Sonter kam aber heute nicht zur Sammlung, obwohl er sich die grösste Mühe gab, seine Anmerkungen an der richtigen Stelle anzubringen. Rein mechanisch griff er nach dem dickleibigen Band auf dem Aufsatze des Tisches, um sich in die Kommentare gewisser Paragraphen zu vertiefen, aber er las nur die Worte, ohne ihren Begriff zu erfassen. Seine Gedanken waren auf andere Dinge gerichtet. Er hörte, wie Käthe, um ihn nicht zu stören, fast geräuschlos das Geschirr zusammensetzte, und wie sie dann mit ihrem etwas schweren Schritt davonging. Das zwang ihn, das Buch fahren zu lassen und sich wieder zu erheben. Als er sie aber noch einmal hereinbitten wollte, war sie bereits verschwunden.
Um mehr zur Ruhe zu kommen, zündete er sich eine Zigarre an und ging dann, die Hände auf dem Rücken, ein paarmal in dem einfenstrigen Zimmer auf und ab, wie er es manchmal tat, wenn ihn Zweifel über eine Rechtsfrage beschäftigten. Dann trat er wieder an seinen Schreibtisch und nahm einen mit der Morgenpost eingetroffenen Brief, den er vordem in die Schreibunterlage geschoben hatte. Im Stehen las er ihn nochmals, obwohl er seinen Inhalt bereits genau kannte.
Der Brief war von seiner Mutter, der Inhaberin eines flottgehenden Hotels in seiner märkischen Heimatstadt, die ihm in ihrer merkwürdigen, mehr an Krähenfüsse erinnernden Schrift mitteilte, dass sie am nächsten Sonnabend nach Berlin kommen werde, um ein paar Tage dort zu verbringen, und dass er pünktlich auf dem Bahnhofe sein möchte, um sie abzuholen. Natürlich hoffe sie, bei ihm Logis zu finden; er möchte nur so freundlich sein, sich darauf vorzubereiten und alles in Ordnung zu bringen. Als alte Frau würde sie ihm ja nicht viel Mühe machen, besonders weil sie die Zeit geschäftlich ausnützen müsse.
Das war es, worüber er noch mit Käthe hatte reden wollen, denn nun sah er die unangenehme Situation kommen, der er so gerne, vorläufig wenigstens, entgangen wäre. Wahrhaftig, es war keine Kleinigkeit, dieser guten, starrköpfigen Alten, die trotz ihrer siebzig Jahre noch wie ein Gardekürassier dahinmarschierte, und deren ganzer Stolz „ihr Sohn, der Herr Landgerichtsrat“, war, in dürren Worten begreiflich zu machen, weswegen er in diese heimliche Ehe, von der sie nicht die blasseste Ahnung hatte, so über Nacht hineingesprungen war. Gott sei Dank war er bereits Anfang der Vierziger und ein gefestigter Mann mit Grundsätzen und abgeklärter Lebensanschauung, obwohl er für Frau Hotelbesitzer Sonter immer noch mehr von einem „Jungen“ hatte, dem man bei jeder Gelegenheit Verhaltungsmassregeln mit auf den Weg geben müsse.
Das Lesen des Briefes brachte dem Landgerichtsrat erst recht nicht die Ruhe, was um so erklärlicher war, weil er im Augenblicke niemand hatte, mit dem er über diesen stillen Kummer ein vernünftiges Wort hätte austauschen können. Es lag daher nur zu nahe, dass er seinen Spaziergang wieder aufnahm und ihn schliesslich nach dem Speisezimmer verlegte, in dem er nun um den grossen, viereckigen Esstisch aus schwerem Eichenholze herumging, so ganz unsinnig, als wäre es ihm aus Gesundheitsrücksichten empfohlen worden, auf diese Art Fussgymnastik zu treiben.
Es sah wohnlich in diesem Zimmer aus, weil hier allerlei altmodische Familiendinge zusammengetragen waren, die ihm Elternliebe ins Haus geschickt hatte, und die er auch in dieser neuen Behausung aus Pietät überall da angebracht hatte, wo sie nicht gar zu störend und aufdringlich wirkten. Dieses Talent hatte er vom Vater, dem es daheim, schon als Hotelbesitzer, noch Spass machte, mit dem Hammer in der Hand herumzulaufen und überall Nägel einzuschlagen, wo noch irgendein Plätzchen für ein Bild war.
Anton Friedrich Sonter selig hatte eben niemals den kleinen Winkelgastwirt und Bierabzieher, der in seiner Schankstube alles selbst machen musste, ablegen können, und an diesem Brauche hatte er auch noch bis zum Tage seines ganz plötzlich erfolgten Todes festgehalten.
