Mathias Jost löste die gefalteten Hände.
„Ach, Mädelche, das ist nun alles schon mal so, dagegen können wir nichts mehr tun. Und wenn es auf Begabung ankommt, dürftest du auch nicht als Tippmamsell im Anwaltsbüro sitzen, sondern müsstest einen ganz hervorragenden Platz in einer grossen Uhrmacherei einnehmen, in so einer, wie sie im Schwarzwald zu Hause sind. Hast mir ja auch bloss abgeguckt, was deine Finger nun so geschickt arbeiten, um mir in deiner knappen Freizeit zu helfen, damit ich meine immer so müden Augen schonen und die Kunden besser bedienen kann.“
Ulla Utten lachte froh und jung.
„Ein Mädel als Uhrmacherin ist immer noch etwas Seltenes, und ich wollte doch möglichst bald selbst mein Brot verdienen, um Mutter zu entlasten. Die Handelsschule forderte keine besonders lange Lehrzeit. Ich freue mich, dir helfen zu dürfen, wenn der Gehilfe gegangen ist, ich tue es herzlich gern.“
Leise sagte Mathias Jost: „Schade, dass ihr beide, Christian und du, euch so schlecht versteht in den letzten Jahren. Früher war das doch anders.“
Ulla neigte sich tief über ihre Arbeit, und erst nach einem Weilchen gab sie zurück: „Ich bin ihm nicht mehr besonders angenehm, doch das schadet nichts, damit habe ich mich abgefunden; aber du und ich, wir bleiben immer gute Freunde, Uhrendoktorche.“
Er lächelte. „Ja, wir beide bleiben immer gute Freunde.“
Ulla wurde traurig. Sie hatte sich noch längst nicht damit abgefunden, dass alles zwischen Christian und ihr anders geworden war als früher. — — —
Jan van Straaten lachte. Er lachte so eigen. Ganz leise war das Lachen, es klang wie vom Winde aus irgendeiner Ferne hergeweht. Auch sein Sprechen war leise, es schien immer, als sage er etwas Besonderes, was nicht jeder hören sollte, auch wenn er nur vom Wetter redete.
Christian Jost fragte: „Weshalb lachst du, Jan?“
Sie gingen beide am Main entlang, unten im „Nizza“. Das war ein tiefgelegener Promenadenteil dicht am Mainufer, den man so nannte, weil er besonders günstig zur Sonne lag und obendrein windgeschützt war. Hier hatten südliche Bäume eine Heimat gefunden, und vom Frühling bis zum Herbst blühten hier in Überfülle die herrlichsten, buntesten Blumen.
Jetzt herrschte der Vorfrühling. Man schrieb den ersten März, Krokus und Schneeglöckchen sah man schon auf den gepflegten Beeten, alle Büsche und Bäume hatten dicke Knospen, vorwitzige Blättchen zeigten sich schon hier und da, Sonne hatte sie aus der Hülle gelockt.
Jan van Straaten antwortete dem Frager nicht gleich, erst nach Minuten war seine leise Stimme da: „Ich lachte, weil du immer so geheimnisvoll mit deinem Zuhause tust, weil du mich noch niemals eingeladen hast, dich einmal zu besuchen. Ich glaube, du musst irgend etwas zu verbergen haben, was ich nicht sehen soll.“
Christian Jost antwortete mit zusammengezogenen Brauen: „Zu verbergen habe ich nichts, aber ich mag dich nicht mitschleppen in die alte Bude. Mein Vater ist nicht imstande, sich vorzustellen, dass man auch anderswo als in seiner mittelalterlichen Baracke leben kann, und ich bin von ihm abhängig.“
Jan van Straaten war klein und zierlich. Er war der Sohn eines holländischen Plantagenbesitzers aus Ostindien aus dessen Ehe mit einer dortigen Eingeborenen, einer Javanerin, und war äusserlich der Mutter nachgeschlagen. Er hatte in Heidelberg und Berlin studiert; jetzt besuchte er die Universität Frankfurt. Überall hörte er ein paar Halbjahre Rechtswissenschaft und lernte bei der Gelegenheit gleich Deutschland kennen. Auch in Holland hatte er schon studiert, nur aus Neigung, und weil er als Nachfolger seines sehr reichen Vaters etwas von Rechtsdingen der verschiedenen Länder verstehen wollte.
Wieder dauerte es geraume Zeit, bis Jan van Straaten Antwort gab.
Er lächelte, und seine etwas schräg stehenden Augen wurden dabei noch schräger.
