»Ich verstehe natürlich, daß du überrascht bist, mich zu sehen«, sagte er und zeigte mit einem kleinen Lächeln seine kräftigen weißen Zähne.
»Durchaus nicht.«
»Es ist eben so, Menschen wie ich, die kein Zuhause haben — das soll natürlich kein Vorwurf sein, lieber Erhard, versteh mich bitte nicht falsch — aber man möchte eben doch ein paar —«
»Wieviel brauchst du?« fragte Erhard Schneider scharf.
»Ich verstehe dich nicht.« Till Torsten hob mit gespieltem Erstaunen die Augenbrauen.
»Wieviel?«
»Ja, kannst du dir denn wirklich nicht vorstellen, daß ich einfach aus Sehnsucht nach euch …«
»Nein, das kann ich mir nicht vorstellen, Till. Bitte, hör auf damit. Du solltest schon wissen, daß diese Masche bei mir nicht zieht.«
»Habt ihr euch gar keine Gedanken darüber gemacht, wo ich die letzten Jahre gesteckt habe?«
»Wo denn schon. Wahrscheinlich hinter Gittern.«
»Du bist sehr grausam«, sagte Till Torsten, sein glattes Gesicht verdüsterte sich.
»Was willst du hier?«
»Ich habe dir doch schon gesagt, ich möchte … Ich möchte Isabella Wiedersehen, schließlich ist sie ja meine Schwester. Man hat doch auch so etwas wie Familiensinn, nicht wahr?«
»Du nicht, Till, gib dir keine Mühe, du wirst Isabella nicht sehen.«
»Willst du mir das verbieten?«
»Ja. Wenn du nicht in einer halben Minute aus dem Haus bist, werde ich —«
»Was denn? Was wirst du?«
»Die Polizei verständigen.«
Till Torsten wechselte den Ton. »Natürlich, das kannst du, das steht dir zu. Du bist ja schließlich ein geachteter Staatsbürger, nicht wahr. Aber was versprichst du dir davon? Willst du Isabella von nun an an die Kette legen? Meinst du nicht auch, daß ich vielleicht eine Gelegenheit — nein, es braucht gar nicht hier im Hause zu sein — finden kann, um mich mit ihr in Verbindung zu setzen?«
»Ich habe dich schon einmal gefragt, Till, wieviel brauchst du?«
»Tausend.«
»Du bist verrückt.«
»Bitte, wie du willst!« Till Torsten gab sich den Anschein, als ob er sich zum Gehen wenden wollte. »Grüße meine Schwester von mir — oder auch nicht. Ganz wie du willst, Adieu.«
»Till — wofür brauchst du das Geld?«
Till Torsten sah seinem Schwager mit einem unverschämten Lächeln in die Augen. »Willst du das wirklich wissen?«
»Ja. Du weißt, ich habe schon einmal Schwierigkeiten gehabt, als ich dir damals Geld geliehen habe, mit dem du einen sogenannten großen Coup starten wolltest. Du bist damit reingefallen, und ich habe eine Menge Unannehmlichkeiten deinetwegen gehabt. Erinnerst du dich noch?«
»Na schön. Wenn es dich beruhigt … Ich möchte gern zum Wintersport nach Garmisch fahren. Findest du nicht auch, daß ich ein bißchen blaß und angegriffen aussehe? Na also. Die Gesundheit deines Schwagers sollte dir doch tausend Mark wert sein, oder?«
»Gut. Ich werde dir einen Scheck geben.«
»Scheck kann ich nicht brauchen, Schwager.«
»Na, bitte. Dann bekommst du die tausend Mark bar — aber nur gegen Quittung. Als kurzfristiges Darlehen.«
»Und du glaubst, daß ich so etwas unterschreibe?«
»Ganz bestimmt. Sonst bekommst du das Geld nämlich nicht. Auf keinen Fall.«
»Bildest du dir im Ernst ein, du würdest es von mir zurückkriegen?«
»Nein.«
»Wozu willst du dann die Quittung?«
»Nur so. Also entweder du schreibst mir so einen Wisch aus, oder …«
»Na schön. Wenn es dir Spaß macht. Ich sehe den Sinn zwar nicht ein, aber immerhin …« Till Torsten zog seine Brieftasche aus dem Jackett seines tadellos sitzenden dunkelgrauen Anzugs, fand einen leeren Zettel und kritzelte, über den Dielentisch gebeugt, ein paar Zeilen darauf. »Genügt es so?« fragte er und hielt dem Schwager die Quittung hin.
