Ulla arbeitete ruhig weiter. Sie hatte das schon allzuoft gehört, ihre Wimpern blieben trocken, ihre Hände zitterten nicht, aber ihr Herz tat immer wieder weh, wenn sie daran erinnert wurde, wie seltsam der Vater sich aus dem Leben der Mutter fortgestohlen, sie mit ihr, dem damals einjährigen Kinde, in einem mit Hypotheken überlasteten alten Hause dieser Gaffe zurücklassend.
Aus dem Gedanken heraus erwiderte sie: „Es gibt keine Geister, die Tarnkappen für die Menschen bereithalten und sie entführen. Vater hat nicht mehr ein noch aus gewusst in dem Schuldendurcheinander, in dem er steckte, und hat alles sorgfältig für seine Flucht vorbereitet, sein Verantwortlichkeitsgefühl aber hat er in den Main geworfen. Vielleicht gräbt er heute in einer fernen Ecke Amerikas nach Gold, vielleicht hat er es auch zu etwas gebracht und längst vergessen, dass es hier in Deutschland noch Pflichten für ihn gibt, dass er Mutter und mich im Stich gelassen, vielleicht ist er aber schon längst irgendwo gestorben. Die Welt ist ja so gross, wie kann man wissen, wo er sein Grab gefunden in der grossen Welt.“ Sie atmete bedrückt. „Mutter tut mir leid, sie glaubt nicht an seinen Tod und behauptet, er würde heimkehren und sie und mich dann mit Reichtümern überschütten.“
Mathias Jost öffnete seine Augen, stille, graue, nachdenkliche Augen.
„Ich meine, Ulla, den Glauben an die Wiederkehr deines Vaters muss mau ihr lassen, der hält sie aufrecht und macht ihr alles leichter. Sie wartet immer auf ihn, das strafft ihre Lebensgeister. Sie hat sich ein eigenes Geschichtchen über sein Verschwinden zusammenphantasiert, daraus holt sie sich ständig Mut und Frische. Sie hat deinen Vater sehr geliebt, und anscheinend er sie auch; hier in unserer Gasse nannte man die beiden nur die Turteltauben. Unfassbar und unbegreiflich bleibt deshalb deines Vaters geheimnisvolle Flucht. Aber er wusste wohl kaum, was er tat, die Schulden drückten ihn zu sehr, er hatte Grundstück und Wirtschaft tiefverschuldet vom Vater übernommen.“ Er hüstelte. „Das war in der damaligen Zeit wohl so, dass man zugrunde gehen musste, wenn man als ein Überbleibsel längst vergangener Tage in den alten Gassen hocken blieb, wo Licht und Luft sich nicht wohlfühlen. Aus Tradition hält man dann wohl am Alten, Gewohnten fest, ehrt damit die Vorfahren und wird allmählich selbst eine Art Vorfahre, verliert schliesslich Mut und Unternehmungslust. So alte Gassen haben es in sich! Die wissen festzuhalten! Mit weichen Armen, wie es scheint, und eigentlich sind sie doch eiserne Schraubstöcke. Man wühlt sich wie in behagliche Kissen hinein, in die immer dämmerige Luft der Enge unserer kleinen Häuser, ist davon immer ein wenig benommen und erschlafft. Nur Junge und zugleich Starke, Begabte, finden hier wieder heraus, aber die dürfen ruhig hierbleiben, wenn sie mögen, die verstauben auch hier nicht, die können es auch hier, oder richtiger von hier aus, zu etwas bringen. Aber Menschen wie ich werden grau und alt vor der Zeit — — — und ihr Geschäft mit ihnen, Männer wie dein Vater, die nehmen sogar Reissaus und laufen gleich so weit, dass sie nie mehr gesehen werden.“
Ullas grosse blaue Augen blickten ihn an.
„Uhrendoktorche, ich vermag mir gar nicht vorzustellen, dass du in einem anderen Heim als im Hause zu den Lilien wohnen könntest, das schräg gegenüber dem Haus mit der Wirtschaft ‚Zum Hühnchen‘ steht, in dem ich geboren worden bin.“ Sie lächelte. „Ich liebe unsere alte Gasse, in der so viele Häuser von altersher Namen führen, aber ich sehne mich zuweilen doch danach, anderswo zu wohnen.“
Sie arbeitete schon wieder eifrig weiter.