„Christian Jost, du bist sehr töricht! Ich weiss ja, wo du wohnst, und ich habe es mir schon mehrmals angesehen, das Haus zu den Lilien. Wie erfüllt von tausend Geheimnissen ist die Luft eurer alten Gasse, und euer Haus steht besonders vornehm darin und zugleich bescheiden, als das eigenartigste Haus unter den anderen, als das geheimnisvollste. Du solltest mich einmal mit hineinnehmen, ich liebe alles Alte, liebe alles, was schon vor Jahrhunderten dagewesen. Kult müsstest du mit eurem Hause und eurer Familie treiben, statt dessen möchtest du am liebsten alles verleugnen.“
Christian Jost gab zögernd zurück: „Manchmal fühle ich so, wie du es richtig findest; aber dann schäme ich mich wieder, dann scheint mir unsere Gasse hässlich und unser Haus abscheulich, dann bedrückt mich die Luft, dann stört mich alles darin.“
„Nimm mich doch einmal mit zu dir, Christian“, bat der andere.
Christian Jost lachte ein bisschen gezwungen: „Wenn du durchaus willst, meinetwegen.“
„Lass mich gleich mit zu dir gehen“, bat Jan van Straaten weiter, „und stell mich deinem Vater vor, ich möchte doch gern den Vater meines besten deutschen Freundes kennenlernen.“
Meines besten deutschen Freundes! Das klang gut, und Christian Jost nahm es wohlgefällig auf. Es gefiel ihm, der beste Freund des interessanten Jan van Straaten zu sein.
In einer knappen Viertelstunde standen sie vor dem Haus zu den Lilien, vom Dome hatte es kurz zuvor sechs Uhr geschlagen. Eben trat Hans Weigand aus der Tür. Er grüsste und sagte zu seiner jungen Frau, die ihn an der nächsten Ecke erwartete: „Grad’ kam der junge Jost nach Hause mit einem Kerlchen, das aussah wie ein Hunne.“
Sie staunte: „Ein Hunne?“
„Na ja“, gab er zurück, „Hunnen waren ein früherer asiatischer Volksstamm. Kleine Kerle mit Schlitzaugen, breitem Maul und mit so scharfen Backenknochen, dass man sich daran verwunden konnte. Immer haben sie auf kleinen struppigen Pferden gesessen, und das rohe Fleisch, das sie vertilgen wollten, legten sie sich, um es mürbe zu reiten, als Sattel unter!“
„Aber mit so einem wird doch der Sohn deines Chefs nicht herumziehen!“ lachte die blutjunge Frau.
„Hunnen gibt’s ja wohl nicht mehr“, erklärte er, „aber irgendwie muss der kleine Kerl mit sowas noch verwandt sein.“
Jan van Straaten war inzwischen mit eingetreten in das Haus zu den Lilien, und seine braunen Augen suchten auf dem schmalen langen Flur umher, tasteten die Stufen der leicht gewundenen Treppe ab, die durch ein schön geschnitztes Geländer auffiel. Die Augen flitzten überall herum, als warteten sie auf das Erscheinen einer bestimmten Person.
Jan van Straaten war vor zwei Tagen um die gleiche Stunde zufällig an dem Hause zu den Lilien vorbeigegangen, und da hatte er ein blondes, schlankes Mädchen eintreten sehen, das seinem verwöhnten Geschmack zusagte. So sehr gefallen hatte sie ihm, dass er seitdem immer und immer an die Blonde hatte denken müssen.
Sein Interesse für das alte Haus war gleich Null, sein Interesse für die Blonde war gross.
Er wusste, Christian Jost besass keine Schwester; aber irgendwie musste die Blonde hierhergehören, denn er hatte drei Stunden auf ihr Wiedererscheinen gewartet.
Als hätte sein Wunsch, ihr zu begegnen, Kraft gehabt, tauchte eben in der vom Hofe in den Flur führenden Tür ein junges Mädchen auf. Blondes Haar schimmerte golden, flinke Füsse kamen näher, verhielten flüchtig den Schritt, als sie ganz nahe gekommen waren.
Ulla Utten grüsste, sagte kurz: „Ich möchte zu deinem Vater, Christian!“
Er nickte nur. „Ich weiss, ich weiss!“
„Willst du mich nicht vorstellen?“ mahnte Jan van Straaten.
Christian erwiderte lässig: „Selbstverständlich gern. Also Ulla: Dies ist mein Freund und Studiengenosse Jan van Straaten.“ Er legte seine Hand auf des anderen Arm. „Dich, lieber Jan, mache ich mit unserer Hausgenossin, Ulla Utten, bekannt.“ Es mischte sich leichte Ungeduld in seine Stimme. „Nun komm zuerst in mein Zimmer, Jan.“
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