„Hab`s teilweise mitbekommen. Zu der Zeit bin ich in Afghanistan gewesen, um Polizisten auszubilden.“
„Tatsächlich? Klingt auch nach einer spannenden Geschichte. Aber Sie wären sicher nicht bereit, mir darüber ein Interview zu geben.“
Steiner versenkte seine Kippe im Kaffeebecher. „Erraten, Sportsfreund.“
„Mann, Sie sind genauso verstockt wie dieser Tom Martini, der Privatdetektiv, der den Engelmacher zur Strecke gebracht hat. Monatelang hat Marion versucht, mit Martini ins Gespräch zu kommen. Zwecklos! Angeblich wollte sie eine Personality-Story über Larusso schreiben, aber das ist nur die halbe Wahrheit.“
Volker Weinrich senkte seine Stimme zu einem verschwörerischen Flüsterton. „Ich glaube … Nein, ich weiß, Marion hat herausbekommen, dass nicht alle von Larussos Jüngern im Knast sitzen oder gekillt worden sind. Ein paar seiner Anhänger laufen noch immer frei herum, gut getarnt hinter bürgerlichen Fassaden, und warten darauf, wieder im Geist ihres Meisters loszuschlagen. Jede Wette, einer dieser Typen hat Marion zum Schweigen gebracht, weil sie ihm zu dicht auf den Fersen gewesen ist.“
Bernd Steiner grübelte. Die Idee des Schreiberlings klang nicht abwegig, so ungern er das zugab. War Marions Besucher, mit dem sie Sekt getrunken hatte, der verkappte Fan eines Geisteskranken gewesen? Hatte er ihr Handy und den Laptop gestohlen, um Hinweise, die seine Identität aufdecken könnten, zu vernichten?
Aus Steiners Mobiltelefon tönte die Titelmusik der Sesamstraße . Den Klingelton hatte er Jo-Jo Rösner zugeordnet.
„Was gibt`s?“, bellte Steiner in den Apparat. „Musst du pissen und findest den Reißverschluss nicht ohne mich? … Halt! Warte `ne Sekunde, Feind hört mit!“ Er schielte zu Weinrich, verließ das Redaktionsbüro und zog die Tür hinter sich zu.
„Noch mal von vorne, Jo-Jo. Was hat Meister entdeckt? … Keine Fingerabdrücke auf dem zweiten Sektglas. Na und? Dann hat Mister X sie eben abgewischt, was ist daran sensationell? … Schlieren? Verstehe kein Wort, rede gefälligst lauter, die Verbindung ist beschissen! … Aha, Meister meint, das Glas sei benutzt, aber nicht abgewischt worden, sonst hätte er Schlieren daran entdeckt.“ Steiner lachte auf. „Sag mal, wollt ihr mich verarschen? Richte dem Herrn Meister aus, er soll dringend zum Optiker gehen! Wenn der Kerl aus dem Glas getrunken hat, muss er Abdrücke hinterlassen haben. Jeder Mensch hat `nen Fingerabdruck! Es sei denn, wir jagen Frankensteins Monster.“
18. März, 15:52, Frankfurt Praunheim
Nachdem ich Esslinger verlassen hatte, grübelte ich im Auto sitzend lange vor mich hin. Was war das für eine komische Geschichte? Ein Kronzeuge, der sich abgesetzt hatte, aus eigenem Antrieb. Der angeblich keine kalten Füße bekommen hatte. Dazu kam, dass er in der Stadt anscheinend keinerlei Bezugspersonen hatte. Das war alles unlogisch. Da war etwas faul.
Meine Neugier war geweckt. Eines der Hauptkriterien für einen guten Detektiv und Ex-Bullen. Als erstes brauchte ich mehr Informationen. Google oder das Internet würden mir hier nicht weiterhelfen. Da war ich mir relativ sicher. Aber ein bester Freund bei der Polizei, der konnte helfen. Er war loyal und vertrauenswürdig in jeder Hinsicht.
Ich zog mein Smartphone aus der Tasche und wählte die Nummer von Stefan Carstens. Nach dem zweiten Klingeln meldete er sich.
„Was brauchst du, Tom?“, erwiderte mein Freund kurz angebunden.
„Du hörst dich gestresst an. Alles okay?“
„Viel los. Was gibt’s?“
Ich drang nicht weiter in ihn. Wenn Stefan nicht über die Arbeit reden wollte, war es das Beste, ihn einfach in Ruhe zu lassen, wie die Erfahrung gezeigt hatte. „Du könntest mir helfen. Aber du darfst niemanden einweihen, höchstens Andrea. Sonst niemanden!“
„Klingt sehr geheimnisvoll.“
„Ist es auch. Kannst du bitte alles über einen gewissen Sascha Winter in Erfahrung bringen? Seine Daten, wart‘ mal …“ Ich öffnete das PDF-Dokument von Winters Ausweis und las Stefan das Geburtsdatum und so weiter vor.
