Die kleine dicke Frau rührte weiter in ihrer Sauce und schwärmte:
„Sie ist noch jung und ihr Onkel ein recht gutaussehender, interessanter Mann. Da darf sie doch mal schwärmen. Wenn ich noch jung wäre, ich würde ihn sofort nehmen, wenn er mich fragen würde …“
Máté stand plötzlich grinsend neben ihr, steckte seinen Finger in den Topf und fragte:
„Liebste Orsolya, wollt Ihr Hochwohlgeborene meine Gattin werden? Es gibt sonst niemanden, der so gut kochen kann, und Liebe geht bekanntlich durch den Magen. Also würde ich sagen, dass ich ganz schön in dich verliebt bin.“
Der Haushälterin war diese Situation äußert peinlich.
„Man klopft an, wenn man, wo auch immer, einen Raum betritt, damit die Anwesenden wissen, dass jemand hereinkommen wird und nicht einfach in ein Gespräch reinplatzt und womöglich etwas mitbekommt, was nicht gewollt ist.“
„Ah, ich soll etwas nicht mitbekommen. Und, willst du meine Frau werden?“, fragte er schmunzelnd nach.
Orsolya holte sich die geschälten Kartoffeln von Máriska, füllte diese in eine Schüssel um und meinte nach einem kurzen Zögern:
„Ich werde drüber nachdenken.“
Plötzlich rief Bianká von oben aufgeregt durch das Treppenhaus:
„Mama, komm schnell! Bálint ist gefallen!“
Máriska und Máté rannten hoch zu den Zimmern der Jugendlichen. Dominik stürzte ebenfalls aus seinem Arbeitszimmer und hechtete die Stufen hoch.
Bálint lag stöhnend, von Krämpfen geschüttelt und schweißgebadet, auf dem Boden neben seinem Schreibtisch. Máriska, Dominik und Bianká legten den jungen Mann auf sein Bett. Máté war von diesem Anblick schockiert. Wie paralysiert stand er da und starrte auf den Jungen, der sich vor Schmerzen in seinem Bett krümmte und die Finger in sein Kissen krallte.
Orsolya eilte nun auch ins Zimmer und tropfte sogleich Medizin auf einen Löffel, den sie Bálint in den Mund schob. Dominik sah seinen Schwager fragend an.
„Wieso hast du mir eben nicht geholfen, ihn ins Bett zu legen? Was ist los mit dir?“
Er bemerkte sehr wohl, dass Máté verstört war, selbst anfing zu schwitzen und wie versteinert an der Wand lehnte. Sein Schwager starrte mit großen Augen auf Mutter und Sohn. Bálint entspannte sich langsam, während seine Mama ihn streichelte und Orsolya ihm den Schweiß abwischte. Der Familienvater hielt tröstend seine Tochter im Arm, die besorgt auf ihren Bruder blickte.
„Entschuldigt mich. Mir geht es gerade nicht gut“, stammelte Máté und verließ eilig den Raum.
Máriska wollte ihm folgen, aber Dominik hielt sie zurück und äußerte behutsam:
„Lass ihn. Was immer ihn eben überfordert hat, wir bekommen es heraus. Ich denke, er möchte jetzt lieber allein sein. Kümmere du dich um deinen Sohn, der ist jetzt wohl wichtiger.“
Máté kauerte auf seinem Bett. Er vergrub sein Gesicht im zerknäulten Kissen, um nicht laut herauszuschreien, was ihn quälte und bekümmerte. Minutenlang lag er so im dunklen Zimmer, dann tasteten seine Finger nach der Schublade an seinem Nachttisch, zogen diese auf und umgriffen eine Pistole. Plötzlich hielt etwas seinen Unterarm fest und verhinderte das Herausnehmen der Waffe. Es schauderte ihn. In seinen Gedanken erschienen unerwartet zwei glühende Augen, die zu einem unförmigen, näherkommenden Schatten gehörten. Das aufgerissene Maul mit riesigen Fangzähnen stürzte sich mit einem ohrenbetäubenden, fremden Laut auf ihn. In diesem Moment wurde er im Bett herumgerissen und seine Hand aus der Schublade gezerrt. Er hielt sich die Ohren zu, denn er konnte die unverständlichen hohen Laute eines unbekannten Wesens nicht mehr auszuhalten. Dann war es still. Zitternd fasste er, ohne die Augen zu öffnen, nach den Streichhölzern auf dem Nachttisch und zündete die Nachttischlampe an. Er zählte innerlich bis drei, um sich dann schlagartig umzuschauen. Niemand war da. Er rieb sich seinen Unterarm, an dem die Berührung noch zu spüren war. Noch nie war dieser dunkle Schatten ihm so nah außerhalb seiner Träume