„Nirgends.“
„Heißt das, Sie sind obdachlos?“
Ein Nicken. Er sah so etwas wie Mitleid in den Augen des Kommissars aufblitzen.
„Haben Sie Hunger?“
Wieder ein Nicken.
„Warten Sie.“
Carstens wandte sich um, lief zu einem der Häuser und verschwand darin. Nach zehn Minuten kam er zurück, reichte ihm einen kleinen Plastikbeutel und eine Wasserflasche. In der Tüte befanden sich zwei belegte Brötchen. Er holte sofort eines heraus und biss gierig hinein. „Danke!“, sagte er zwischen zwei Bissen.
„Nicht so schnell. Sie verschlucken sich.“
Er kaute langsamer und sorgfältiger.
„Wo kommen Sie her?“
Er überlegte. Er konnte dem Beamten nicht erzählen, dass letzte Nacht, nichts gelaufen war wie geplant. Seine Gedanken glitten ab, seine Augen wurden starr. Der Einbruch, die Frau, aber vor allem, wo war …?
Das Klingeln eines Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Der Kommissar griff in seine Tasche und zog ein Smartphone heraus. „Einen Moment bitte.“ Carstens hielt das flache Gerät an sein Ohr und sprach hinein. Kurz darauf beendete er das Gespräch mit den Worten: „… bin gleich da.“ Das Telefon verschwand wieder in der Jackentasche. „Ich muss dringend weg. Gehen Sie zum Ordnungsamt und besorgen Sie sich neue Papiere.“
Er nickte.
„Das ist wichtig“, setzte Carstens noch einmal nach. Dann drehte sich der Kommissar um und lief eiligen Schrittes zu einem Wagen.
Er aß das zweite Brötchen, trank das Wasser, entsorgte Tüte und Flasche in einem Mülleimer, stand auf und ging seines Weges.
18. März, 10:07, Hattersheim - Okriftel
Nach einem erfolgreich abgeschlossenen Fall leistete ich es mir gelegentlich, auch unter der Woche lange zu schlafen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Warum ich das tat? Vor allem um den verpassten Schlaf zu kompensieren. Nächtelanges auf der Lauer liegen und beobachten forderte seinen Tribut.
Als ich an diesem Morgen die Augen aufschlug, hatte ich das untrügliche Gefühl, von irgendeinem Geräusch wach geworden zu sein. Den Wecker konnte ich ausschließen, der lag in Einzelteilen und tot in meiner Nachttischschublade. Er hatte seinen Job einfach zu ernst genommen. Sein letzter Fehler! Ich schloss die schweren Lider und drehte mich auf die andere Seite. Mir doch egal, was in der bösen wachen Welt vor sich ging.
Vielleicht zehn Minuten später erwachte ich erneut. Verdammt! Das Telefon! Ignorieren oder rangehen? Bis ich mich entschlossen hatte, war es wieder still. So geht’s auch, dachte ich. Drehte mich auf den Rücken und versuchte, weiter zu schlafen.
Nach weiteren zehn Minuten gab ich es auf. Das Land der Träume hatte mich ausgestoßen und verbannt, zumindest bis heute Abend. Ich wälzte mich aus dem Bett und ging zum Telefon. Die Neugier hatte mich fest in ihrem Griff. Berufskrankheit, wie Jay mir attestiert hätte.
Fünf Anrufe, alle ohne Rufnummer und keine Nachricht hinterlassen. Das passte ja. Erst müde Detektive wecken und dann nicht mal sagen, um was es geht. Das hasste ich.
Ich schlurfte ins Bad, das Füßeheben fiel mir schwer, wusch mich und setzte dann meinen Weg in die Küche zur Kaffeemaschine fort. Ein morgendliches Ritual. Die Tasse berührte gerade meine Lippen, als das Telefon sich erneut meldete. Ich griff nach dem Mobilteil. „Martini, private Ermittlungen und Personenschutz.“
„Thomas Martini? Der Privatdetektiv?“, fragte eine Männerstimme.
„Ja! Höchstpersönlich. Und mit wem habe ich die Ehre?“
„Wir haben einen gemeinsamen Freund, Dorian Singer.“
„Ist Dorian etwas passiert?“ Ich war alarmiert.
