Sie stoppte Kengyel. Betroffen und fassungslos folgte ihr Blick dem Mitreiter.
„Wieso hatte Mama gleich eine Waffe parat? Wusste sie, dass dir jemand nach dem Leben trachtet?“
Stumm zuckte er die Schultern und ritt weiter.
„Sie hatte mir bis dahin nichts davon gesagt, wahrscheinlich weil sie es selbst nicht glauben wollte.“
Sie trieb ihr Pferd wieder an und seufzte, so, als wenn sie es schon ahnen würde.
„Und wer war der Täter?“
„Unsere Mutter war überzeugt davon, dass es unser Vater gewesen war. Sie arrangierte kurz danach ein Treffen mit ihm und konnte ihn an einer Wunde am Arm praktisch überführen, aber er leugnete es. Sie zeigte ihn nicht an, denn sie hatte zu viel Angst, dass dann Dinge herauskommen würden, die wir seit meinem achtzehnten Lebensjahr versuchten zu verheimlichen. Trotz seiner Beteuerung, dass es ihm aufrichtig leidtäte, glaubte sie ihm kein Wort. Deshalb durfte ich ihn nie sehen oder in der Nähe sein, wenn er mal zu Besuch kam. Nach diesem Abend war ich auch extrem vorsichtig geworden. Mein Freund András wurde ab diesem Augenblick nicht nur mein Geschäftspartner, sondern auch mein stetiger Begleiter. Er selbst war über diesen Anschlag so schockiert gewesen, dass er mir nicht mehr von der Seite wich. Ich war damals zwanzig Jahre alt. Mit dem Tod unseres Vaters kam für mich ein Stück Erleichterung in mein Leben zurück. Ich musste keine Angst mehr haben, dass er einen neuen Versuch unternehmen oder jemanden beauftragen würde, mich zu töten.“
„Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Das ist alles so furchtbar. Warum hast du denn nie etwas gesagt oder davon geschrieben? Ich dachte, unser Vater zerbrach daran, dass er dich nicht sehen durfte und Mama ihn nicht mehr zurückhaben wollte. In Wirklichkeit hat er dir nach dem Leben getrachtet, Mama betrogen, Menschen in ihr Unglück gestürzt und viel anderes Unheil angerichtet. Ich kann das alles gar nicht fassen. Ich kenne unseren Vater ganz anders: Lieb, fürsorglich, leidend über den Familienzerfall und herzensgut zu meinen Kindern und anderen. Wie kann das alles zusammenpassen?“, stellte sie völlig aufgelöst fest.
„Wollen wir einen Schneemann bauen?“, fragte Máté mit einem Lachen. Seine Schwester starrte ihn entgeistert an und stammelte verwirrt:
„Was? Einen Schneemann? Jetzt? Máté, meine Welt stürzt gerade zusammen! Gestern das über dich und jetzt diese verworrene Familiengeschichte …“
Er brachte beide Rosse zum Stehen, indem er ihr in die Zügel griff. Schwungvoll sprang er aus seinem Sattel und hob danach Máriska aus ihrem. Er streichelte ihre kalte Wange, lächelte sie zuversichtlich an und beteuerte:
„Deine Welt muss nicht auseinanderfallen. Behalte alles so in Erinnerung, wie du es kennengelernt hast. Schließe einfach nur deine Wissenslücken, um das eine oder andere besser zu verstehen. Unser Vater hat dich und deine Kinder geliebt – genau, wie er Mama geliebt hat. Da bin ich mir sicher. Vielleicht hat er sogar mich geliebt und wusste einfach, dass ich mich nicht wohlfühlen werde in dieser Welt. Er hat nur in einem unachtsamen Moment die Folgen seines Handelns nicht bedacht. Wahrscheinlich hat er sogar die junge Zigeunerin geliebt. Wer will von uns zwei jetzt noch darüber richten? Wir haben ein Stück gemeinsame Geschichte und jeder hat zusätzlich noch seine eigene. Auf jeden Fall wollte jeder Elternteil für uns nur das Beste und das ist wichtig.“
„Wie kannst du das so hinnehmen? Wir hatten einen egoistischen, selbstsüchtigen, gewissenlosen Menschen als Papa“, wunderte sie sich verstimmt.
