Alle Augen waren auf den sichtlich verstört blickenden Máté gerichtet. Auch die Haushälterin schaute nun fragend auf ihn und dann in die Runde.
„Wenn es wirklich die Bestie von Wien ist, dann seid ihr alle in Gefahr“, flüsterte er betroffen.
Dominik stand auf, faltete die Zeitung zusammen, klopfte seinem Schwager auf die Schulter und äußerte sich wenig besorgt:
„Ich gebe zu, eine ungewöhnliche Schlagzeile, aber jetzt verlier nicht die Nerven. Man weiß noch gar nichts, außer, dass ein Doppelmord passiert ist. Ich mache mich kundig. Mach dir keine unnötigen Sorgen!“
Bianká streichelte ihrem Onkel tröstend über den Unterarm und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Papa passt schon auf uns auf, und Sie und Ervin sind doch auch noch da. Was soll uns denn da passieren?“
Máté lächelte gequält und nickte stumm. Ervin war derweil zum Stall gelaufen und bereitete die Kutsche vor. Máriska verabschiedete ihre Kinder und trieb sie an, sich fertig zu machen. Dominik lief mit seiner Frau in den Flur. An der Garderobe flüsterte er eindringlich:
„Ich stelle keine Fragen, aber dass sein Verhalten eben sehr eigentümlich war, kannst du nicht bestreiten, oder?“
Máriska half ihm, ohne Reaktion auf seine Worte, in den Mantel und richtete seinen Schal, während er sich den Zylinder anzog. Er gab seiner Frau einen Kuss und stieg dann in die Kutsche zu den Kindern.
Die Gräfin ging zurück ins Wohnzimmer und schaute auf ihren angespannten Bruder, der am Fenster stand. Sie näherte sich ihm von hinten, umfasste seine Hände und legte ihr Kinn auf seine Schulter.
„Was ist denn los?“, erklang ihre Stimme sanft fragend.
„Ich bin müde, und diese Bestie finde ich einfach nur beunruhigend. Eigentlich dachte ich, in Ungarn hätte ich Ruhe vor ihr. In Wien nervt dieses ewig wiederkehrende Thema nur.“
Mit diesen Worten drehte er sich zu seiner Schwester und umarmte sie.
„Ich würde gerne noch etwas allein sein. Wenn du nichts dagegen hast, gehe ich auf mein Zimmer und schlafe meinen Rausch aus.“
Máriska gab ihm einen Kuss und nickte.
„Du bist hier zu Hause. Du musst mich nicht fragen. Du kannst dich frei bewegen. Ich werde Orsolya in der Küche helfen, und wenn du etwas brauchst, rufst du einfach“, antwortete sie verständnisvoll und fing an, das Geschirr abzuräumen.
Máté ging auf sein Zimmer und setzte sich auf das Bett. Dann zog er seine gemalten Bilder hervor und betrachtete sie wie in Trance. Seine Hände griffen nach Papier und seinen Stiften. Vorsichtig fing er an zu malen. Sanfte Striche verknüpfte er plötzlich mit einem harschen Gekritzel. Wie von selbst entstanden dadurch skurrile Gestalten mit bösen oder angsterfüllten Augen. Wie in einem Rausch zeichnete er, um dann das Bild selbstquälerisch zu zerreißen. Erschöpft ließ er sich auf den Boden vor dem Bett gleiten.
Amalrich Jodokus saß gegenüber von Dominik am Bürotisch, der einige Schriftstücke durchsah. Der unauffällige Spion betrachtete gespannt seinen Freund und genoss derweil wieder leckere Gebäckstücke von einem edlen Glasteller. Der Schreibtisch des Grafen war unaufgeräumt. Immer wieder suchte er in einem der Stapel nach etwas, das ihn weiterbringen könnte.
„Nichts! Gar nichts, was ihn in Verbindung mit Straftaten bringen könnte. Mist!“, ärgerte er sich und schlug die Papiersammlung auf die Tischkante.