„Nein“, beschwichtigte mich der Anrufer. „Er hat über Sie gesprochen und Sie als absolut integer beschrieben.“
„Das ist nett von ihm. Aber was hat das mit Ihnen zu tun und Ihrem Anruf?“
„Ich benötige Ihre Hilfe als Detektiv.“
Das war mal eine Ansage. „Warum bitten Sie nicht Dorian um Hilfe und wer sind Sie eigentlich?“
„Oh, entschuldigen Sie“, kam es aus dem Hörer. „Mein Name ist Robert Esslinger. Ich arbeite für den BND.“
Patsch! Das war wie eine Ohrfeige. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich das erste Mal mit dem Bundesnachrichtendienst Bekanntschaft gemacht. Der deutsche Auslandsgeheimdienst, gleichzusetzen mit der CIA, hatte innerhalb des eigenen Landes keine Befugnisse. Was die Agenten dieser Behörde anscheinend überhaupt nicht interessierte. Es ging soweit, dass mir ein gewisser Herr Schmidt mit einem Aufenthalt in einer Black Site , also einem geheimen Gefängnis, gedroht hatte. Offiziell gab es solche Orte nicht, aber ich wollte nicht die Wahrheit darüber herausfinden. Zumindest nicht auf diese Weise. Dementsprechend hielt sich meine Begeisterung über den Anruf in Grenzen. „Was wollen Sie?“
„Ich habe einen sehr wichtigen und vor allem vertraulichen Auftrag für Sie.“
„Vertraulich“, echote ich. „Ein Grund mehr sich an Dorian zu wenden.“
„Nein. Ich kann keine offiziellen Stellen involvieren.“
„Warum? Trauen Sie Ihrem eigenen Verein nicht?“
„Das kann ich Ihnen nicht am Telefon erzählen. Können wir uns treffen? Heute?“
Ich verdrehte die Augen. Nichts mit faulenzen und ausruhen. Alles in mir sträubte sich gegen dieses Treffen. Meine innere Stimme flüsterte mir zu, die Finger davon zu lassen. Ich war auf den Auftrag nicht angewiesen, konnte es mir leisten, ihn abzulehnen. Eine gute Übung, das Neinsagen zu verinnerlichen. Doch als ich den Mund öffnete kam: „Wann und wo?“
18. März, 11:11, Frankfurt Griesheim
Winter war von Griesheim aus am Main entlanggelaufen, zur Schwanheimer Staustufe und überquerte den Fluss. Als er in der Mitte der Brücke angekommen war, blickte er hinunter auf das schnell dahinfließende Wasser. Ein Sprung hinunter und in ein paar Minuten wäre alles vorbei. Wäre das nicht der größte Gefallen, den er sich selbst und der Welt erweisen könnte? Er haderte mit sich. Blickte nach rechts und links. Niemand zu sehen. Er wollte vermeiden, dass andere Menschen beim Versuch ihn retten zu wollen, in Gefahr gerieten. Mehrere Minuten überlegte er hin und her. Dann dachte er wieder an seine Aufgabe und verwarf alle Selbstmordpläne.
Im Gegenteil, Winter zückte das Handy und wählte die Nummer der Stewardess. Sie war nicht hundertprozentig sein Typ. Aber für das, was er mit ihr vorhatte, beziehungsweise für was er sie brauchte, genau richtig. „Stefanie Maurer“, meldete sich die melodische Stimme der jungen Frau.
„Hier ist Sascha Winter. Der Fluggast von …“
„Ja, ich erinnere mich an dich. Ich darf doch du sagen, oder?“, unterbrach sie ihn in erregtem Tonfall.
Mit ihr würde er leichtes Spiel haben. Seine Zunge leckte über die trockenen Lippen. „Aber klar doch“, antwortete er mit sonorer tiefer Stimme, die Tonlage, bei der jede Frau weich wurde. „Hast du heute Abend Zeit?“
„Ja, gerne. Wo wollen wir uns treffen?“
Oh Gott, das war wirklich einfacher als gedacht. Sie ging direkt davon aus, dass er sich mit ihr Treffen wollte. „Bei dir?“ Bei diesen Worten ließ er ein Lächeln hören.
„Ja, gerne. Ich bin im Steigenberger, neben dem Flughafen. Wann magst du kommen?“
„21 Uhr?“
„In Ordnung, ich wart auf dich. Meine Zimmernummer ist 1105.“
„Okay, bis dann.“ Winter klickte das Gespräch weg. Bei dieser Maurer musste er sich überhaupt nicht anstrengen. Ein kleines bisschen fehlte ihm die Herausforderung.
Er blickte ein letztes Mal auf den Main hinab. Eben wolltest du noch springen und jetzt …
18. März, 12:53, Frankfurt Praunheim
Nach dem Telefonat war mir nicht mehr viel Zeit geblieben, um mich fertig zu machen. Glücklicherweise hatte ich mich bereits gewaschen. In meinem Arbeitszimmer starrte ich den Wandtresor an. Waffe mitnehmen oder nicht? Esslinger ist vom BND, überlegte ich. Eigentlich konnte ich unbewaffnet gehen, aber lieber zu viel mitgeschleppt als es nachher bereut. Die Glock verschwand in meinem Schulterholster. Bevor ich das Haus verließ griff ich noch Auto- und Hausschlüssel. Dann fiel die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen begrüßten mich vierzehn Grad und ein fast blauer Himmel. Ich sog die frische Luft ein, während ich die Garage öffnete.
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