»Danke.« Erhard Schneider nahm die Quittung entgegen, zählte aus seiner Brieftasche zehn Hundertmarkscheine. »Du hast Glück, daß ich das Geld überhaupt bei mir habe …«
»Ich habe immer Glück, mein Lieber, das solltest du wissen.«
»Um so besser für dich — wenn es dir so vorkommt.«
Till Torsten knöpfte sich seinen dunkelblauen Wintermantel zu. »Also, schönen Dank, Schwager — und von mir aus keinen Gruß an Isabella.«
»Paß auf, Till — ich will kein Versprechen von dir, ich weiß, daß dein Wort nichts gilt, aber ich warne dich. Wenn du noch einmal unser Haus betrittst oder wenn du ein einziges Mal versuchen solltest, dich hinter meinem Rücken mit Isabella in Verbindung zu setzen, dann —«
»Was dann?«
»Dann wirst du von mir nie wieder, unter gar keinen Umständen, auch nur einen einzigen Pfennig herausholen. Hast du mich verstanden?«
»Du hast dich ungewöhnlich deutlich ausgedrückt, Schwager!« Till Torsten drückte sich den weichen Hut auf den Kopf, tippte mit einem spöttischen Lächeln an die Krempe, drehte sich um und ging aufreizend langsam zum Ausgang. Erhard Schneider folgte ihm bis zur Haustür, als die Tür hinter dem unangenehmen Gast ins Schloß gefallen war, drehte er den Schlüssel zweimal um und schob den Riegel vor.
Dann erst wagte er aufzuatmen.
Das »Rock ’n’ Roll« lag im Keller eines alten Schwabinger Hauses und wurde nur von Jugendlichen besucht. Es galt als ausgesprochenes Halbstarkenlokal, obwohl die jungen Leute, die hier verkehrten, sich selbst als Teenager und Twens bezeichneten.
In den Akten der Polizei und in Zeitungsberichten war es schon öfters im Zusammenhang mit Raufereien und Messerstechereien erwähnt worden, aber im allgemeinen spielten sich die Vergnügungen ziemlich friedlich ab.
Der Alkoholverbrauch war sehr gering. Die Mädchen tranken ausschließlich Coca-Cola und Fruchtsäfte, die Jungen Bier und nur wenige einen Schnaps zwischendurch — wenn sie überhaupt tranken, denn die meiste Zeit verbrachten sie auf der Tanzfläche.
Sie waren gekommen, sich auszutoben, und sie tobten sich aus. Die Musikbox, auf größtmögliche Lautstärke eingestellt, war unentwegt in Betrieb. Platten mit Elvis Presley, Peter Kraus, Paul Anka wurden bevorzugt, und den jungen Leuten rann der Schweiß über die Stirn, während sie ihre Glieder wild verrenkten.
Die Einrichtung war mehr als bescheiden. Auf den kleinen Holztischen lagen keine Decken, und die Beine der Stühle zeigten die unangenehme Neigung, Laufmaschen in die Strümpfe der Mädchen zu reißen. Aber sie kannten diese Tücken und nahmen sich in acht.
Die vier Pfeiler, die die Decke stützten, waren mit unzähligen Namenszügen und Zeichnungen bekritzelt, mit Kopierstift aufgemalt oder mit dem Taschenmesser eingeritzt, und dies und die abgeschnittenen Krawatten, die auf Stricken entlang der Decke hingen, waren der einzige Schmuck.
Jeder Junge, der zum erstenmal ins »Rock ’n’ Roll« kam, mußte ein Stück seiner Krawatte opfern. Damit galt er als eingeführt. Aber durchaus nicht jedem wurde diese Ehre zuteil, denn die Stammgäste achteten streng darauf, daß man unter sich blieb.
Michaela Schneider stampfte, die Augen mit den dunklen Wimpern leicht geschlossen, das blütenhafte Gesicht zu Gregor Hellmer erhoben. Sie genoß den betäubenden Rhythmus und die körperliche Nähe des jungen Mannes, die außerordentlich wohltuend und beruhigend auf sie wirkte.
Der Griff seiner warmen, trockenen Hände um ihre Taille war zart und doch fest, sie wußte, wenn sie die Augen aufschlug, würde sie gerade in sein bräunliches, braunäugiges Gesicht mit den lustigen Sommersprossen auf der Nase blicken. Sie sprachen kein Wort miteinander.
Dann war die Platte abgelaufen. »Komm!« sagte Gregor und nahm Michaela bei der Hand, noch bevor die Jungen, die sich sofort auf den Musikautomaten gestürzt hatten, sich über ihre Wahl der neuen Platte einig waren. Er zog Michaela an einen Tisch, der eng an der Rückwand eines Raumes stand, sie setzten sich. Gierig saugte Michaela an ihrem Strohhalm. Gregor zündete sich eine Zigarette an.
Читать дальше