»Ein Jahr«, stöhnte Ilinias unglücklich.
»Das geht schnell vorbei«, versicherte Sarika. »Wenn du dir eine Amme nimmst, geht es sogar noch schneller.«
»Natürlich nehme ich mir eine Amme! Aber bis dahin soll ich hier herumsitzen und Däumchen drehen? Das macht mich verrückt! Oh bitte, Sarika, kann ich nicht irgendetwas anderes lernen? Vielleicht Bogenschießen? Ich könnte doch schießen lernen, oder nicht? Du hast mir gesagt, dass das auch noch in meiner Ausbildung vorkommen wird.«
Sarika lächelte auf einmal. »Du gibst wohl nie auf, wie? Aber du hast recht. Du brauchst nicht herumzusitzen. Wir werden dich anders weiterbilden, ich werde mir darüber Gedanken machen, was alles möglich ist. Und dafür versprichst du mir, es sofort deinem Mann zu sagen. Und das meine ich auch so. Jetzt. Sofort.«
»Ja, sicher«, versprach Ilinias, »ich wollte es ihm ja sowieso sagen.«
Sie legte Sarika die Lanze in die ausgestreckten Hände.
»Ihr seid so ein schönes Paar«, meinte die Amazone. »Was wird das für ein hübsches Kindchen werden.«
»Ja«, stimmte Ilinias aus reiner Höflichkeit zu. Mit immer noch wackeligen Knien ging sie Blitz suchen.
Keine Kinderfrau kam gegen Maninas Liebe zu Blitz an. Sie war damit einverstanden gewesen, die Kaiserin »Mama« zu nennen, doch es dauerte lange, bis die Riesenfrau das Vertrauen des kleinen Mädchens gewann. An Kanuna El Schattik, ihren Vater, gewöhnte sie sich etwas schneller, doch ihr »Papa« war Blitz und blieb es auch. Vielleicht spürte sie, dass die beiden Riesen sie am liebsten aus den Armen ihres Lieblingsmenschen gerissen und an ihr Herz gedrückt hätten, denn immer wieder zeigte sie ihr Misstrauen sehr deutlich und rief nach Blitz, wenn er ihrer Meinung nach zu lange fort blieb. Die Kinderfrauen, die zu ihrer Betreuung berufen waren, hatten keine Chance, und selbst als sie zu akzeptieren lernte, dass Blitz ihr nicht pausenlos zur Verfügung stand, gehörte ihre ganze Liebe nur ihm. Alle anderen ließ sie spüren, dass sie nur Lückenbüßer waren, mit denen sie sich aus reiner Gefälligkeit abgab. Sie war eine Prinzessin durch und durch.
An diesem Morgen, als Ilinias Blitz suchte, um ihm mitzuteilen, dass sie ein Kind erwartete, war er mit Manina im Stall, um die Pferde zu streicheln. Maninas Prioritäten waren klar: an erster Stelle stand bei ihr Blitz, dann die Pferde, dann Ilinias und danach ihre richtigen Eltern. Eine besondere Vorliebe hatte sie auch für Kroa, den Zwerg. Obwohl sie ihn nur zwei- oder dreimal bei seinen seltenen, aber regelmäßigen Besuchen zu Gesicht bekommen hatte, war er einer der wenigen, für die sie bereit war, Spielsachen oder Süßigkeiten zu teilen. Auch jeder, der im Stall arbeitete, hatte die Gelegenheit, ihr Herz zu erobern. Manch ein Stallbursche schmeichelte sich bereits jetzt nach Kräften bei ihr ein; man konnte nie wissen, ob einem das nicht langfristig handfeste Vorteile verschaffte.
Blitz führte das große braune Pferd über den Hof, dieses Pferd, mit dem sie von Salien aus bis nach Kirifas geritten waren. Kein edleres Ross, kein niedliches kleines Pony bedeutete Manina mehr. Sie war, was ihre Zuneigung betraf, absolut treu.
»Blitz!«
Der junge, schwarzhaarige Mann, der den Braunen führte, sah auf, als er seine Frau hörte. Ihn wunderte ein wenig, dass sie mit ihren Kampfübungen schon fertig war. Ilinias bekam nie genug davon, selbst wenn sie sich danach mit blauen Flecken und Muskelkater durch die Flure schleppte. In ihr war ein solches Bedürfnis nach Kampf, dass er sich manchmal wunderte, wie sie ihre Klosterzeit überhaupt überstanden hatte – und dass die Menschen in ihrer Umgebung das überlebt hatten.
Ihr blondes Haar löste sich aus dem Zopf, den sie sich immer zum Kämpfen flocht. Ihre Beinkleider waren an den Knien zerrissen und ihre dunkelrote Tunika machte nicht alle Flecken unsichtbar. Keine der Wachen sah so abgerissen aus wie sie, aber die Alternative wäre gewesen, ihr zu jeder Übungsstunde neue Kleidungsstücke zu geben. Wenn sie kämpfte, gab Ilinias alles und achtete nicht darauf, wie sie aussah.