Als der Landgerichtsrat viermal die Runde um den Tisch gemacht hatte, blieb er vor dem Luxusofen hinten in der Ecke stehen und betrachtete ganz aufmerksam die Photographien seiner Eltern, die auf dem mit Stoff überzogenen und mit roten Fransen versehenen Kaminbrette rechts und links von der altertümlichen Bronzeuhr standen, die man ihm damals von Hause zur Vervollständigung seiner Junggesellenausstattung geschickt hatte. Der goldige Junge, der da oben sass und nun schon seit vielen Jahrzehnten immer denselben Schmetterling auf dem Zeigefinger betrachtete, machte ihm stets Spass, nicht bloss des unglaublich dicken Kopfes wegen, sondern auch aus tieferen Gründen; denn sobald er ihn anblickte, befand er sich wieder im Elternhause, sah er die trauliche Wohnstube mit den alten Mahagonimöbeln vor sich und sich selbst als den hoffnungsvollen Stammhalter, der schliesslich andere Wege ging, als der Erzeuger von ihm erwartet hatte. Diese alte Bronzeuhr war sozusagen der Zeitmesser, an dem er gross geworden war, und deshalb liebte und schätzte er sie.
Sonter sah sich zuerst das Bild seines Vaters an, in dessen Gesichtszügen schon der „Napoleon“ zu finden war, aber mehr der gemütliche der Kleinstadt im Schlafrocke, dem die Natur aus Versehen die Erinnerung an den „l’empereur“ mitgegeben hatte. Es war mehr der Komiker in der Maske. Den nötigen Welternst hatte dem Sohn erst die Strenge der Mutter gegeben, was natürlich unabsichtlich geschehen, aber nicht zu leugnen war.
Und als nun Sonter mit seinen Augen zu ihrem Bilde überging, das rechts von der Uhr stand, weil Damen immer diesen bevorzugten Platz an der Seite eines Herrn einnehmen müssen, brachte ihn der ernste Ausdruck ihres Gesichts wieder auf das am Sonnabend bevorstehende Ereignis.
Er hielt es nun für besser, sofort das nachzuholen, was er vorhin in augenblicklicher Aufwallung seines Blutes versäumt hatte.
Schon wollte er auf den weissen Knopf der elektrischen Klingel drücken, als Käthe leise zurückkehrte, das silberne Teeservice in Händen, das, frisch geputzt, nun wieder bis zum Abend den Büfettisch zieren sollte.
„Gerade wollte ich nach dir klingeln“, sagte Sonter, nun gefestigt in seinem Entschlusse.
„Wünschen der Herr Landgerichtsrat etwas? Soll etwas besorgt werden? Vielleicht Briefe? Frau Klenke muss sowieso für mich nach unten.“
„Nein, nein, es ist nichts zu besorgen. Sei doch so gut und komme ins Arbeitszimmer.“
„Einen Augenblick, Herr Landgerichtsrat.“
Etwas umständlich setzte sie das Tablett fort.
Als sie dann zu ihm hineinging, sass er bereits auf seinem Sessel und bat sie, auf dem Stuhle neben dem Schreibtische Platz zu nehmen, was sie auch, nun ersichtlich eingeschüchtert, tat, so in der Weise einer Person, der eine Ehre damit erwiesen wird. Immer befürchtete sie, der Tag könnte kommen, wo ihr Mann zu ihr sagen würde: Die ganze dumme Herrlichkeit hat ein Ende, packe deine Sachen und gehe. Unsere Ehe war weiter nichts als ein kleiner Spass von meiner Seite.
Sonter zeigte aber durchaus kein erzürntes Gesicht. Er rauchte behaglich seine Zigarre, die ihm im Augenblick vortrefflich schmeckte, und blickte sie heiter an, als er begann:
„Zuerst möchte ich dich mal wieder um etwas bitten, Käthe. Lass doch endlich das lange Landgerichtsrat fort, wenn wir unter uns sind, — ich glaube dir das schon einmal auseinandergesetzt zu haben. Denk’ ich.“
„Aber ich muss doch immer den Abstand zwischen mir und dem Herrn Landgerichtsrat wahren.“
Ihre Unterwürfigkeit kühlte ihn ab.
„Ich kann dich ja so ziemlich verstehen, siehst du. Ich glaube dir gern, dass es dir immer noch schwer wird, zu vergessen, was du vordem bei mir warst. Aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen ...“
Er sah sie verlangend an und wollte ihr schon durch zärtliche Worte jede Scheu nehmen, als sein Blick noch rechtzeitig auf die Akten Goland kontra Goland fiel, was ihn rasch daran erinnerte, dass er von nun an andere Wege zu nehmen habe. Und so änderte er sofort seinen Ton.
Читать дальше