„Aber ich kann es nicht mehr ändern; nur lernen, damit zu leben. Wenn ich anfange, ihn dafür zu hassen, werde ich meines Lebens nicht mehr froh und bin mit ihm mehr verbunden als ich es möchte. Ich habe mein Leben, ob es mir gefällt oder nicht, deshalb muss ich meine Probleme lösen und meinen Weg gehen. Was nützt es, jemandem dafür Vorwürfe zu machen, der nicht mehr lebt oder daran nichts mehr ändern kann? Das habe ich gelernt. Glaube nicht, dass ich deine Reaktion nicht verstehe, aber unser Vater war für dich etwas anderes als für mich. Gönne ihm die Freude und genieße, dass er dir die Liebe schenken konnte, die du gebraucht hast, um die Frau und Mutter zu werden, die du heute bist.“
Sie blickte hilflos und sprachlos umher. Er hatte Recht, dennoch hatte sie gehofft, etwas anderes über die Familie zu erfahren als das. Plötzlich wurde sie gepackt und in den Schnee geworfen.
„Also gut, wenn wir keinen Schneemann bauen, dann machen wir eine Schneeballschlacht.“
Er formte Schnee zu einer Kugel und wollte so die aufkommende Schwermut seiner Schwester vertreiben. Sie feuerten einige Schneebälle hin und her.
„Du bist albern, ich bin gerade untröstlich und fühle mich verloren“, lachte sie ihren Bruder irritiert an, während sie sich das weiße Pulver aus dem Gesicht wischte und aus den Haaren schüttelte.
Er stieg wieder auf sein Pferd und meinte:
„Wieso? Ich bin doch da, falls du dich also verloren fühlst … Willkommen in meiner Welt. Du wolltest unbedingt teilhaben. Jetzt bist du drin. Dann sind wir schon zwei und geteiltes Leid ist nur halbes Leid, oder wie war das?“
Er trieb Zigánká an und ritt mit einem Lachen davon. Máriska wusste nicht, ob sie weinen oder ebenfalls lachen sollte. Er verhielt sich sonderbar, wahrscheinlich wollte er sie ablenken und auf seine Art trösten. Ihre Gefühle waren trotzdem aufgewühlt. Sie stieg wieder auf Kengyel und musste sich mächtig anstrengen, ihn einzuholen.
„Na, auch schon da?“, belächelte er ihren Gesichtsausdruck, den er sehr gut deuten konnte. Sie brachte ihre gelebte Realität noch nicht mit dem zusammen, was sie eben gehört hatte.
„Hör auf zu grübeln. Es wird dir nichts bringen. Ich kann dir das aus Erfahrung sagen. Los, auf drei galoppieren wir. Wir wollen heute ja noch ankommen.“
Sie gab nach und folgte ihm.
Am Gutshof angekommen, banden sie ihre Gäule am Gestell des alten Brunnens fest.
„Hier bin ich noch nie gewesen“, murmelte sie und sah sich mit einem Unwohlsein um.
Máté führte sie durch den Vorraum der alten Stallung, direkt in das Verlies, wo noch seine Ketten, Fesseln und die Schlösser lagen. Máriska fand das Gemäuer unheimlich und der Anblick dieser Werkzeuge, die für Gefangenschaft und Freiheitsberaubung standen, verursachte ein eigenartiges Gefühl in ihr. Die mitgebrachte Lampe erhellte den dunklen Raum nicht besonders stark, dennoch konnte sie alles einigermaßen erkennen. Sie beugte sich hinab und betrachtete die verschiebbaren Metallringe für die Gelenke und den Hals, dann fiel ihr Blick auf die eingelassenen Verankerungen in der Wand, an denen die Ketten angebracht waren. Behutsam strich sie über die Halsfessel und blickte verzagt zu ihrem Bruder.
„All das wird benötigt, um dich anzuketten und zu fesseln? Und dann liegst du die ganze Nacht hier im Kalten herum? Stell dir vor, es kommt jemand, der dir Böses will. Du könntest dich nicht einmal wehren.“
Er schmunzelte nachdenklich.
„Diesen Gedanken habe ich bisher noch nicht in Erwägung gezogen. Seltsam eigentlich. Komm, ich führe dich noch durch das Haus, den Gang, der die beiden Gebäude verbindet und dann reiten wir schleunigst zurück. Morgen zeige ich dir genau, wie du mir die Sachen anlegen musst.“
Wie in Trance musterte sie die Ketten und wurde traurig.
„Hallo, meine Prinzessin? Nicht träumen“, hauchte er und tupfte ihr mit seinem Finger auf die Nase.
„Komm, mache es dir und mir nicht schwerer als es ist. Ich kenne diese Situation und du wirst auch lernen, damit umgehen zu können.“
Er nahm ihr die Fesseln aus den Händen und zog sie ungeduldig aus dem Gebäude. Direkt am Eingang fielen ihm aus dem Augenwinkel frische Spuren im Schnee auf. Diese führten hinter die Stallung. Diese Tatsache ließ er sich nicht anmerken und stieg auf sein Ross.
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