»Weiter!«, befahl Manina. Aber Blitz stand da wie angegossen, während er Ilinias betrachtete. Er war nicht der Einzige; ihm entging nicht, dass auch einige andere Männer in ihrer Arbeit innehielten, um die schönste Frau zu beobachten, die des Kaisers Hof zu bieten hatte. Seine Frau. Keine der sittsamen Fürstinnen und Fürstentöchter am Hof konnte ihr das Wasser reichen, keine Prinzessin und keine Magd. Schöne Gesichter gab es zuhauf, vielleicht sogar schönere, doch keine andere Frau war von einer solchen Aura von Kraft und Lebendigkeit umgeben. Ilinias hatte recht damit gehabt, dass sie nicht an diesen Hof passte – obwohl sie nicht groß war, wirkte jeder Raum zu klein für sie. Die höfischen Sitten langweilten sie nur und alle Versuche der Kaiserin, ihr ein paar Freundinnen zur Seite zu stellen, schlugen fehl, denn keines der adligen Mädchen konnte sich an Ilinias’ Art gewöhnen. Sie fühlte sich nur bei den Amazonen wohl und die Fürstentöchter fanden auch, dass eine Dahergelaufene, die nicht einmal den Namen ihrer Eltern kannte, nach draußen auf den sandigen Platz gehörte und nicht in die prunkvollen Säle. Während die weiblichen Palastbewohner heimlich von oben herab taten – Ilinias offen zu beleidigen wagte niemand –, wussten die Männer doch sofort, dass es eine Frau wie diese nur ein einziges Mal gab. Aber niemand wagte auch nur einen vorsichtigen Versuch, denn ihre strahlend blauen Augen unter den schwarzen Wimpern sahen allein Blitz an.
Die Beobachter fühlten den leisen Stich der Eifersucht, als sie Ilinias auf Blitz zutreten sahen. Sie konnten nicht hören, was sie miteinander redeten, aber sie sahen, wie das Mädchen, nachdem es seine Botschaft überbracht hatte, sich einfach wieder umdrehte und davonmarschierte. Blitz blieb wie vom Donner geschlagen stehen und starrte ihr nach. Und dann tat er etwas für ihn Ungewöhnliches: Er winkte einen Stallburschen heran und drückte ihm den Führungsstrick des Braunen in die Hand, und ohne auf Maninas Proteste zu achten, lief er seiner Frau nach.
»Haben sie sich wohl gestritten?«, fragten ein paar Dienstmädchen neugierig, die die Szene von weitem beobachtet hatten. Der Stallbursche, so unverhofft im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Blitz wirkte überhaupt nicht ärgerlich. Er sah eher aus, als würde er vor Freude in die Luft gehen.« Der Bursche nickte weise mit dem Kopf. »Ja, tatsächlich, also wenn ihr mich fragt, hatte sie eine richtig gute Nachricht für ihn. Er strahlte wie – wie …« Ihm fiel kein Vergleich ein. Schließlich schaute er das hübscheste Dienstmädchen an und ergänzte: »So wie ich strahlen würde, wenn du mit mir ausgehst.«
Ilinias wollte nicht schwanger sein. Sie hasste es, Rücksicht auf dieses Kind zu nehmen, das sie sich nicht einmal gewünscht hatte. Ohne sie zu fragen, hatte es sich in ihr eingenistet, ein fremdes Wesen, das ihren Körper als seine Wohnung beanspruchte und dem sie gegen ihren Willen Unterkunft und Nahrung gewähren musste. Ihr blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Sie fletschte die Zähne, wenn man sie freundlich fragte, wann das Baby zur Welt kommen sollte, und hoffte, dass die Leute es für ein Lächeln hielten. In ihr loderte die Wut auf ihren weiblichen Körper, der sie so schmählich verraten hatte. Natürlich hatte sie gewusst, wie Kinder entstehen, aber in ihrem Inneren hatte sie nicht daran geglaubt, dass es tatsächlich passieren könnte. Sie und Blitz. Mehr wollte sie gar nicht, mehr brauchte sie nicht zum Glücklichsein. Er war derjenige, der sich auf das Kind freute – aber warum musste sie dann diejenige sein, die dick und unförmig wurde, die mit Übelkeit, Rückenschmerzen und Sodbrennen zu kämpfen hatte? Sie wollte andere Kämpfe ausfechten, sie hatte den Ehrgeiz, die beste Kriegerin von allen zu werden und irgendwann zur persönlichen Leibwächterin der kaiserlichen Familie aufzusteigen, so wie Sarika. Sie wollte stark sein und gefährlich, eine ernstzunehmende Gegnerin, egal ob für einen Menschen oder einen Riesen. Wenn Zukata kam – und obwohl sie nie mit Blitz darüber sprach, war in ihr die Gewissheit, dass er irgendwann kommen würde, um sich für Blitz’ Verrat zu rächen –, wollte sie bereit sein.
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