Und immer wieder traf ihn unter halbgeschlossenen Lidern ein Blick aus wunderschönen Frauenaugen, der ihn mehr und mehr verwirrte. Wenn das noch Spiel war, dann war es ein sehr gefährliches Spiel!
Christian Jost trank ein paar Liköre, und ihm wurde danach leicht und beschwingt zumute. Die Augen störten und verwirrten ihn jetzt nicht mehr, er gab die Blicke zurück und dachte: Mag’s gehen, wie es will, ich bin gespannt!
Das kleine Orchester spielte sehr gut, es verdiente seinen Ruf. Ein Walzer von Strauss erwachte, verzauberte den Raum, ein Paar konnte der melodischen Lockung nicht widerstehen, es begann zu tanzen.
Juliane ter Mer fragte lächelnd: „Wollen wir auch tanzen, Herr Jost?“
Er erhob sich sofort. Tanzen konnte er, und sein dunkelblauer Anzug sass gut, das wusste er. Ihre Hände berührten sich, ihre Körper kamen sich nahe, der Walzer, in dem Alt-Wiener Glanz und Herrlichkeit tönend widerklang, zog sie in ihren Bann. Sie tanzten leicht und angeregt. Sie fielen auf als schönes Paar.
Frau Kooper sass ganz still da, sie schien müde, und Jan van Straaten sah den Tanzenden zu, die inzwischen schon auf fünf Paare angewachsen waren. Aus dem Speisesaale fand sich ein sechstes Paar dazu.
Christian Jost und Juliane ter Mer wechselten kein Wort, während sie tanzten, und als der letzte Geigenstrich verhallte, befanden sie sich ganz nahe bei ihrem Tisch.
Juliane ter Mer nickte ihrer Anstandsdame zu.
„Herr Jost tanzt ausgezeichnet, und ich brauche einen guten Tänzer, ich habe schon lange nicht mehr getanzt.“
„Davon merkt man wirklich nichts“, meinte Christian Jost, „Sie tanzen so weich und selbstverständlich, als tanzten Sie sehr oft.“
Ihre schmalen Hände mit den glänzenden Nägeln nahmen eine Zigarette.
„Als ganz junges Mädchen wünschte ich, Tänzerin zu werden, aber meine Eltern wollten nichts davon wissen, sie wehrten sich energisch dagegen. Trotzdem erreichte ich, dass ich bei einer sehr bekannten Tanzlehrerin im Haag Unterricht nehmen durfte, und ich war schon ein paarmal aufgetreten, als ich meinen Mann kennenlernte.“
„Sie tanzen wundervoll, Frau ter Mer, und es ist ein Genuss, Ihnen zuzuschauen“, sagte Jan van Straaten.
Die Musik begann einen Tango zu spielen. Er hiess: In einer Frühlingsnacht! Zwei Augenpaare trafen sich, sie fragten einander etwas und beantworteten zugleich die Frage. Schon tanzte Juliane ter Mer wieder mit Christian Jost. Der sanfte und doch bewegte Rhythmus der Tangoweise lenkte die Bewegungen der Tanzenden. Es tanzten schon sieben Paare, sie tanzten gut und schön, aber keine Dame tanzte so wie Juliane ter Mer, alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie. In der Tür zum Speisesaals standen viele Zuschauer.
Das schwarz-weiss gestreifte, schimmernde Samtkleid schien sich straffer um den schlanken Frauenkörper zu spannen, der biegsam hinglitt in weitem Kreise.
Einmal sagte Juliane ter Mer etwas, Christian Jost war es, als hätte er verstanden: „Es ist ein Wunder!“ — Er erinnerte sich. Die vier Worte hatte er heute abend schon einmal von ihr gehört, vor dem Hause zu den Lilien. Alle mussten sie dort gehört haben. Als habe sie zu sich selbst gesprochen, so war es gewesen, und dennoch, als wenn es auch andere hören sollten. Sie hatte es deutsch gesagt. Was mochte sie mit den Worten: „Es ist ein Wunder!“ meinen?
Das erstemal hatte er es schliesslich so aufgefasst, dass sie vielleicht den Zauber der alten Gasse gemeint habe. Oder hatte sie die Gewohnheit, zu sagen: Es ist ein Wunder! wenn ihr etwas gefiel, wie vorhin sein altes Vaterhaus und jetzt wohl der Tanz.
Aber weshalb tat sie es dann nicht in ihrer Muttersprache?
Nachdem der Tanz zu Ende war, bat Juliane ter Mer: „Führen Sie mich morgen, bitte, in Alt-Frankfurt umher, Herr Jost; am frühen Nachmittag, damit ich Ihnen keine Vormittagsstunde des Studiums wegnehme.“
Er dachte nicht mehr an ein Widerstreben und erklärte: „Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung, wann Sie es wünschen, gnädige Frau.“
Er hatte noch nie einer Frau die Hand geküsst, heute tat er es zum ersten Male, als er sich verabschiedete von Juliane ter Mer.
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