»Willst du es jetzt stillen?«, fragte die Hebamme freundlich.
»Hol die Amme«, bat Ilinias sofort. So schnell wie möglich wollte sie zurück zu den Amazonen.
»Ich würde dir raten, es selbst zu tun.«
»Das hatte ich aber nicht vor. Hol bitte …«
Auf einmal war Blitz im Zimmer. »Ist es da?«, fragte er hoffnungsvoll.
»Hier. Ein Junge.« Die Hebamme hielt ihm das Neugeborene hin. Ilinias wartete darauf, dass er sich enttäuscht abwandte. Aber Blitz nahm das Kind freudestrahlend in den Arm und beugte sich zu ihr hinunter.
»Ich bin so froh«, sagte er zu ihr, »so sehr froh.«
»Er gefällt dir?«, fragte Ilinias ungläubig.
»Er ist wunderschön.« War er blind? Oder hatte er, um die Wartezeit zu überbrücken, zu viel getrunken? Sie schnupperte, aber an seinem Atem war nichts Verdächtiges, daran konnte es nicht liegen.
»Jetzt sind wir eine Familie.« Blitz küsste das winzige, das abstoßend hässliche Gesicht seines Sohnes.
Die Wehmutter brachte die Amme ins Zimmer. Blitz überreichte ihr vorsichtig den kleinen Jungen, aber sobald sie ihn angeschaut hatte, stieß sie einen Schrei aus und gab ihm Sorayn zurück.
»Das – das ist euer Kind?«
»Gerade eben geboren«, bestätigte die Hebamme.
»Das stille ich nicht.«
»Was?«, rief Ilinias entsetzt. »Wir hatten das aber vereinbart, wir …«
»Das Ding hier soll ich mit meinem eigenen Sohn an die Brust legen?« Die Frau schüttelte angewidert den Kopf. »Das tue ich nicht.«
Blitz funkelte sie zornig an. »Du weigerst dich, unserem Kind Milch zu geben?«
»Dann suchen wir uns eben eine andere Amme«, sagte Ilinias müde.
»Ihr werdet keine einzige Amme in ganz Kirifas finden, die dieses Ungeheuer an ihre Brüste lässt!«, rief die Frau.
»Wir hatten eine Vereinbarung!«
»Das ist mir egal!« Fort war sie. Vor Zorn stiegen Ilinias die Tränen in die Augen. Die ganze Zeit hatte sie sich beherrscht, alle Schmerzen hatte sie ausgehalten, aber diese Demütigung brachte sie zum Weinen.
»Ganz ruhig, mein Schatz«, sagte Blitz. »So ein garstiges Weib, gut, dass wir sie los sind. Wir finden eine andere.«
»Aber sie hat gesagt …«
»Und ich fürchte, sie hat recht«, ließ die Hebamme sich vernehmen.
»Was soll das heißen?«, fuhr Blitz auf. »Der Kaiser hat dieses Kind gesegnet und den Namen ausgesucht. Es wird genug Frauen geben, die erkennen, welche Ehre es ist, sich um unseren Sohn zu kümmern.«
Die Wehmutter schüttelte besorgt den Kopf. Sie nahm Blitz das Kind aus dem Arm und legte es an Ilinias Seite. »Hier«, sagte sie. »das ist dein Kind. Füttere du es.«
»Aber …«
»Tut euch das nicht an. Handelt euch nicht eine Abfuhr nach der anderen ein, bis ihr zum Gespött von ganz Kirifas werdet«, riet die Frau. »Es gibt Kinder, denen fliegen die Herzen zu. Und es gibt Kinder, die werden vor allem und vielleicht sogar ausschließlich von ihren Eltern geliebt. Und manche Kinder liebt keiner, aber groß müssen sie trotzdem irgendwie werden. Und ich bringe sie alle auf die Welt, ohne Unterschiede zu machen. Kümmere dich um deinen Sohn und zeig ihn nicht herum. Vielleicht wird es besser.«
»Was sollte besser werden?«, fragte Blitz aufgebracht. »Mit meinem Sohn ist alles in Ordnung.«
»Nun ja, wir werden sehen.« Sie seufzte mitleidig. »Wir werden sehen.«
Ilinias und Blitz merkten rasch, dass es ein weiser Ratschlag gewesen war, das Kind nicht allen Leuten zu zeigen. Die Bewohner des Palastes waren neugierig, nachdem schon vorher so viel darüber geredet worden war. Die Kaiserin selbst kam, um Ilinias im Wochenbett zu besuchen.
»Oh«, entfuhr es ihr, nachdem sie den Kleinen gesehen hatte. Alle Lobesworte erstarben ihr auf der Zunge. Das Gerücht von der Hässlichkeit des Kindes machte bereits die Runde, aber niemand glaubte, dass es wirklich so schlimm war, bis er Sorayn selbst gesehen hatte. Schnell wandte Fanes sich Ilinias zu und fragte sie nach ihrem Befinden, und wie die Besucher vor ihr fand sie recht schnell wieder hinaus. Kurze Zeit danach ließ Blitz den Kaiser ins Zimmer.
