»Es tut mir so leid«, flüsterte sie unter Tränen.
»Was?«, fragte er und blickte sie voller Zärtlichkeit an. Im Schein der kleinen Lampe sah er älter und gereifter aus, ein erwachsener Mann, aber sie fühlte sich wie ein kleines, verlorengegangenes Mädchen.
Sie wischte sich über die Augen. »Das«, flüsterte sie und wies in Richtung Wiege. »Ich wollte dich stolz machen. Ich wollte, dass du dich freust und es lieb hast, so wie du Manina lieb hast. Bitte, sei mir nicht böse, verachte mich nicht …«
»Was machst du dir nur für Gedanken?«, wunderte Blitz sich. »Ich habe ihn lieb, glaub mir. Das ist unser Sohn!«
Aber Ilinias weinte. »Ich wollte nie, dass es so wird, glaub mir …«
»Aber ich gebe dir doch nicht die Schuld! Kein Mensch gibt dir die Schuld daran!«
»Das stimmt nicht«, sagte sie. »Das stimmt nicht und du weißt das. Im Palast zerreißen sie sich das Maul darüber, wer wohl der Vater von diesem Monstrum ist. Hast du das wirklich nicht mitbekommen? Sie reden darüber, wer der hässlichste Mann von Kirifas ist. Manche haben sich sogar an diesen komischen Zwerg erinnert, und behaupten, er wäre der Vater!«
»Kroa?«, fragte Blitz verständnislos.
»Sie sagen, wenn ich immer nur dich angesehen hätte, müsste mein Kind so aussehen wie du. Und ich habe nur dich angesehen, wirklich! Ich habe nie auch nur an einen anderen Mann gedacht! Ach, Blitz … Sie sagen sogar, wenn eine Schwangere Hässliches denkt, dann kann ihr Kind davon hässlich werden.«
»Lass sie doch reden, sie haben keine Ahnung. Du bist so eine wundervolle Frau, Ilinias. Du hast bestimmt nie etwas Hässliches gedacht.«
»Doch.« Ihr Weinen wurde stärker. »Ich hab die ganze Zeit gedacht, dass ich dieses Kind eigentlich gar nicht möchte. Ich hab nur ans Kämpfen gedacht und daran, wie ich möglichst schnell wieder meine Übungen aufnehmen kann. Ich habe keine Socken gestrickt und mit Blümchen verziert oder was die anderen Frauen so machen, wenn sie schwanger sind. Ich wollte kein Kind und deshalb ist es auch kein richtiges Kind geworden, sondern so ein schreckliches Ding.«
»Du bist nicht schuld.« Er nahm sie in den Arm und wiegte sie sanft hin und her. »Lass dir das von niemandem einreden.«
»Es tut mir so leid.«
»Oh meine Liebe, weine nicht.«
Schon lange hatten sie einander nicht mehr innig umarmt, nicht wie Liebende miteinander geflüstert. Seit sie in Kirifas waren, war ihnen auch ein guter Teil der Leidenschaft verloren gegangen, die sie auf ihrer Flucht vor Zukata empfunden hatten, angefacht von Gefahr und Wagnis. Hier, im Palast, war jeder seinen eigenen Geschäften nachgegangen – Blitz kümmerte sich um Manina und verbrachte darum viel Zeit mit der kaiserlichen Familie, Ilinias hielt sich bei den Wächterinnen auf. Jeder lebte sein eigenes Leben. Es war, als hätte diese kurze Zeit, in der Mino in Kirifas gewesen war, einen Schatten über ihre Liebe geworfen oder eine Schlucht zwischen ihnen aufgerissen. Doch nun, als er sie zu trösten versuchte, war die alte Verbundenheit wieder da. Ilinias kuschelte sich in seine Umarmung. In diesem Moment der Ehrlichkeit wagte sie es, etwas zu sagen, was ihr schon lange auf dem Herzen lag: »Mino hätte dir bestimmt ein richtiges Kind geschenkt.«
»Denk nicht an Mino«, sagte er leise. »Du bist es, die ich geheiratet habe.«
Mehr als alles andere wünschte sie sich, sie hätte in sein Herz hineinsehen können, aber zugleich fürchtete sie sich vor dem, was sie dort vielleicht zu sehen bekäme.
»Denkst du denn an sie?«, fragte sie.
»Ilinias«, sagte Blitz nur und küsste sie auf ihr tränennasses Gesicht.
In diesem Moment begann Sorayn sich unruhig zu bewegen, und Blitz sprang aus dem Bett, um ihn zu ihr zu bringen, bevor er mit seinem Geschrei den ganzen Palast aus dem Schlaf riss.
