Frau im Gespräch mit dem Schlafwagenschaffner. Sie bestellte sich einen Sauerbrunnen und sagte dann dem kleinen Lorns gute Nacht. Ja, gute Nacht! Gute Nacht! ... Tidemunt meinte, das Geräusch der Räder und Geleise trotz des Hafenlärms zu erkennen. Es klang wie eine Salve, die gegen ihn gerichtet war, gegen das in ihm, was er so lange Jahre als unabänderliche Gemeinschaft, als Glück und als Liebe, als ein Beständiges empfunden hatte, als ein geheiligt Gewohntes, das einer Bestätigung nicht bedurft.
Sein Arbeitseifer hatte nicht gelitten. Einen Tag lang weilte er mit seinen Beamten und mit den Beauftragten der Bau- und Lieferfirmen bis in die Nacht draußen im Gelände, um die endgültigen Anordnungen für die Errichtung der Werkschuppen, Zufahrtswege und Lagerplätze zu treffen und die schon überall abgesteckten Trassen noch einmal zu überprüfen. Er scheute keinen Dreckspritzer und zog die Herren unermüdlich durch die frühlingsweichen Wiesen, um keinen Meter unbegutachtet und unklar zu lassen.
Er verstand, die immer fröstelnder sich hinter ihm dreinschleppende Schar mit saftigen und grimmigen Redensarten bei Laune zu halten und ließ, als es endlich dunkel wurde, im nächsten Dorfwirtshaus eine gewaltige Mahlzeit auftischen, nicht ohne im gleichen Krug, der zugleich ländliche Gemischtwaren führte, die nötige Anzahl frischer dicker Bauemsocken für die nassen Füße seiner Mitarbeiter und Gäste zu besorgen, soweit sie nicht, wie er selber, in geeigneten hohen Stiefeln gekommen waren.
Den Tag darauf stand er wieder am Reißbrett und saß wieder über seinen Berechnungen, knurrend, pfeifend, qualmend und lebhaft wie je, der abschließenden gewissenhaftesten Revision hingegeben und in die umfänglichen, aber übersichtlichen Tabellen, die den gesamten Arbeitsgang des Vorhabens bis ins kleinste auf volle zwei Jahre enthielten, die allerletzten Feinheiten einfügend.
Und so ging es die nächsten Tage. Nur eben zur Mittagszeit verließ er das Büro und erledigte, was er sonst nie getan, während des Essens noch ausstehende Verhandlungen mit verschiedenen Behörden- und Firmenvertretern. Diese zogen vor, statt im Büro stundenlang zu warten, seinem Tafelbehagen beizuwohnen. Fräulein Macke, seine Sekretärin, hatte unterdessen, halb ehrfürchtig, halb familiär an der Seite des Chefs sitzend, unauffällig die denkwürdigsten Wendungen der Gespräche in Kurzschrift festzuhalten. Und da sie Vegetarierin war und sich mit geringen Mengen begnügte, behielt sie die nötige Muße für ihre Aufgabe. Sie schien dazu da zu sein, die strotzende Naturhaftigkeit des Hafenbaumeisters, die — so sah es aus — jeden Augenblick über die Schranken brechen konnte, durch eine gehaltene Gegenwart sanft davor zu bewahren. Die Kellner begegneten beiden mit einem gemischten Ausdruck von Respekt und Besorgnis.
Nie hatte Tidemunt seine Sekretärin anders als geschäftlich gewürdigt, nie einen Blick oder gar ein Wort an ihre Aufmachung verschwendet. Sie war seit Jahren bei ihm tätig, saß in seinem Vorzimmer, siebte die Besucher, öffnete alle Posteingänge und erledigte das Unwesentlichere selbständig. Unter vier Augen pflegte sie knappe beratende Äußerungen zu wagen, niemals aber in Gegenwart anderer.
Ihre Verläßlichkeit, Pünktlichkeit und Verschwiegenheit hatte Tidemunt als selbstverständlich und nicht der Rede wert hingenommen und auch, sie zum Essen mitzunehmen, keineswegs als besondere Ehre, sondern nur zu seiner Bequemlichkeit gedacht. Nun merkte er, wie ihr Blick unsachlich aufzublühen begann, als melde sich da ein längst fälliger, aber zurückgestellter Anspruch auf offene Anerkennung der Unersetzlichkeit und als sei mit diesen Mahlzeiten privater als gedacht damit begonnen.
Es kam noch etwas anderes hinzu, Fräulein Mackes längst zur Ruhe gelegtes Herz zu bedrängen. Tidemunt hatte sie beauftragt, da er nicht mehr nach Hause wollte, bei einer Wäschefirma das Geeignete zu bestellen und in seinem kleinen Schreibzimmer und Privatbüro, das zwischen seinem Zeichensaal und ihrem Zimmer, dem Vorzimmer lag, das Ledersofa für notdürftige Übernachtung herzurichten.
Und so hauste er auch des Nachts wie ein Feldmarschall neben seinen Schlachtplänen; der Vergleich stieg ihm selber auf, und er überlegte, was denn so ungeheuer friedlich an dem sei, was er da baute anstatt zu zerstören. Es wird die Zerstörer locken, sagte er sich, es wird die Friedlichen veranlassen, es in hitzigem Wettbewerb solange zu mißbrauchen, sich zu bereichern und andern den Wind aus den Segeln zu nehmen, bis es denen zuviel wird und sie zu Gegenmaßnahmen hinreißt und der Krach da ist und alles wieder vor die Hunde geht und — wenn noch einer nachbleibt — der Turnus von neuem anläuft. Er fand es witzig, daß er dennoch so zäh dabei blieb. Er hatte so sonderbare Zweifel wie jetzt über seine Arbeit nie gefühlt. Und gedachte deswegen doch nicht, sie zu vernachlässigen.
Es ging heiß her in dieser bemerkenswerten Woche. Nirgends vernahm man außerhalb der Pausen das Knittern von Butterbrotpapier oder sah jemanden sich auf die Korridore zu raschem Verbrauch einer Zigarette verdrücken. Während der Bürozeit zu rauchen, war Vorrecht des Chefs. Wohl kam er kaum öfter als sonst durch die Säle gebraust. Aber es strahlte etwas Unheimliches von ihm aus und war überall.
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