Er beugte sich über die Wiege und betrachtete Sorayn, ohne eine Miene zu verziehen.
»Nun, Majestät?«, fragte Ilinias und verzog spöttisch das Gesicht. »Wie gefällt Euch mein Kind, auf dem Rins Segen ruht?«
Der Kaiser zögerte mit seiner Antwort.
Sie lachte leise. »Wunderbar und einzigartig, in der Tat.« Der außergewöhnliche Name ihres Sohnes kam ihr nun vor wie ein Hohn. »Der Einzigartige, ha! In ganz Kirifas, nein, im ganzen Kaiserreich«, sagte Ilinias laut, »gibt es wohl kein Kind, das so hässlich ist wie dieses. Es sieht gar nicht aus wie ein Kind. Es sieht aus wie eine Puppe, die ein ungeschickter Spielzeugmacher aus den Resten verschiedener kaputter Puppen zusammengebastelt hat. Von jener einen Arm, von einer anderen das Bein, von dieser den Kopf, aber natürlich nicht den ganzen. Nehmen wir von dieser hübschen Mädchenpuppe die schönen blauen Augen. Dort, jene mit dem Erwachsenengesicht, berauben wir ihrer Nase. Von jener nehmen wir die Ohren, und von der dort den Mund. Und das Kinn – ach, wozu brauchen wir ein Kinn? Das lassen wir gleich fort. Mit Haaren brauchen wir nicht geizig zu sein, reißen wir der schwarzen Katze dort einfach ein paar aus. So, fertig. Ein einzigartiges Kind. Sollten wir uns denn mit weniger zufrieden geben? Mit einem ganz gewöhnlichen Balg, das vielleicht sogar andere Leute niedlich finden könnten?«
Kanuna wandte sich zu ihr hin. »Ilinias …«
»Ja, Majestät?« Ihre blauen Augen funkelten ihn angriffslustig an.
»Ich hatte nicht vor, irgendetwas Schlechtes über dein Kind zu sagen.«
Betreten senkte sie den Blick. »Verzeiht, Majestät.«
»Ich weiß, das ist kein Trost«, sagte er, »aber immer wieder werden Kinder geboren, die anders sind, schwach und krank, und die nie so werden wie andere Menschen. Niemand weiß, warum Rin uns auch solche Kinder schickt. Niemand weiß, was daraus vielleicht noch Gutes entstehen könnte.«
»Habt Ihr auf seine Augen geachtet?«, fragte Blitz. »Er hat die gleichen Augen wie Ilinias, blau und schön.«
»Aber er macht sie kaum auf«, klagte Ilinias.
Das Kind lag in seiner Wiege und rührte sich nicht. Wenn es wach war, starrte es vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Blitz kam es manchmal vor, als sei dieses Kind von seiner eigenen Geburt so überrascht worden, dass es erst einmal zu sich kommen musste. Das Kind. Sie nannten es alle »das Kind«, sie vermieden es, seinen Namen auszusprechen, als wäre sein Name eine Krone, die nicht zu diesem Kopf passte. Und wenn einer von ihnen es sagte – sie selbst oder ein Besucher –, erschraken sie alle gemeinsam über diesen Namen, in dem so viel Segen und Verheißung lagen. Sorayn, der Einzigartige.
Einmal, nachdem sie etwas länger geschlafen hatte und nicht schon nach zwei, drei Stunden von dem Kind geweckt wurde, erwachte Ilinias und es kam ihr vor, als sei dies alles nur ein Albtraum. Irgendwann würde sie erwachen, zu ihrem richtigen Leben, das irgendwo ohne sie stattfand, und würde feststellen, dass nichts von dem hier wirklich passiert war. Sie hatte kein Kind bekommen, das aussah wie ein groteskes Ungeheuer. Sie war immer noch schwanger und irgendwann würde ihr Sohn zur Welt kommen, klein und fein und niedlich, ein Junge, der aussah wie Blitz. Sie konnte sich vorstellen, dass es möglich war, ein Kind, das Blitz glich, innig zu lieben. Schwarzes Haar. Ein Kind, das lächeln konnte, ein Kind, über das sich die anderen Leute beugten und Ausrufe des Entzückens von sich gaben.
Sie merkte, dass Blitz wach war. Auch er horchte wohl darauf, dass der Kleine sich meldete. Diese Nacht war ungewöhnlich ruhig gewesen.
»Ilinias.« Er streckte die Hand aus und streichelte ihre Wange.
Es war ein herrlicher Traum: sich vorzustellen, dass es nur sie beide gab. Dass dieses Kind nicht zu ihnen gehörte, dass Rin ihnen gnädig gewesen war und ihnen ein anderes Kind geschenkt hatte, ein richtiges Kind.
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