„Hast du auch ein Bild?“, fragte er.
„Ja, aber das möchte ich nicht per Mail schicken. Können wir uns heute Abend kurz treffen?“
Stefan schwieg für eine Sekunde. „Was ist das für ein Auftrag, den du da angenommen hast?“
„Leute, mit denen wir es schon zu tun hatten. Schon mehrfach“, orakelte ich.
Eine weitere Pause entstand. „Du meinst den …“
„… nicht am Telefon!“, unterbrach ich Stefan. „Heute Abend bei dir. Ruf mich an, wenn du zu Hause bist. Dann komm ich rum.“
„Alles klar.“
„Eine Sache noch!“
„Was?“
„Kannst du rausfinden, wo eine Stewardess namens Maurer, gestern mit LH-666 angekommen, wohnt. Hotel oder Wohnung?“
„Ich kümmere mich drum.“ Dann legte er auf.
Die Sache war rätselhaft. Zusätzlich hatte ich fast keine Anhaltspunkte. Was veranstaltete der BND hier wieder?
18. März, 20:55 Frankfurt Flughafen
Der Schatten huschte an der Wand entlang. Die Scheinwerfer eines vorbeifahrenden Autos warfen ihn gegen das hohe Gebäude, an dem er seitlich vorbei in den Schutz der Bäume glitt. Selbst einem aufmerksamen Betrachter wäre es schwergefallen, ihn wahrzunehmen oder ihm mit den Augen zu folgen. Er war wie ein Geist oder ein Gott, der vor den Augen der Sterblichen unsichtbar bleiben wollte.
Zwei helle Augen starrten dem Mann nach, der gerade das Steigenberger Hotel am Frankfurter Flughafen betrat.
Zwei helle Augen, denen nichts entging und die sich nicht täuschen ließen.
Zwanzig Minuten später löste sich der Schatten aus der Finsternis des Waldes, in die er hineingeflossen war. Jetzt flog er über den Boden gen Eingangstür. Als er ins Licht der Scheinwerfer trat, die den Vorhof des Gebäudes beleuchteten, schälten sich drei Gestalten aus der Schwärze. Scheinbar ganz normale Menschen, die die gläserne Drehtür passierten.
18. März, 21:00 Frankfurt Flughafen
Der Tag war schnell dahingeflogen. Winter hatte sich im Wald versteckt, war allen Spaziergängern, soweit möglich, ausgewichen.
Um 21 Uhr betrat er das Steigenberger Airport Hotel. Er schritt unter dem Vordach entlang, durch die gläserne Drehtür in die Empfangshalle, wandte sich an den Concierge und fragte nach Zimmer 1105.
Der junge Mann hinter der Rezeption musterte ihn, was Winter nicht entging. „Zimmer 1105 finden Sie in der elften Etage, der Herr. Soll ich Sie anmelden?“
Winter lächelte hintergründig. „Nein, danke. Ich werde erwartet.“
„Wie Sie wünschen“, erwiderte der Concierge unverbindlich.
Einer der Aufzüge brachte ihn nach oben. Als er die oberste Etage betrat und aus einem der vielen Fenster schaute, konnte er fast den gesamten Flughafen überblicken. Es war verrückt, was der Mensch hier erschaffen hatte, aber auch schlimm, was er der Natur angetan hatte. Der Boden, der jetzt asphaltiert war und von Betongebäuden dominiert wurde, war in der Vergangenheit von Wald bedeckt gewesen. Eine wahre Sünde.
Apropos Sünde! Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Heute Nacht würde er gerne eine Sünde oder mehrere begehen, aber … na ja. Er dachte an heute Mittag und die Staustufe zurück. Seine Gedankenwelt war durcheinander, sehr ambivalent.
Er klopfte an Zimmer 1105. Stefanie Maurer öffnete fast sofort.
„Hallo Sascha“, begrüßte sie ihn mit verführerischem Augenaufschlag. „Komm doch rein.“ Sie ließ Winter an sich vorbei treten. Dabei kam sie ihm so nah, dass ihre ausladende Oberweite seinen Arm berührte. Winter entging dies nicht.
„Ich muss kurz ins Bad“, sagte Stefanie. „Lauf nicht weg.“
„Bestimmt nicht.“ Winter grinste breit, während sie die Badezimmertür schloss. Er lief durch den Raum und sog alles in sich auf. Den natürlichen Duft ihrer Haut, den er trotz des Parfüms aufnehmen konnte, genauso wie die verheißungsvolle Atmosphäre des Zimmers. Er roch an ihrer Kleidung. Sein Trieb erwachte erneut. Der, der ihn schon früher angetrieben hatte. Aber er musste das Tier im Zaum halten. Er musste die Oberhand behalten.
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