»Euer Gesindel ist auf dem Weg hierher«, fügte der König hinzu. »Ich habe ihnen bereits einen Trupp Soldaten entgegengeschickt. Besser ist es, Ihr nehmt Eure schmutzigen Halsabschneider mit und verlasst mein Land, oder es wird nicht mehr viele geben, die Ihr für Euren Feldzug gegen den großen Kaiser von Deret-Aif ins Gemetzel führen könnt.«
Der Muskel in Zukatas Gesicht zuckte immer noch.
Er ging schnell, vielleicht noch schneller als auf dem Hinweg. Und als er seine kleine private Armee die Straße entlangtrotten sah, seine Piraten und Räuber, sein Gesindel, seine Halsabschneider, atmete er auf und blieb stehen, um auf sie zu warten. Er rannte ihnen nicht entgegen, mit ausgebreiteten Armen, sondern wartete, das Gesicht dunkel.
»Zukata!« Settan eilte auf ihn zu. »Warst du schon in Tirilis? Was hat er gesagt? Wann geht es los?«
»Ich hatte fast erwartet, er würde dir die Soldaten gleich mitgeben.« Einer der Räuber lachte, fühlte sich ertappt und hörte sofort auf.
Zukata schwieg. Er schwieg, bis ihnen sein Schweigen auffiel. Einer nach dem anderen verstummte gleichfalls und versuchte, nicht allzu sehr betreten in eine andere Richtung zu schauen, um seinen Zorn nicht herauszufordern.
»Er hat mich fortgejagt wie einen räudigen Hund«, flüsterte Zukata. Nicht zornig klang es, nur fassungslos, und der eine oder andere fragte sich, wann er dafür würde bezahlen müssen, dass Zukata ihn zum Zeugen seiner Demütigung gemacht hatte.
»Was schlägst du vor?«, fragte Zukata, und der blaue Blick richtete sich plötzlich auf Erion.
Der Junge schrak zusammen. Wenn er nicht mitten zwischen den Räubern gestanden hätte, wäre er vielleicht ein paar Schritte zurückgewichen, so aber konnte er sich nicht von der Stelle rühren. Er musste Zukatas Frage aushalten, und an dem gleichzeitigen Zusammenzucken und erleichterten Aufatmen der Männer erkannte er, dass diese Frage wie der Vorbote eines Sturms war, dass es sich bald zeigen würde, an wem der Riese seinen Grimm auslassen würde.
»Ich«, stammelte er, erschrocken, »ich …«, während er fieberhaft nach einer Idee suchte, nach etwas, was ihn retten konnte, und zugleich verzweifelt und schwungvoll beendete er den Satz: »würde vorschlagen, Ihr heiratet eine Prinzessin.«
»Was?« Auch dies war noch kein Schrei, noch lange kein Gebrüll, aber der Sturm kam näher, unzweifelhaft. »Was für eine Prinzessin?«
»Die Tochter des Königs von Yos«, antwortete Erion standhaft. »Sie heißt Sidini. Durch diese Heirat wärt Ihr mit einem Schlag der Erbe der Krone von Yos. Damit wärt Ihr gleichzeitig ein Mitglied der königlichen Familie von Melgian. Aus diesem Grund ist die Prinzessin auch noch unverheiratet. Ihre Verwandten aus Melgian kann sie nicht heiraten und mit Sandart wollen sie dort nichts zu tun haben. Wenn Ihr gegen Sandart vorgehen wollt, hättet Ihr, wenn alles gut läuft, Yos und Melgian auf Eurer Seite.«
Zukata starrte seinen Gefangenen an. Erion dachte: Er wollte, dass ich sein Freund bin. Er hat es versprochen, das hat er. »Sandart hat gar nicht so viele Soldaten«, fuhr er fort, »vor allem nicht, wenn die Küste von Piraten heimgesucht werden würde. Dann müssten sie an zwei Fronten kämpfen. Ich denke sogar …«
»Halt«, gebot Zukata. »Halt, ich meine: Wieso sagst du mir so etwas?« Auch verblüfft sah man den Riesenprinzen selten. Er schaute auf Erion herab wie auf ein Exemplar einer neuen Tierart, die nie zuvor ein Mensch entdeckt hatte. »Wie kommst du dazu?«
Erion wurde blass. Er spürte die Furcht der Räuber. Sie musste sich nicht auf ihn übertragen, er hatte so schon Angst genug für mehrere von seiner Sorte.
Erions Stimme versickerte zu einem Flüstern. Er wollte klar und deutlich reden und beweisen, dass er mutig war, denn er wusste mittlerweile, wie viel Wert Zukata auf Mut und Aufrichtigkeit legte, aber er konnte kaum sprechen, und er begann auch wieder zu stottern.