„Manchmal male ich mir aus, wie schön es sein müsste, in hohen Zimmern zu leben und einen Balkon vor den Fenstern zu haben. Die Fenster müssten auf Bäume, vielleicht auf Gärten hinausgehen, und nachts könnte ich den Himmel mit seinen Sternen sehen, von dem man hier, weil die Häuser der anderen Seite zu nahe sind, immer nur schmale Streifen erhascht. Ich male mir weiter aus, in der Wohnung wäre immer frische, gute Luft.“ Sie verstummte. „Ich schilderte als Ideal die Wohnung von Justizrat Hermann, Uhrendoktorche.“
Er nickte und fragte: „Wie bist du zufrieden beim Justizrat, Ulla?“
„Ach, zufrieden bin ich schon. Er ist sehr gerecht, der Justizrat, und verlangt nichts Unmögliches, aber arbeiten muss ich tüchtig, schenken tut er einem nichts.“ Sie liess die Finger sekundenlang ruhen. „Ein ganz prachtvoller Mensch ist Justizrat Hermann, und deshalb ist er auch so gesucht. Wenn der seine Klienten anguckt, dann wagen sie kein Beschönigen und kein Vertuschen und Schwindeln, der holt aus jedem heraus, was in ihm ist, der schaut durch die Menschen hindurch wie durch gläserne Wände. Er ist ein Fanatiker seines Berufes, kein Rechtsverdreher, der aus Recht Unrecht und aus Unrecht Recht macht. Wenn der einen Angeklagten verteidigt, dann verstummt der Staatsanwalt und sieht alles so wie er. Trotz seines stark ausgesprochenen Gerechtigkeitsgefühls besitzt der Justizrat aber unendlich viel Menschenliebe, und mit der geht er an die bösesten Dinge heran und mildert sie vom rein menschlichen Standpunkt aus. Handelt es sich jedoch um Unverzeihliches, dann wird der Verteidiger zum Ankläger.“ Ihre Augen blitzten. „So wie Justizrat Hermann muss ein guter Anwalt sein, denke ich mir. Oder richtiger, so sollte jeder Anwalt sein. Aber viele Menschen ergreifen den verantwortlichen Beruf, wie sie jeden anderen Beruf ergreifen würden. Es fehlt die Begabung dafür, und man braucht nicht nur zum Künstler Begabung, das ist eine ganz falsche Ansicht.“
Mathias Jost erwiderte langsam: „Du siehst das richtig an; aber nicht jeder sieht es so, Christian auch nicht. Meine Frau hat ihm von jeher eingeredet, er müsse Rechtsanwalt werden. In ihrer Familie gab’s einmal einen Anwalt, die ganze Familie war stolz auf den akademisch gebildeten Herrn, und als er schon längst gestorben war, schwebte sein Geist immer noch wie etwas Strahlendes über dem Namen aller, die so hiessen wie er. Christian kannte deshalb kein anderes Ziel, als auch so einer zu werden wie jener ferne Onkel, der, nebenbei bemerkt, nichts weiter gewesen ist als ein ganz kleiner Durchschnittsanwalt. Als meine Frau starb, hatte sich Christian schon vollkommen festgelegt, da konnte ich ihm nicht mehr abreden, da durfte ich ihn nicht mehr mahnen: Lass deinen Plan fallen, mein Junge, du wirst wahrscheinlich doch kein besonderer Anwalt werden, aber ganz gewiss ein ganz besonderer Uhrmacher, denn deine Begabung für alles Feinmechanische ist ungewöhnlich.“
Er faltete die Hände. Es war wie eine Gebärde der Ergebung.
„Ich habe schon oft solche Worte auf der Zunge gehabt, und es wäre vielleicht noch gar nicht zu spät, denn besser ist’s wohl, einen Fehler spät erkennen als niemals. Ich habe oft sagen wollen: Lass Universität Universität sein und werde, was ich bin und was die Jostens vor uns gewesen, du hast das Zeug dazu, den alten, einstmals so klangvollen Alt-Frankfurter Uhrmachernamen wieder voll und ganz zu Ehren zu bringen. Aber dann schluckte ich alles hinunter und schwieg.“
„Und das ist fast so etwas wie eine Schuld, die du auf dich geladen, Uhrendoktorche“, sagte Ulla sehr ernst. „Mit der Begabung soll man rechnen; ich behaupte, Christian ist geradezu für die Uhrmacherei geboren. Der hat nichts weiter fachlich gelernt, als was er dir abgeguckt hat, und er spielt förmlich mit den winzigsten Teilchen einer Uhr herum. Er spricht über Dinge der Feinmechanik wie ein alter Fachmann auf dem Gebiet und löst spielend die schwierigsten derartigen Probleme. Als Anwalt wird er einmal einer derer sein, von denen mindestens vierzehn aufs Dutzend gehen, als Uhrmacher aber könnte er einen Teil der Glanzzeit seines Vorfahren zurückerobern, der Christian hiess wie er, und zu dem alle Vornehmen Frankfurts kamen und sogar Fürstlichkeiten von Mainz und Karlsruhe.“
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