„Ein Zirkusclown, warum nicht? Würde zu eurem Familienstammbaum sehr gut passen. Wenn wir mal die Lücken aufgefüllt hätten, wüssten wir, wie viele Spaßvögel da noch unterwegs waren.“
Máriska gab auf. Sie wusste, dass Dominik manchmal nicht merkte, wie überheblich und gemein er war. Sie war enttäuscht, dass er gar keinen Willen zeigte, überhaupt zu verstehen, was sie dachte oder fühlte.
„Ich sage Orsolya, dass sie auftischen soll“, mit diesen Worten erhob sie sich und wollte gerade das Zimmer verlassen, als die Tür geöffnet wurde. Máté trat ein.
„Entschuldigt, ich bin zu spät. Ich war über meinen Gedanken eingenickt.“
Er vernahm in Máriskas Gesicht, dass sie den Tränen nahe war. Aber er war klug genug, es in diesem Augenblick nicht anzusprechen, und ließ sie aus dem Zimmer gehen.
„Habt ihr wegen mir gestritten?“
Sein Schwager schüttelte den Kopf.
„Das Übliche, nichts, was dich kümmern muss.“
Der Hausherr musterte seinen Gast, der sich gesetzt hatte und recht blass wirkte.
„Geht es dir jetzt besser?“, interessierte sich Dominik.
Máté nickte stumm.
„Ich kann mich nur entschuldigen für vorhin, aber ich war völlig geschockt, meinen Neffen so zu sehen.“
„Jetzt hast du es wenigstens einmal mitbekommen, was uns beunruhigt.“
Der Abend verlief ruhig. Das Essen war vorzüglich gewesen, und man beschränkte sich auf allgemeine, unverfängliche Themen. Fragen, die jeder auf dem Herzen trug, wurden nicht ausgesprochen. Niemand wollte eine Diskussion oder heftigere Gefühlsausbrüche riskieren. Die Sorge um Bálint drückte die Stimmung zudem.
Máté lag wach und konnte einfach nicht einschlafen. Nichts half, seine Gedanken zur Ruhe zu bringen. Er zog ein Foto seiner Mutter aus der Nachttischschublade und betrachtete es im hereinscheinenden Mondlicht. Am liebsten wäre er weggelaufen, weit weg. Aber dafür war es jetzt zu spät. Morgen musste ihn jemand von der Welt fernhalten.
In diesem Haus fühlte er sich geborgen und geliebt. In keinem Fall durfte den Personen, die er immer mehr ins Herz schloss, etwas passieren. Weder seiner Nichte, seinem Neffen oder Orsolya. Tja, und natürlich Máriska … er hatte die Erinnerung an sie bewusst verdrängt. Nun war es fast wie früher. Máriskas Fürsorge und Liebe, die ihm so unvoreingenommen geschenkt wurde, machten ihn sehr glücklich. Umso mehr ging ihm das Drängen von András auf die Nerven. Er legte das Foto zur Seite und schloss die Augen.
Auch die Gräfin lag wach. Sie grübelte über das nach, was Máté ihnen alles offenbart hatte, und dennoch bekam sie die Teile des Puzzlespiels nicht richtig zusammen. Es war so unwirklich. Sie blickte auf ihren schlafenden Ehemann. Nie würde er ihrem Bruder selbstlos helfen, egal in welcher Notlage dieser stecken würde.
„Meinst du, ich merke nicht, dass du nicht schlafen kannst? Du warst heute Abend sehr gedrückt.
Stimmt etwas nicht?“
Er drehte sich zu seiner Frau.
„Ich muss nachdenken“, gab sie kurz zur Antwort.
Er griff ihre Hand.
„Das kann ich mir vorstellen. Es ist doch nicht alles so goldfarben, wie es anfänglich glänzte, richtig? Du merkst es jetzt auch“, stellte er mit ernster Miene fest. Seine Frau ging nicht darauf ein. Dominik versuchte noch einen Vorstoß.
„Auch wenn du mir unterstellst, dass ich nur auf einen Streit von euch warte oder darauf, dass er dich enttäuschen wird, kann ich dir sagen, dass es so nicht ist. Ich will einfach nur Klarheit und meine Familie aus irgendwelchen seltsamen Geschichten raushalten. Wenn ich sicher wäre, dass sein Besuch dich glücklich macht, auch auf längere Sicht, wäre er mir egal, aber das Gefühl habe ich nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen, Liebes.“
Máriska spürte selbst, dass sie Dominik gegenüber ungerecht war, wenn es um ihren Bruder ging. Sie gab ihm einen Kuss und kuschelte sich wortlos ins Deckbett, um mit ihren Gedanken allein zu sein. Dabei schlief sie ein.
