Aber sie starb nicht. Oder doch?
Sie lag da und fühlte, wie das Leben aus ihr herausrann …
»Zu viel Blut«, hörte sie die Hebamme sagen. »Sie verliert viel zu viel Blut.«
»Tu etwas, verdammt!«, sagte die Stimme ihrer Mutter.
Verdammt, ja, dachte Mino. War ich das nicht von Anfang an? Sie war damit zufrieden, zu sterben. Dann brauchte sie Norha nicht zu heiraten. Dann brauchte sie überhaupt nichts mehr zu tun. Sie schloss die Augen und wartete darauf, dass die Brücke vor ihr auftauchte, die wunderbare Brücke über das Meer.
»Etwas mickrig, wie?« Es interessierte sie nicht, worüber die anderen sprachen. »Schau her, Mino«, befahl Binajatja. »Schau her, sage ich dir!« Sie wollte die Augen nicht öffnen. Aber sie war es so gewöhnt, ihrer Mutter zu gehorchen, dass sie die Lider hob. Und direkt vor ihr war ein zerknautschtes, rotes Gesicht.
»Das ist dein Kind, schau es dir an!«, forderte Binajatja sie auf. Mino hatte nicht gewusst, dass es lebte. Sie hatte auf einen Schrei gewartet und es war kein Schrei gekommen. Nun sterben wir hier beide, zusammen … Aber da war das Kind, eingewickelt in ein weißes Tuch. Auf seinem Kopf bauschte sich weicher, dunkler Flaum. Für so ein winziges Kind hatte es unglaublich viel Haar. Seine Augen waren schwarz. Wundervolle schwarze Augen.
Sofort hörte Mino auf zu sterben. Sie war so kraftlos, dass sie ihre Arme kaum heben konnte, aber sie streckte die Hände nach diesem Wunder aus.
»Ein Mädchen«, teilte ihr Binajatja mit. Ihre Stimme klang auf einmal anders, weicher und freundlicher und zugleich rau, fast so, als wäre sie gegen ihren Willen gerührt.
»Ixa«, flüsterte Mino.
»Was? Du nennst es Ixa? Was ist denn das für ein Name?« Die Apfelkönigin schüttelte den Kopf. »Ganz bestimmt nicht Ixa. Werie wird es zu Alika bringen, wenn sie hier mit dir fertig ist, und Alika soll sich einen Namen ausdenken. Nun, was ist, Werie? Kannst du die Blutung stoppen?«
Binajatjas Stimme zitterte leicht. »Hier«, sagte sie und ergriff Minos Hand, »fühl mal.« Ihre Hand berührte das Köpfchen ihrer Tochter. Warm und weich waren ihre Haut und das flaumige Haar. Auf einmal öffnete sie den Mund und krähte.
Dies war das Glück. Es war wie die Vision von der Brücke, auf die sie gewartet hatte – ein Gefühl von solch eindringlicher Klarheit, dass dagegen alles andere verblasste.
Während sie hier lag und starb oder auch nicht starb, während sie verblutete – aber vielleicht auch nur fast – kam ein solches Glücksgefühl über sie, dass sie es kaum aushalten konnte. Ihr Herz wurde leicht und ihr ganzer Körper schien über dem Bett zu schweben, frei wie ein Vogel im Wind über dem Meer. Die dunklen Augen, in die sie blickte, waren die schönsten Augen der Welt. Aus der Nacht ihres Leibes und ihres Lebens war ein Geschöpf ins Tageslicht geboren worden, so unaussprechlich wunderbar, dass daneben nichts anderes mehr zählte.
Dies, so fühlte sie, ist das Glück.
In dem Gasthaus zog es erbärmlich. Norha rieb seine Füße aneinander und sehnte sich nach einem Platz näher am Kamin. Auf den Glücklichen Inseln vergaß man allzu leicht, dass der Winter nicht die ideale Zeit zum Reisen war.
Missmutig schlürfte er seine heiße Suppe oder das, was der Wirt prahlerisch als Suppe bezeichnete. Falls ein Stück Fleisch oder wenigstens ein Knochen hier durchgeschwommen war, hatte es jedenfalls keine Spuren hinterlassen.
»Du musst Wild verlangen.«
Erstaunt blickte Norha auf. »Wikant? Was machst du denn hier?«
»Alles andere ist ungenießbar. Vertrau mir, ich war schon oft genug hier.«
Norha schob seinen Teller von sich fort. »Ich dachte, du bist zu Hause?«
»Das bin ich auch. Im Ernst, ich habe genug auf Neiara zu tun. Aber als ich mitbekommen habe, dass du eine Reise machst …«
»Mitbekommen? Du und Tinek, ihr habt mir doch die ganze Zeit zugeredet, dass ich auf Binajatjas Vorschlag eingehen soll.«
»Und Mino?«
»Was ist mit ihr?«
Wikant starrte ihn eine Zeitlang an, dann wandte er sich um und winkte dem Wirt. Er musste nicht einmal sagen, was er bestellte.
