Sie stöhnte laut auf und ihr Herz krampfte sich zusammen, ihr armer Kopf sass ihr ganz schwer auf den Schultern. Fassungslos stand sie dem Erlebten gegenüber. Sie hatte ihren Mann gesehen, war nur ein paar Meter von ihm entfernt gewesen, und nun schien doch alles zu sein wie vorher.
Sie sank auf einen Küchenstuhl nieder und atmete bedrückt. Ihre Gedanken arbeiteten ängstlich, und zugleich lauschte sie angestrengt hinaus, ob nicht ein Schritt auf den Hof käme. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Ihr Mann konnte beim Nachfragen aufgehalten worden sein, viele in der Gasse hatten ihn doch gekannt. Man würde ihn anstaunen, mit Fragen bedrängen. Trotzdem musste er bald hier sein, bald, bald.
So sass Luise Utten und wartete auf ihren Mann; aber anders als in den vielen Jahren wartete sie heute. Es stand eine nahe Gewissheit hinter ihrem Warten, sie hatte ihn ja schon gesehen.
Sie wartete und wartete. Zuweilen lächelte sie ein wehmütiges und doch hoffnungsvolles Lächeln. Es war das Lächeln einer Frau, deren Liebe niemals sterben kann.
Plötzlich beengte sie die Stille, sie ertrug das tiefe Schweigen um sich her nicht länger, es war, als habe man viele dicke Decken über sie geworfen.
Sie erhob sich, sie wollte zu Ulla, die sich gewiss wieder im Vorderhause bei Mathias Jost befand. Da war sie in den Abendstunden von jeher mehr daheim als hier.
Sie drehte das Licht aus und schlich die Treppen hinunter, das Knacken der alten Stufen störte sie. Ihre schon seit langem streikenden Nerven befanden sich in böser Verfassung! sie fühlte, wie sie zitterte, als sie über den Hof ging, und das Zittern verstärkte sich noch, als sie wieder auf die Gasse hinaustrat. Schräg gegenüber lag das Haus „Zum Hühnchen“, aber niemand stand davor. Sie hatte im Unterbewusstsein fast gehofft, ihren Mann wieder dort zu erblicken, wo sie ihn vorhin gesehen.
Ihr Denken ging unter in einem tollen Durcheinander, und wie eine, die sich auf der Flucht befindet, lief sie ein paar Schritte, riss die Tür des Uhrmacherlädchens auf und stürmte hinein. Sie musste anderen Menschen erzählen, was sie erlebt, musste fragen, was andere von dem merkwürdigen Betragen ihres plötzlich zurückgekehrten Mannes hielten.
Sie brauchte Verständnis, Trost, Rat und Hilfe, sie wurde nicht mehr allein fertig mit dem Übergrossen, was geschehen war.
Ulla sass in der Uhrmacherwerkstatt hinter dem kleinen Laden. Mathias Jost arbeitete nicht, sie hatte seinen Platz eingenommen, schaffte für ihn, und er sass im Lehnstuhl und gönnte seinen Augen Ruhe; sie ermüdeten ja immer so bald in diesem Raum, der auch tagsüber künstlich erhellt werden musste.
Ulla sagte: „Jemand erzählte mir, es soll schon in allernächster Zeit mit dem Abreissen meines Geburtshauses begonnen werden.“
Mathias Jost nickte. „Ich hörte es ebenfalls, und lange darf man auch nicht mehr damit warten, der eine Giebel neigt sich schon bedenklich.“
Ulla spürte ein Brennen hinter den Lidern.
„Armes altes Haus, das man zum Sterben verurteilt hat! Als Mutter vor Wochen die Neuigkeit mit heimbrachte, das Haus, das einmal ihr gehört hat, müsse wegen Baufälligkeit niedergelegt werden, weinte sie sehr und weinte noch viele Tage danach. Sie meinte, wenn der Vater nun heimkehre, würde er traurig sein, das alte Haus nicht mehr wiederzufinden, in dem er mit ihr so glücklich gewesen.“ Bitter setzte sie hinzu: „Als ob ihm etwas an allem läge, was er hier zurückgelassen! Was gilt einem, der sich wie ein Dieb davongemacht, so ein altes kaputtes Haus! Aber Mutter ist verstört und redet immer davon. Sie sagte, das Haus hätte noch lange Jahre Widerstand geleistet.“
Er tröstete: „Sie wird auch darüber wegkommen. Solche Abbrucharbeiten gehen verhältnismässig schnell, und wenn das Haus erst verschwunden sein wird, ist’s vielleicht sogar besser für sie. Die Erinnerung an all das, was für sie mit dem Hause zusammenhängt, wird matter werden.“
„Wollen es wenigstens hoffen!“ gab Ulla fast inbrüstig zurück; denn ihre ganze Jugend hatte, wenn sie es auch schon in frühester Kindheit verlassen, doch im Schatten des Hauses da drüben gestanden.