„Sei doch froh. Er ist mysteriös, aber sauber. Das müsste doch in deinem Sinne sein. Mysteriös und dann noch straffällig wäre kritisch“, grinste Herr Jodokus und fügte hinzu:
„Auch wenn dir Letzteres lieber wäre. Anstatt dich so gegen ihn zu stellen, solltest du vielleicht etwas von ihm lernen. Was immer er treibt, du kriegst es nicht so richtig raus … das ärgert dich. Statt ihn vorzuführen, solltest du ihm lieber vertrauensvoll entgegentreten und Geduld beweisen. Dann erfährst du wahrscheinlich mehr als so. Besser als Wolf im Schafspelz anschleichen, anstatt wie ein jämmerlicher Wolf auszusehen und dabei noch ein dummes Schaf zu sein. Im Übrigen waren die Kekse von letzter Woche, die mit mehr Schokolade, außerordentlich lecker. Nur falls du den Teller mal nachfüllen lassen willst.“
Es klopfte und Samuel Klápká kam herein. Ein Mann Mitte vierzig mit Brille, schwarzen Haaren und einem sehr freundlichen Gesicht. Er schien immer gut gelaunt und war stets zu Späßen aufgelegt, aber der Anschein war trügerisch. Samuel war in Wirklichkeit ein tiefgründiger und nachdenklicher Mann, der auch genau wusste, wie er einen Vorteil erlangen konnte, wenn es ihm wichtig war. Seine Fassade eines lustigen Lebemanns hatte nichts mit seinem kritischen und misstrauischen Wesen zu tun. Er hatte gelernt, wie man sich Probleme vom Hals hielt und, ohne mit den falschen Leuten zusammenzustoßen, durch die Welt ging.
Schwungvoll zog er sich einen Stuhl an den Schreibtisch und setzte sich neben seinen Kollegen Amalrich. Er kramte einen Zettel aus seinem offenen Jackett.
„Hört zu! Es ist wie in einem Krimi oder eher wie in einem Horrorfilm. Ich habe Fakten, Fakten, Fakten und irgendwie doch nichts.“
Sein Blick wanderte über die Unordnung.
„Wie ungewöhnlich. Entspricht dieses Chaos von Papier dem, das in deinem Kopf herrscht?“
Zu keinerlei Kommentar ließ sich Dominik hinreißen. Umgehend las Samuel begeistert seine Stichpunkte zur Recherche der beiden Morde vor:
„Tibor und Rózika Veresz. Er dreiundzwanzig, sie neunzehn Jahre alt, verheiratet, beide in der Landwirtschaft tätig, gefunden im Wald von Pilisszentkereszt, wo übrigens auch ihr Wohnort war. Tatort: Das eigene Haus. Zersplitterte Fensterscheibe, Blut in der Wohn-, wie auch in der Essecke im Wohnzimmer, Todesursache: Er Genickbruch, sie verblutete wahrscheinlich, beide Körper wiesen Biss- und Risswunden, wie von einem Tier mit Reißzähnen zugefügt, an Armen, Hals und Brustkorb auf. So, als wenn sie auf der Flucht immer wieder gepackt worden wären. Über das Fenster wurden sie letztendlich aus dem Gebäude gezogen. Die Blutspuren verschwinden direkt davor und tauchen auf dem Weg von ihrer Behausung bis zur Fundstelle drei Mal auf, also so alle 1 bis 1,5 Kilometer. Die Stellen im Schnee sehen aus, als ob man die Körper zwischendrin immer wieder abgelegt hat. Ganz eigentümlich – keine Fußspuren, keine Spuren eines Schlittens oder Ähnlichem. Der Schnee hat ihre Abdrücke hervorragend konserviert. Nur am Fundort, da war recht viel Gewühle im Schnee.“
Amalrich hielt wortlos einen Keks und schaute Samuel mit seltsamem Gesichtsausdruck an.
„Was ist, geht es dir nicht gut?“, erkundigte sich dieser überrascht.
Da keine Antwort folgte, fuhr er mit seinen Ausführungen fort.
„In der Wohnstube ließ alles auf einen Kampf schließen. Sie muss dem Täter auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer begegnet sein, denn dort sind die ersten Blutspuren und ein Kerzenhalter mit zerbrochener Kerze lag auf dem Fußboden. Jedenfalls zeigt ihr Körper tiefe Einschnitte von einer Art Messer oder einem Brieföffner.“
„Ich glaube, mir wird schlecht“, äußerte sich sein Kollege und hielt seinen Keks noch immer in der gleichen Haltung in der Hand, wie vor Beginn der Schilderungen.
Gefesselt von dem Thema sprang Samuel nun auf und lief zur Tischseite, an der Dominik saß. Er malte ihm etwas auf.
„Die Wunden sind ungefähr vier bis acht Zentimeter lang und unterschiedlich tief. Es gibt ein abgebrochenes Stück dieser eigentümlichen Waffe. Man fand es zwischen ihren Rippen. Wie ein Stück von einem kleinen Horn, leicht gebogen und spitz. Wirkte jedenfalls noch sehr naturbelassen, also nicht bearbeitet wie ein Brieföffner aus Horn. Die Bisswunden sind auch seltsam. Es muss ein Tier sein mit spitzen Eckzähnen und einer enormen Spannweite des Mauls. Jedenfalls offenbart sich das Grauen wenig appetitlich. Bei ihm wurden die Nieren förmlich aus dem Körper …“
Читать дальше