»Du bist anscheinend wirklich öfter hier«, stellte Norha fest. Seine Füße froren noch immer, aber er nahm sie nicht mehr so deutlich wahr. Seinen ganzen Körper durchjagten Schauer. »Was willst du von mir? Was noch? Erst sollte ich Binajatja heiraten und dann auf einmal Mino …«
»Bist du nicht froh, dass ihre Tochter gerade rechtzeitig heimgekehrt ist? Es wäre ziemlich dumm gewesen, wenn du Binajatja geheiratet hättest, um die Insel zu bekommen, und wenn dann plötzlich die Erbin aufgetaucht wäre.«
Norha ging auf die erfreuliche Wendung der Dinge nicht ein. »Was also? Du bist doch nicht zufällig hier.« Dass er das Unbehagen seines Bruders spürte, machte die Sache nicht besser. »Tinek hat dich geschickt, wie?«
»Du brauchst nicht wegen der Zölle zu verhandeln«, sagte Wikant. »Bezahl sie einfach. Wir holen uns alles wieder, was sie uns abnehmen.«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Wonach klingt es denn?«, fragte Wikant angriffslustig. »Stellst du dich nur so blöd oder bist du es wirklich? Vergiss Drian. Sie haben dir den ganzen Winter freigegeben, deine Apfelköniginnen? Geh nach Sitra.«
»Was soll ich dort?«
»Das Königshaus besuchen. Dort leben. Nichts weiter. Und die Augen offenhalten.«
Norha versuchte, Wikant zu durchschauen, in seinem Gesicht etwas zu lesen, was einfach nicht entzifferbar war. »Was? Warum?«
»Sie werden dich dort aufnehmen, wenn du dich als der Fürst von Arima vorstellst. Mach nicht so eine Miene, halt dich gerade, und du bist, was du dich nennst. Tu, als wärst du auf Brautschau.«
»Ich bin gerade dabei, Mino zu heiraten, falls du das vergessen hast! Wen soll ich denn noch alles heiraten?«
»Für Binajatja, die einsame Schwiegermutter. Erzähl, dass du einen alten Grafen oder was auch immer für sie suchst. Sieh dich um. Mehr erwarten wir gar nicht.«
»Kannst du mir sagen, was das soll? Willst du es mir sagen?«
Wikant sah auf, als der Wirt einen großen, zugedeckten Teller brachte. »Ah, da ist es! Wunderbar!«
Norha lief das Wasser im Mund zusammen, als er den Duft des Bratens roch. »Wild?«, fragte er leise. »Hat nicht nur der König von Drian das Recht, in diesen Wäldern zu jagen?«
»Iss«, befahl Wikant. Er griff nach Norhas Weinglas und stürzte es hinunter.
»Ich dachte, du trinkst nicht mehr.«
»Denk nicht so viel. Iss.« Er beugte sich vor. »Du wirst dich noch daran gewöhnen, zu essen, was dem König gehört. Irgendeinem König.«
»Dein Schloss steigt dir zu Kopfe, wie?«
Norha war an diesem Tag so lange geritten, dass er kaum noch sitzen konnte. Es verlangte ihn nach einem Bett. Wahrscheinlich würde es von Flöhen und Wanzen wimmeln.
Wikants Hand zitterte leicht, als er die Hand zum Mund führte. Bratensaft tropfte auf das glatte Holz des Tisches. »Verlange ich wirklich so viel? Reite nach Sitra und lebe eine Weile dort am Hof. Das wirst du doch noch für deinen Bruder und seine Familie tun können.«
Norha gab nach. Er nickte. Das Fleisch, dunkel und würzig, steckte überall in seinen Zähnen. Er stellte es sich durchaus angenehm vor, eine Weile an einem Königshof zu leben. »Na gut«, sagte er. »Ich reite nach Sitra.«
Braune Augen. Ein kleiner, kirschroter Kussmund. Kastanienbraune Locken.
»Wie sieht Eure Braut aus, Fürst Norha?«
Die kleine Gräfin schmachtete ihn nicht an. Sie war nur freundlich. Trotzdem kam es ihm merkwürdig gefährlich vor, mit ihr zu plaudern. »Weiß«, sagte er. »Sie ist hellblond.«
Sie kicherte. »Ist sie hübsch?«
Es gab keinen Grund zum Kichern. Norha fühlte, wie er selbst immer ernster, immer grimmiger wurde. Es war schwer, sich zum Entspannen zu zwingen und gelöst zu plaudern. »Nun ja, anders hübsch als Ihr, Gräfin Liadett.«
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