Cecilia Ventes - Der Schatten des Werwolfs

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Ungarn 1858.
Máté Marusi kehrt nach 20 Jahren im Wiener Exil in die Heimat zurück und besucht seine Schwester Máriska und ihre Familie. Im Gepäck trägt er eine schwere Last, die geradezu Sinnbild ist für die Bürde, die ihm durch einen Fluch auferlegt wurde. Bald nach seiner Ankunft geschehen unerklärliche Dinge, Menschen und Tiere werden grausam getötet, was an die Opfer der «Bestie von Wien» gemahnt, doch Wien ist fern …
Die feinfühlige Máriska ahnt, dass in der undurchsichtigen Familiengeschichte die Wahrheit über Mátés Schwermut zu finden ist. Ihr Ehemann Dominik, ein stolzer Graf mit politischen Ambitionen, steht dem Schwager abweisend gegenüber, denn er spürt die Gefahr, die von dem Bruder seiner Frau ausgeht.
Bald schon spitzen sich die Ereignisse zu. Die Familie und auch das Hauspersonal geraten an ihre psychischen und physischen Grenzen, als sie von einem riesigen Untier bedroht werden. Und das ist nur der Anfang …

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„Ein bewegtes Leben – würde ich sagen. Wen wundert es da, wenn er keine Frau findet. Mir erscheint er sehr ruhelos. Wie eilig es plötzlich ist, wo der Termin doch erst heute Abend ist. Pest-Buda ist ja nun keine Weltreise. Jedenfalls kann er beachtlich schnell seine Sachen für ein oder zwei Tage zusammenpacken …“

Mit diesen Worten schritt Dominik wieder ins Haus zurück und widmete sich den letzten Bissen seines Frühstücks.

Der Kutscher verlangsamte die Geschwindigkeit und rief zu seinem Fahrgast:

„Ich muss einen Umweg fahren, nicht, dass wir dem Grafen noch auf unserem Weg begegnen, wenn er sich mit der Kutsche zur Arbeit fahren lässt. Der alte Gutshof liegt ungefähr zwölf Kilometer weg von dem Haus deiner Schwester, aber nach Pest-Buda geht es halt hier lang. Wir müssen sie in dem Glauben lassen, dass wir nach Esztergom fahren und von dort weiter. Halt dich fest, wir sollten uns beeilen, damit wir Zeit haben, alles vorzubereiten.“

Máté beugte sich etwas aus dem Fenster und blickte in die Augen seines Freundes András.

„Ich danke dir. Ich schaue mir das gleich mal auf den Plänen an, wo du mich unterbringen wirst.“

András jagte die Pferde über einen Umweg zu dem verlassenen Gutshof, der sich zwischen Pilismarót und Diósvölgy befand und in einem weiten Tal zwischen den Hügeln platziert war. Ein seltsam gelegener Ort in den Wäldern.

Das Ziel war nun in Sichtweite. András hoffte, dass alles so war, wie man es ihm berichtet hatte, denn selbst gesehen hatte er das alte Gebäude noch nicht. Der Gutshof wirkte bereits auf den ersten Blick sehr verfallen. Vorsichtig lenkte er die Kutsche in den Hof an einem alten Brunnen vorbei, auf dem noch die wackelige und morsche Kurbelvorrichtung zum Hochziehen der Wassereimer befestigt war. Dieser Hof war nicht nur verlassen, sondern auch einsturzgefährdet. András stoppte die Kutsche, zog die Bremse an und stieg vom Bock, während sein Freund wenig zuversichtlich aus dem Fenster sah. Er stieg aus. Das Grundstück lag in einem Talbecken mit Fernblick über die Wiesen und Felder. Hinter dem Gebäude sowie links und rechts davon begannen schon die Wälder. Sie standen nun vor einem stark verfallenen, wenn auch sehr großen Stallgebäude, das links vom Hauptgebäude platziert war. Allerdings machte auch dieser Teil keinen stabilen Eindruck. Schon von außen fiel die Aufmerksamkeit auf das seitlich aufgerissene Dach des hinteren Obergeschosses, die bröckelnden Außenwände und die abblätternden Säulen am Haupteingang. Das Haus an sich war groß mit einem Vordach und Stuckarbeiten. Aber jetzt hinterließ es einen seltsamen Eindruck. Die Männer schritten auf das baufällige Gebäude zu.

„Bist du sicher, dass dieses Haus nicht einstürzt, wenn wir da reingehen?“, erkundigte sich Máté vorsichtig, als er die paar wackeligen Stufen zum Eingang hochging und die knarrende Tür aufschob. Mit einem kurzen Quietschen brachen diese aus den Scharnieren heraus und die Tür fiel mit dumpfem Knall zu Boden. Der junge Herr verzog unzufrieden das Gesicht, während sein Freund lachte.

