„Es ist nicht viel und auch nicht kuschelig, aber bequemer, wie direkt auf dem harten Boden zu liegen bei der Kälte“, ermutigte er sich selbst.
„Wir können dir ein kleines Feuer machen. Du bist hier halt nicht in einem Hotel oder deinem eigenen bequemen und warmen Verlies.“
András kratzte mit seinem Schuh über eine auffällig dunkle Stelle. Máté betrachtete noch einmal die Eisentür näher.
„Schau her. Hier gibt es zwar ein Schlüsselloch, aber auch seitliche Halterungen für einen Querriegel zum Einhängen. Einmal im unteren Drittel und einmal da. Wenn wir die passenden Querbalken oder Stangen finden würden, wäre die Tür sogar von außen richtig gut verbarrikadiert. Zumindest diese. Ich schaue auch mal bei dem anderen Eingang nach.“
Gleich darauf kam er mit zwei Metalllatten zurück, die über die gesamte Türbreite eingelegt werden konnten.
„Die müssten passen. An der anderen Tür ist nur die Möglichkeit, eine Querverriegelung einzulegen. Wenn beide Türen damit verbarrikadiert werden, bekomme ich diese sicher nicht so einfach auf, falls ich mich befreien sollte. Mauern habe ich bisher auch noch nicht durchbrochen. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste. Wenn du mich mit unseren Fesseln und Ketten wie gewohnt hier an den Verstrebungen befestigst, dürfte wirklich nicht viel passieren, oder was meinst du?“
András nickte stumm und räumte derweil die Eisenringe aus dem Koffer. Máté unterschätzte seine Kräfte enorm, deshalb sagte sein langjähriger Begleiter nichts mehr dazu, was die Bestie bisher eingerannt oder auseinandergerissen hatte. Er beäugte die besonderen Konstrukte und entwirrte sie. Die Fesseln und Ketten waren Sonderanfertigungen mit Mechaniken für den Hals- und die Fuß- und Handgelenksbereiche. Stabil und beweglich. Beweglich deshalb, damit sie bei der Verwandlung mitwuchsen und einrasteten. Nur so war sichergestellt, dass der Werwolf sich nicht aus zu großen Fesseln vorab befreien oder sich durch zu kleine verletzen konnte. Máté fiel auf, dass sein Kumpel die Ketten mit gemischten Gefühlen in Händen hielt und gesellte sich zu ihm. Traurig bekannte er:
„Ich weiß, dass du dir von dieser Nacht etwas anderes erwartet hast. Gerade jetzt, wo alles schwieriger wird für mich, obwohl die Lösung direkt vor uns steht.“
Sein Freund lächelte, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und fing an, die diversen Einzelteile der Fesseln zusammenzustecken.
Die Familie saß beim Frühstück. Nichts war ungewöhnlich, bis die Geräusche einer heranfahrenden Kutsche zu vernehmen waren.
„Aha, der Herumtreiber scheint zurückzukehren“, kommentierte Dominik das Gehörte, während er an seinem Kaffee nippte und abfällig grinste.
„Ich dachte, Onkel Máté war geschäftlich unterwegs?“, fragte Bálint nach.
„War er auch“, meinte daraufhin seine Mutter.
Ervin schritt aus dem Stall, um zu sehen, wer da kam. Der Haushelfer wunderte sich über das nachlässige Aussehen des jungen Herrn, als dieser aus der Kutsche stieg. Máté nahm dies wahr und erklärte spontan mit einem Augenzwinkern:
„Es war eine lange Nacht mit wenig Schlaf, viel Alkohol und netten Mädchen. Und ich wollte pünktlich wieder hier sein, also habe ich in der Kutsche geschlafen. Kämmen kann ich mich jetzt noch … rasieren auch.“
Ervin belächelte die unaufgeforderte Erläuterung.
„Ich habe nichts gefragt.“
„Dann ist ja gut …“, fügte Máté grinsend hinzu und fuhr sich mit den Händen durch die zotteligen Haare. Er griff nach seiner Reisetasche und verabschiedete den Kutscher, der wortlos abfuhr.
Orsolya rührte einen Teig, aber ihr entging nicht, wie sich der Nachtschwärmer hinter ihrem Rücken leise in die Küche schlich, um die abgestellte Tasse frisch aufgebrühten Kaffee zu stibitzen.