»Mino ist eine Erinnerung an eine schöne Kindheit«, sagte er, als er ihr das Kind an die Brust legte. »Du bist hier. Du bist meine Frau. Und das ist mein Sohn.« Er streichelte das haarige Köpfchen. »Unser kleiner Sohn. Mach ihn nicht schlechter, als er ist, Ilinias. Muss denn jeder Mensch hübsch sein?«
Ja, dachte sie nur. Das Gesicht des Kleinen lag im Schatten. Sie sah es nicht an, sie schaute auf Blitz, der an der Bettkante saß. Vielleicht, wenn wir blind wären, wenn wir in einer dunklen Welt lebten, in der nur unsere Worte und unsere Taten und unsere Gedanken zählten … Aber, hätte sie am liebsten gefragt, würdest du mich dann lieben, Blitz? Würdest du mich lieben, in einer dunklen Welt? Du Lügner.
Wenn Ilinias den Kleinen an ihre Brust legte, schloss sie die Augen, um ihn nicht dabei ansehen zu müssen. Sie versuchte sich vorzustellen, dass sie ein anderes Kind im Arm hielt, ein hübsches, freundliches Kind, das ihren Blick suchte. Sorayn war dagegen nicht freundlich. Er trank mit einer Gier, die sie überraschte und die ihr Schmerzen bereitete. Schließlich fragte sie die Hebamme, ob das Stillen allen Frauen so wehtat. Die erfahrene Heilerin betrachtete verwundert Ilinias’ gerötete Brust und sah sich daraufhin das Kind noch einmal an.
»Das gibt es doch nicht! Er hat schon einen Zahn! Kein Wunder, dass er dir wehtut.«
Es bereitete Ilinias ungeahnte Qualen, ihr Kind zu versorgen. Er trank so viel, dass ihre Brüste Unmengen an Milch bildeten – dann wieder schlief er so lange, dass sie sich sehnlichst wünschte, er würde trinken, doch er war nicht wachzubekommen. An die Wiederaufnahme ihrer Übungen bei den Amazonen war nicht zu denken. Mit kühlenden Umschlägen auf ihrer Brust lag sie im Bett, während der Kleine sich nicht darum scherte, ob seine Ansprüche ihr bekamen oder nicht. Alle Ratschläge der Hebamme, wie sie ihn zu regelmäßigen Fütterungszeiten erziehen könnte, schlugen fehl. Wenn er schlief, ließ er sich nicht wecken, und wenn er Hunger hatte, brüllte er mit einer Lautstärke, die fast im ganzen Palast zu hören war und es nicht zuließ, ihn warten zu lassen. Und doch waren diese ersten beiden Wochen nichts gegen das, was noch kommen sollte; später wünschten sie sich diese Zeit zurück.
Bei seinem ersten Anfall glaubte Ilinias, ihr Kind würde ersticken. Es rang nach Luft und lief blau an, es krümmte sich und zuckte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte, was sie tun konnte, und schließlich lief sie los, den Kleinen im Arm, um nach dem kaiserlichen Heiler, dem Arzt Rugan, zu suchen. Noch bevor sie ihn gefunden hatte, hatte das Kind wieder Luft geholt und begann zu schreien. Es waren solche lauten, qualvollen Schreie, dass ihr schien, er würde jetzt sofort in ihren Armen sterben, und Ilinias lief weinend durch den Palast und hoffte, Rugan rechtzeitig zu finden.
Schließlich fand er sie, von dem Geschrei herbeigerufen, aber er war genauso hilflos wie sie.
»Ich weiß nicht, was er hat«, musste der Arzt zugeben, nachdem er das Kind kurz untersucht hatte. Er tastete es ab, um festzustellen, ob irgendetwas gebrochen war, und fragte sie etwas verlegen, ob sie es vielleicht fallengelassen hatte. »Ruf mich noch einmal, wenn er schläft, vielleicht kann ich ihn dann besser untersuchen.«
Ilinias kam es unwahrscheinlich vor, dass ihr Sohn jemals wieder schlafen würde, geschweige denn, dass er diesen Tag überhaupt überlebte. Eine Menge Leute waren zusammengelaufen, um zu sehen, was es gab. Es wäre Ilinias peinlich gewesen, so viel Aufsehen zu erregen, wenn sie nicht so benommen von dem Lärm gewesen wäre, dass ihr bald alles gleich war, wenn es nur aufhörte. Die neugierigen Fürstinnen, die darauf hofften, auch einmal einen Blick auf das sagenhaft hässliche Kind werfen zu können, überboten sich mit weisen Ratschlägen.
»Das ist Bauchweh, das hatte meine Tochter auch in dem Alter.«
»Nein, das sind Schüttelkrämpfe, hast du nicht gesehen, wie es zuckt?«
»Solche Kinder leben sowieso nicht lange.«
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