Draussen bimmelte die Ladentürklingel, und Mathias Jost ging hinaus. Ein alter Kunde brachte eine verbesserungsbedürftige Uhr und hielt ihn lange auf. Endlich konnte er zu Ulla zurückkehren.
Sie sass wie vorhin bei der Arbeit und schaute kaum auf; aber als er jetzt mitarbeiten wollte, lächelte sie: „Faulenze nur noch ein Weilchen, du hast es verdient, Uhrendoktorche!“ Sie führte mit der Pinzette ein winziges Rad in die vor ihr liegende Herrenuhr und warf ihm zu: „Christian hat heute seinen Freund mitgebracht, mit dem er immer so wichtig tut, er hat ihn mir vorhin auf dem Flur vorgestellt.“
„So!“ machte Mathias Jost interessiert. „Wie sieht er denn aus, und vor allem, wie gefällt er dir?“
„Ach, nach einem ersten Sehen kann man eigentlich kein Urteil abgeben.“
Er liess sich in seinen geliebten Armsessel nieder.
„Du willst dich um eine gerade Antwort herumdrücken, Ulla. Du weisst über einen Menschen schon Bescheid, wenn du ihn nur flüchtig anschaust. Also offen heraus: Wie gefällt dir der Freund von Christian, der selbst restlos von ihm begeistert ist?“
Ulla nahm die Lupe vom Auge.
„Wenn du durchaus mein offenes Urteil verlangst, gut: Der Mann aus Ostindien gefällt mir gar nicht! Er sieht aus wie ein Asiate in Reinkultur, das Lächeln hat er auch, das verflixte, sich immer gleichbleibende Lächeln. Und seine Stimme ist so dünn wie Säuseln.“
Mathias Jost erwiderte: „Nach deiner Beschreibung passt er also ganz und gar nicht zu Christian.“
Er verstummte jählings, denn eben öffnete sich die Tür, und sein Sohn trat mit Jan van Straaten ein. Er konnte nun gleich feststellen, dass Ullas Beschreibung genau stimmte.
Er war sehr enttäuscht, er hatte sich den Freund Christians, der bei jeder Gelegenheit von ihm schwärmte, anders vorgestellt. Aber er reichte Jan van Straaten freundlich die Hand und bot ihm Platz an.
Christian wollte sagen: Wir wollen uns nicht aufhalten! Aber er schwieg, denn Jan van Straaten sass bereits.
Seine Augen ruhten auf Ulla Utten.
Er fragte: „Sie sind eine Gehilfin von Herrn Jost, mein gnädiges Fräulein?“
Ulla lachte laut und vergnügt.
„Ich bin kein gnädiges Fräulein und will auch keines sein; Ulla Utten heisse ich, falls Sie den Namen vorhin schlecht verstanden oder schon vergessen haben sollten, Herr van Straaten, und ich helfe Herrn Jost freiwillig mit. Abends, wenn ich Zeit dazu habe.“
Mathias Jost erklärte: „Von Kind an bezeigte Ulla grossen Eifer, mir zu helfen. Erst war’s freilich nur Spielerei, allmählich aber lernte sie mir ab, was ich konnte, und es wurde Ernst aus dem Spiel. Jetzt versteht sie fast mehr als ich, wenigstens hat sie eins viel leichtere Hand und viel bessere Augen als ich.“
Jan van Straatens Blick ruhte auf dem fesselnden Bild, den der schmale, leichtgeneigte blonde Mädchenkopf darbot. Er fand, Ulla Utten war wunderschön. Sein Herz meldete sich, er fühlte sein Blut schneller durch die Adern strömen. Er empfand es als ein Glück, dass er über Reichtum verfügte. Das Mädel war nur einfach gekleidet, und Geld ist ein mächtiger Bundesgenosse, wenn man Wünsche verspürt. Er war einem kleinen Liebesroman mit Ulla Utten nicht abgeneigt. So ein goldblondes Mädel, Teufel, das reizte! So eine Feine, die es wie ein Dunstkreis von Reinheit umgab, wäre wie ein frischer Trunk in dem Champagnergelage seiner unzähligen Liebesabenteuer, deren Schauplatz in allen möglichen Ländern lag.
In Deutschland hatte er, ausser bei ein paar sehr leichten Dämchen, noch kein Glück gehabt. Ulla Utten reizte ihn sehr.
Ulla Utten fühlte seinen Blick. Sie wandte sich um, schaute in zwei sehr schmale braune Augen, aus denen ihr etwas entgegenleuchtete, das sie nicht zu deuten wusste, das aber Widerwillen in ihr auslöste.
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