„Guten Morgen, liebe Orsolya“, sang er förmlich, seine Hände an der Kaffeetasse wärmend. Vorwurfsvoll begutachtete sie ihn von oben bis unten, widmete sich wieder ihrem Teig und bemerkte:
„Ich will es nicht wissen.“
„Ich werde auch nichts erzählen“, flötete er, wohlwissentlich, dass sie vor Neugierde gleich platzte.
„Warte nur, wenn der Graf dich so sieht. Wie du ausschaust. Geh´ und mach dich frisch! Vor allen Dingen rasiere dich. Ich dachte, du warst geschäftlich da. So wie du dich präsentierst, scheint mir das eher eine …“, wetterte sie und vermied, es auszusprechen.
Máté umschlang sie von hinten und nahm ihr die Schüssel aus den Händen.
„Manchmal muss man das Leben einfach genießen und fünfe gerade sein lassen“, philosophierte er und tanzte mit ihr quer durch die Küche.
Dann schaute er sie schuldbewusst mit großen Augen an, denn er wusste, dass Orsolya diesem Blick noch nie hatte widerstehen können. Sie hielt inne, nahm ihm die Schüssel ab und guckte ihn ermahnend an.
„Ich weiß sehr wohl, was du da gerade versuchst. Und schlimm ist, dass es immer noch funktioniert, obwohl du schon so alt bist. Furchtbar, man kann dir einfach nicht böse sein. Ich habe übrigens für dich mitgedeckt.“
Verschmitzt grinsend zog er seine Augenbraue hoch und schritt zum Esszimmer. Er klopfte, trat ein und setzte sich.
„Guten Morgen, ich weiß, ich bin zu spät und nicht besonders ansehnlich, aber ich wollte unbedingt zum Frühstück wieder anwesend sein.“
Bianká schaute schüchtern auf und meinte:
„Ich finde, das sieht sehr verwegen aus und steht Ihnen sehr gut, liebster Onkel.“
„Also darf ich des Öfteren so erscheinen?“
„Das glaube ich weniger. Wir verstehen uns doch als Vorbilder und das solltest du auch, wenn du mit Heranwachsenden zu tun hast. Bitte erscheine demnächst hier so, wie es sich gehört“, mahnte der Familienvater.
Dann musterte er seinen Schwager kritisch, während Máriska ihrem Bruder Kaffee eingoss.
„Waren die Geschäfte denn erfolgreich?“, wollte Bálint wissen.
Sein Onkel nickte.
„Ja, ich habe alles verkauft, deshalb haben wir danach etwas gefeiert.“
„Darf ich denn das nächste Mal mitfahren, wenn Sie wieder nach Pest-Buda fahren, Onkel?“, fragte sein Neffe nach.
Bevor dieser antworten konnte, kam Ervin aufgeregt mit einer Zeitung in den Raum gestürzt.
„Schauen Sie nur, Herr Graf. Die Bestie von Wien scheint ihren Weg nach Ungarn gefunden zu haben. Heute Morgen hat man zwei Leichen entdeckt. Übel zugerichtet und zerschunden. Es handelte sich um ein Ehepaar.“
Máté stand auf und riss dem aufgeregten Mann die Zeitung aus der Hand, bevor dieser sie an Dominik weiterreichen konnte. Er las aufgeregt und stammelte:
„Wo ist das? Pilisszentkereszt.“
Der Graf spähte erst argwöhnisch zu seiner Gemahlin und antwortete dann:
„Ungefähr zweiundzwanzig Kilometer von hier. Es liegt abgelegen und ist ein kleiner Ort in den tiefen Wäldern Ungarns.“
„Zweiundzwanzig Kilometer ist nicht weit weg“, überlegte sein Schwager laut.
„Ich wollte es nicht laufen …“, scherzte das Familienoberhaupt.
Máté war sichtlich erschüttert und blickte unruhig umher. Dominik nahm seinem Schwager vorsichtig die Zeitung aus der Hand, um sich selbst ein Bild über diesen Bericht machen zu können. Seine Schwester versuchte, beruhigend einzuwirken und meinte:
„Die Zeitungen wieder. Es kann ein Verrückter sein oder eine ganz normale Bluttat, und die Tiere im Wald haben die Verstorbenen gewittert und …“
„Oh, bitte!“, unterbrach der Graf angewidert den Gedankengang seiner Frau.
„Was ist denn mit Ihnen, Onkel Máté? Sie sind auf einmal so blass?“, erkundigte sich Bianká.
Orsolya trat ins Zimmer ein und stellte jedem sein Pausenbrot auf den Tisch.
„Beeilung, ihr trödelt schon wieder. Was stehst du denn da rum, Ervin?“
Читать дальше