„Ich habe keine Ahnung. Aber das ist das einzige Gebäude hier in der Gegend, das so abgelegen ist und um das sich niemand mehr schert. Erst war es ein Gutshof, dann wurde es für Gefangenentransporte als Zwischenstopp genutzt, oder auch mal eine kurze Zeit als Gefängnis. Aber das ist auch schon lange her. Ich dachte, dass es ja dann hier etwas wie Zellen, Mauern, Gitter oder Ähnliches geben muss. Der Zeichnung und den Erzählungen nach, müsste das alles vorhanden sein. Aber lass uns ruhig mal schauen. Haben wir eine andere Wahl?“, erklärte András. Beide hoben die Tür auf und wuchteten diese irgendwie in die verrotteten Scharniere zurück. Sicherheitshalber zog Máté eine Pistole aus seinem Mantel und umgriff diese fest. Sie gingen weiter hinein. Alles wirkte gespenstisch. Überall befanden sich Staub und hereingewehte Überreste der Natur. Alte, dreckige Spinnweben hingen von der Decke und moderten mit dem Geruch des Hauses um die Wette. Die Zimmer waren im Erdgeschoss geräumig. Hier und da standen noch beschädigte Kleinmöbel herum. Durch die zugezogenen alten, zerrissenen Seitenvorhänge, war es dunkel. In einem der finsteren Räume hingen Fledermäuse am maroden Gebälk.

„Das ist ja gruselig, und es ist noch nicht mal Nacht“, flüsterte Máté.

Plötzlich krachte es laut und etwas flüchtete aus dem Haus. Erschrocken zog Máté seine Waffe hoch.

„Du hast doch keine Angst, oder?“, neckte ihn sein Begleiter.

„Das war vielleicht ein Fuchs oder ein Wolf, den wir hier in seiner Behausung gestört haben. Jedenfalls ein Tier. Was soll das nur geben, wenn du hier heute Nacht allein bleibst und gefesselt auf dem Boden liegst. Nicht, dass dann die Fledermäuse über dich wildes Tier herfallen und du vor Schreck stirbst“, stichelte er weiter.

„Ich habe nie behauptet, dass ich ein Held bin.“

András schubste ihn weiter zu einem Treppenaufgang unter dem seitlich eine Tür war.

„Wir müssen in den Keller. Je tiefer, desto besser. Die Wohnräume scheinen mir nicht geeignet, da fallen wir höchstens noch durch die maroden Fußböden.“ Der langjährige Freund zweifelte langsam an seiner Entscheidung, dieses Gebäude ausgewählt zu haben. Die Kellertür war immerhin aus Eisen und wirkte extrem stabil. Sie ließ sich nur schwer bewegen und so zogen beide Männer mit aller Kraft, bis sie einen ausreichenden Spalt zum Durchgehen geöffnet hatten. Dahinter lag die reinste Finsternis. Im einfallenden Licht erkannte man einen steinigen Gang, der nach unten führte.

„Ohne Lampe geht das nicht. Komm, wir holen zwei Fackeln von der Kutsche. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Es gibt gar keine andere Chance für heute Nacht als dieses Gebäude“, beschloss Máté.

Sie eilten zurück zu ihrem Gefährt und nahmen eine Fackel sowie eine Petroleumlampe mit. Dann wagten sie sich erneut in den Gang.

„Irgendwas stimmt mit dem Plan nicht“, bemerkte András und grübelte laut weiter:

„Vielleicht ist er zu alt und nicht erneuert worden? Eigentlich müsste hier eine Tür kommen und keine Abbiegung. Wir gehen hier weiter. Man hatte mir versichert, dass es so etwas wie einen Keller oder ein Verlies gibt. Komm!“

Von dem nach unten führenden, gemauerten Gang verliefen am Ende einige Stufen links steil hoch zu einem kleinen Vorsprung mit einer weiteren Eisentür. Sie öffneten diese und traten in einen hallenartigen Keller, dessen Wände aus großen Steinen gemauert waren. Mitten im Raum waren drei Gitterzellen eingelassen, die nebeneinander an der Rückwand des Raums befestigt waren. Die Stäbe reichten nicht ganz bis zur Decke, sondern waren am Ende wie Pfeilspitzen geformt. Die Raumhöhe betrug mindestens acht Meter in diesem Gemäuer. Das Dach schien dicht und die Balken zumindest hier einigermaßen stabil. Von Zelle zu Zelle waren es ungefähr zwei Meter Abstand und bis zur vorderen Wand vier Meter. In dieser befand sich links eine weitere Tür und daneben ein vergittertes kleines Fenster.

„Das ist wohl der Keller, in dem die Gefangenen auf ihren Weitertransport gewartet haben“, stellte der junge Herr nachdenklich fest.

András zeigte auf die Halterungen in der Wand. In den Zellen waren eingelassene Verankerungen, an denen teilweise noch abgeschlagene Ketten hingen.

„Halt mal!“

András drückte seinem Kumpel die Fackel in die Hand und prüfte die Festigkeit der Halterungen und Gitterstäbe, indem er daran rüttelte.

„Das ist perfekt! Sie sind zwar stark verrostet, aber die halten noch. Und hier haben wir Vorrichtungen für Fackeln. Wir können es hier hell machen, wenn wir alles vorbereiten. Das könnte klappen“, murmelte er zuversichtlich.

Máté konnte diese Zuversicht noch nicht teilen. Ihm war der Platz hier nicht geheuer. Zudem entdeckte er noch etwas.

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