gekommen. Oder war er doch eingenickt gewesen? Langsam zweifelte er an seinem Verstand. Hurtig ging er zu seiner Jacke, holte eine Schachtel aus der Innentasche, fischte hastig eine kleine Tablette heraus und schluckte diese. Dann setzte er sich wieder auf sein Bett und zog aus der unteren Schublade des Nachtischs Papier und Stifte hervor. Intensiv und voll Leidenschaft bewegte er, fast aggressiv, den Kohlestift aus einem immer stärkeren Bedürfnis heraus, etwas loszuwerden, das nicht hinausgeschrien werden durfte. Wie besessen zeichnete er weiter und weiter. Was erst aussah wie unkontrollierte Kritzeleien, entwickelte sich zu einem tiefgründigen, vielschichtigen Bild. Immer inständiger und fester umgriff er sein Malwerkzeug. Schweiß rann seine Schläfen hinab. Sein Atmen wurde heftiger. Ausladende Striche und große Flächen fügten sich ineinander und wurden zu Details, die nur bei genauem Hinsehen zu erkennen waren. Die in sich verschwimmenden Gesichter, die auch hätten Felsen sein können, schrien auf. Ein alles einnehmender Schatten zog sich über das Bild, und die aus dem Gemälde starrenden Augen flößten beim Betrachten Angst ein. Seine Tränen tropften auf das Kunstwerk.
Orsolya hatte den Tisch gedeckt und wartete jetzt auf die Order des Hausherrn, das Essen servieren zu dürfen. Die Situation blieb angespannt, auch wenn Bálint nun ruhig in seinem Zimmer schlief und von seiner Schwester liebevoll umsorgt und bewacht wurde.
Dominik saß mit Máriska im Speisezimmer.
„Ich gehe ihn jetzt holen.“
Seine Gemahlin stand auf, wurde jedoch von ihrem Mann am Arm festgehalten.
„Er hat eine Uhr. Er weiß, wie spät es ist. Was immer ihn dazu bewegt, nicht pünktlich zu erscheinen, es scheint sein Wille zu sein.“
„Vielleicht geht es ihm nicht gut. Er ist so einsam und weiß doch gar nicht, wie es ist, wenn sich jemand um ihn sorgt, der nicht unsere Mutter ist.“
Dominik wurde ungehalten.
„Er ist ein erwachsener Mann, der bisher sehr gut ohne uns auskam. Wenn du ihn kennenlernen willst, musst du ihn gewähren lassen. Nur dann weißt du, wie er wirklich ist. Mich beunruhigt sein Verhalten. Er war vorhin wirklich völlig verstört. Warum? Wahrscheinlich haben wir uns einen Verrückten ins Haus geholt.“
Máriska verletzte, was ihr Ehemann von sich gab.
„Sprich nicht so von ihm, Dominik, bitte. Ich weiß selbst, dass es nicht einfach ist und es auch damals nicht einfach war. Aber es geht um meine Familie, und er gehört dazu. Verstehst du das nicht? Was immer ihn ängstigt, bewegt oder kümmert, ich will es wissen, sonst erfahre ich nie, warum unsere Familie auseinandergebrochen ist.“
Ihr Gemahl winkte ab.
„Was hilft dir das? Was hilft es dir, in der Vergangenheit zu leben? Du kannst nichts mehr ändern, also nimm es so, wie es ist und ihn, so wie er ist. Anstatt mir zu helfen, Bálint auf das Bett zu legen, erstarrte er wie eine Salzsäule … mich würde es nicht wundern, dass er so erschrocken ist, weil es ihm bekannt vorkam, wie der Junge auf der Erde lag. Erinnerungen an die Zeit, als das Übel über ihn hereinbrach. Hoffentlich nicht die gleiche Krankheit. Ich darf gar nicht dran denken. Stell dir das mal vor; die ganze Karriere beim Militär wäre hinüber …“
„Ich kann es nicht mehr hören!“, schrie Máriska und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie schaute ihren Mann abfällig an.
„Du und dein Militär. Es ist dir völlig egal, wie es Bálint geht. Hauptsache, sein Vater kann auf Grund von Höchstleistung stolz auf ihn sein, oder? Alles geht nur nach deinen Maßstäben. Ich mache mir Sorgen um unseren Sohn, mein Kind, und dabei ist es mir egal, was einmal aus ihm werden wird, solange er gesund und glücklich ist. Und wenn er irgendwann als Artist zum Zirkus gehen möchte, wäre mir das auch recht, auch wenn das deinen ehrgeizigen Zielen dann nicht genügen würde. Aber das wirst du nie verstehen, Herr Graf.“
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