»Ich – ich habe mich – mich für Adelskun-kunde in-in-interessiert.«
Zukata wischte die misslungene Auskunft mit einer Handbewegung zur Seite. »Du interessierst dich für Königshäuser?« Er nickte. »Ja, so bist du mir entgegengerannt, wie ein Knirps aus einem Königshaus, ohne Verstand, aber immerhin einen stolzen Namen auf den Lippen. Neiara. Willst du, dass ich Kaiser von Deret-Aif werde, Bürschchen?«
»Ja, ja«, versicherte Erion.
Zukata blickte in die Runde, nicht um sich der Zustimmung seiner Leute zu versichern, sondern um ihre Liebe zu spüren, ihre Zuversicht, mit der sie seinen Wunsch teilten, mit der sie seinen Traum mitträumten.
»Gut«, sagte er. »Dann gehen wir nach Yos.«
»Dort«, sagte Tinek. »Dort soll das Schloss stehen. Ich wüsste keinen besseren Platz.«
»Ich hatte mir immer vorgestellt, wir würden unser Gut einfach erweitern und umbauen.« Mit gerunzelter Stirn betrachtete Wikant den Platz, den seine Frau ausgesucht hatte. Er war eine ganze Ecke von der Kelterei entfernt, ein Ort, den er immer nur als Aussichtspunkt angesehen hatte. Von hier hatte man einen grandiosen Blick aufs Meer, das am Fuß der steil abfallenden Klippe gegen die Insel donnerte. Ein mehrere Meter breiter und noch tieferer Spalt trennte die Felsnadel vom Rest der Insel. Es war keine gemütliche Stelle zwischen Weinbergen und Dörfern, so wie sie bisher gelebt hatten.
»Ich sehe da ein kleines Problem«, sagte Wikant. »Dieser … Felsen, würde ich mal sagen, hat unbestreitbar etwas Königliches, aber er ist ja nicht einmal richtig mit dem Land verbunden. Über diese kleine Brücke kann man doch nicht die Steine für ein ganzes Schloss schleppen.«
Ein paar lange Bretter lagen über dem Riss, und obwohl sie gut befestigt waren, gehörte Mut dazu, hinüberzugehen und nicht nach unten zu schauen.
»Wir können ein paar der Bäume fällen«, schlug Tinek vor und wies auf die großen, sturmerprobten Bäume, die hier oben wuchsen. Fast ein kleiner Wald war es, der sich hier an den Rand der Klippen klammerte. »Sie würden direkt über die Schlucht fallen. Daraus lässt sich doch eine ordentliche Brücke bauen. Außerdem ist das nicht unser Problem. Der Baumeister wird schon dafür sorgen, dass es klappt.«
»Welcher Baumeister?«, fragte Wikant.
»Er.« Sie deutete vage den Hang hinunter. Der Weinfürst sah einen großen, schlanken Mann in gebeugter Haltung sich die Steigung hinaufkämpfen.
»Was? Du hast einen Baumeister bestellt? Ich bin ja mittlerweile daran gewöhnt, dass du mich überraschst, aber das … Tinek! Wir haben nichts! Wir haben überhaupt nichts, mit dem wir ihn bezahlen könnten.«
»Nicht nur ihn. Ihn und seine Arbeiter. Und das Material. Glaubst du, ich weiß nicht, welche ungeheuren Summen dieses Projekt verschlingen wird? Aber bisher ist doch alles gut gelaufen.«
»Wir haben noch nichts von unserem Anteil gesehen«, erinnerte er sie mit gepresster Stimme. »Es gibt keine Garantie dafür, dass die Räuber nicht einfach alles behalten.«
»Sie haben einen Boten zu Zukata geschickt. Oder eine Nachricht. Wie auch immer sie mit ihm in Kontakt stehen.«
»Das haben sie gesagt.« Wikant seufzte. »Tinek, du weißt, dass das nicht heißen muss, dass wir die Hälfte der Beute bekommen werden. Sie gehören zu Zukata, also wird er sicherlich einen Anteil einfordern. Meinst du, er wird darauf zu unseren Gunsten verzichten? Meinst du, er sagt: Ich fühle mich geehrt, weil ihr meinem Auftrag nachkommt, und sicherlich dürft ihr von diesem Gold nehmen, was ihr braucht? Oder wird er sagen: Es ist doch nicht mein Problem, ob ihr ein Schloss da hinstellt oder nicht, ich habe euch nur gesagt, wie es laufen wird? Oder wird er es nicht einmal für nötig halten, uns zu antworten?«
Sie sahen gemeinsam zu, wie der Mann sich näherte.
»Tinek, es gibt keine Garantie, dass wir Erion jemals wiedersehen.«
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