Mit dem Quietschen von Mátés Zimmertür wurde sie wach. Sie lauschte seinen Schritten im Treppenhaus und vernahm, wie er in die Küche schlich. Was wollte er jetzt dort? Ihr Bruder ging nach kurzer Zeit wieder zurück in sein Zimmer. Jetzt hatte sie sich selbst dabei ertappt, wie sie sein Handeln skeptisch hinterfragte und schämte sich dafür.
Die Familie saß noch beim Frühstück, als eine Kutsche in den Hof einfuhr. Überrascht stand Dominik auf und schaute aus dem Fenster.
„Erwartest du jemanden, Schwager?“
Máté schüttelte den Kopf. Der Hausherr ging Richtung Tür, da läutete es schon.
Orsolya lief aus der Küche herbei und tapste direkt hinter dem Grafen her.
„Falls du die Tür öffnen wolltest, um deine Neugierde zu stillen, musst du zukünftig schneller werden. ch bin ja bereits da, deshalb darfst du gleich wieder den Rückzug in die Küche antreten“, bemerkte der Hausherr.
Orsolya drehte sich geradewegs wieder um und schritt mit einem beleidigten „Pff“ in die Küche.
Dominik öffnete die Tür und erkannte den Kutscher. Es war der Mann, der Máté gebracht hatte. Die Mütze hatte er wieder tief in das Gesicht gezogen.
„Verzeihen Sie, Herr Graf, ich bin geschickt worden, um Herrn Márusi nach Pest-Buda zu bringen. Ein Geschäftsmann hat mich beauftragt, ihm diesen Brief zu überreichen und ihn für ein Geschäftsessen heute Abend einzuladen. Wenn Sie so nett wären, ihm den zu geben? Ich werde hier auf ihn warten.“
Máté kam schon zur Haustür geeilt und nahm den Brief hektisch an sich, bevor er Dominik überhaupt ausgehändigt werden konnte.
„Eine Einladung! Wegen schlechter oder guter Nachrichten? Ich hoffe, du verlierst gerade kein Geld“, interessierte sich Dominik.
Máriska kam ebenfalls zum Hauseingang und lächelte dem Kutscher zu, der nur verlegen nickte.
„Es ist kalt und Sie haben sicherlich einen weiten Weg hinter sich. Wollen Sie nicht reinkommen und sich etwas in der Küche aufwärmen?“
Der Kutscher schüttelte den Kopf und grummelte fast unverständlich:
„Nein, danke! Aber ich weiß Ihr Angebot zu schätzen.“
Máté winkte den Mann mit den Worten herein:
„Ich benötige Sie zum Tragen meiner Schmiedekünste. Bitte kommen Sie mit hoch und helfen Sie mir. Es wird nicht lange dauern. Ich bin gleich fertig mit Packen.“
„Was ist denn hier los?“, bemerkte Orsolya irritiert, als sie aus der Küche kam und beobachtete, wie die Männer den Hausgang hochliefen.
Ihr Blick fiel auf die Kutsche.
„Er will doch wohl nicht schon wieder abreisen?“
„Indirekt. Er will nach Pest-Buda zu einem Geschäftsessen und schmiedet wohl auch Kunstgegenstände. Immer mal etwas Neues, das sich offenbart“, antwortete Dominik kühl.
Máriska zuckte die Schultern, während sie zu der Haushälterin sah, die ebenso sichtlich enttäuscht über die Abreise war. Máté und der Kutscher trugen einen der schweren Kistenkoffer die Treppe hinunter und luden ihn auf. In Windeseile folgten der zweite große Koffer und eine Reisetasche. Beide schienen es sehr eilig zu haben und so verabschiedete sich Máté nur mit einem Winken von allen, während er sich seinen Mantel überschmiss und seinen Hut aufsetzte.
„Wann kommst du denn wieder?“
Die Stimme der Gräfin klang traurig. Er lächelte sie an.
„So schnell ich kann. Wahrscheinlich bin ich morgen Abend oder übermorgen wieder da. Manchmal kann man nicht abschätzen, wie lange wichtige Geschäftsverhandlungen dauern …“
„… oder die Feiern danach“, tat Dominik mit einem verschmitzten Lächeln kund.
„Auch das“, gab der Gast zurück.
Orsolya hatte rasch noch eine Vesper in ein Küchenhandtuch gewickelt, die aus Brot, Speck, Pogatschen und Kuchen bestand. Bevor die Kutsche über den schneebedeckten Weg davonfuhr, reichte sie Máté schnell noch das Essen durch die geöffnete Scheibe hindurch. Dann winkten alle und sahen, bis auf Dominik, betrübt hinterher.
Читать дальше