»Sandart«, sagte Zukata zufrieden. »Endlich.« Er musterte seine Mannschaft mit seinen stechend blauen Augen. Unter diesem Blick fühlte jeder Einzelne sich klein und schuldig, jeder fragte sich: Ist er zufrieden mit mir? Habe ich genug getan auf dieser Reise, um ihn meiner Treue zu versichern? Sie duckten sich, aber keiner hätte darauf verzichten mögen, dass Zukatas Blick auch ihn traf, dass auch er beachtet und mit einem Nicken belohnt wurde.
»Ich werde nach Tirilis gehen und mit König Wersom sprechen«, sagte er. »Ich habe ein Abkommen mit ihm. Er wird uns Soldaten gegen Deret-Aif zur Verfügung stellen.«
Seine Leute horchten auf. Keiner hatte je gewagt, ihn zu fragen, was er mit dem Herrscher von Sandart abgemacht hatte.
»Und dann«, fuhr Zukata fort, vor ihren Augen schien er zu wachsen, »dann wird sich endlich erfüllen, was ich euch versprochen habe. Ich mache euch zu den Größten des Kaiserreichs. Wenn ich auf dem Kaiserthron sitze, werdet ihr Fürsten und Könige sein. – Glaubst du das nicht?«
Er wandte sich an Erion, der etwas verloren zwischen den jubelnden Männern stand und sich fragte, ob Zukata Gedanken lesen konnte. Wie konnte der Riese wissen, dass er das Ganze für aufgeblasenes Gerede hielt?
»Doch«, beteuerte Erion schnell. »Natürlich.«
Zukata runzelte die Stirn. Seine Hand schnellte vor, er packte den Jungen beim Schopf und schüttelte ihn ein paar Mal kräftig. Dann ließ er ihn unvermittelt los, und Erion, der schon geglaubt hatte, sein letztes Stündlein hätte geschlagen, brach zusammen und weinte.
Zukata schnaubte verächtlich. »Lüg mich nie wieder an. Hast du das verstanden?«
»Ja«, schniefte der Junge, der auf die Freundschaft dieses Mannes gehofft hatte und auf eine Krone – für sich, nicht für diese schmutzigen Piraten.
Zukata betrachtete den am Boden liegenden Gefangenen verächtlich, dann wandte er sich wieder an seine Männer. »Ich gehe voraus«, bestimmte er. »Ihr kommt mir nach, so schnell ihr könnt.«
Er hatte keine Geduld. Es zog ihn vorwärts, nach Tirilis, der Hauptstadt des Großreiches Sandart. Je schneller er den König an ihre Abmachung erinnerte, um so eher konnte er seinen Feldzug beginnen. Es duldete keinen Aufschub. Zu lange hatte er schon gewartet, zu lange hatte er sich vertrösten lassen und den Lügen seiner Familie zugehört. Sein Vater hatte ihn verraten. Sein Bruder hatte ihn betrogen. Er hatte zwar das Versprechen, dass Keta ihn eines Tages segnen würde, wenn er Blitz verschonte, aber Zukata war sich darüber im Klaren, dass auf Keta kein Verlass war. Er musste seine Familie vor vollendete Tatsachen stellen.
Mit großen Schritten eilte er durch den Hafen und die angrenzende Stadt. Die erzwungene Untätigkeit auf dem Schiff war für ihn kaum auszuhalten gewesen. Die ganze angestaute Energie brach sich jetzt Bahn; wie ein Pfeil, endlich von der Sehne gelassen, schnellte er vorwärts, und als er die Stadttore hinter sich hatte, begann er zu laufen.
Kein Mensch hätte jetzt noch mit ihm mithalten können. Sobald er in einen gleichmäßigen Rhythmus gefunden hatte, konnte er ohne Schwierigkeiten stundenlang so weiterlaufen. Er lief, und dabei waren seine Erwartungen fast noch schneller als er, immer waren sie vor ihm, seine Träume, seine Wünsche, all das, was sein würde. Es musste so sein, er würde dafür sorgen.
Nur zwei Tage brauchte Zukata, um Tirilis zu erreichen, den Ort, an dem er die nächsten wichtigen Schritte planen wollte. Die Soldaten, die ihm entgegentraten, würden bald auf sein Kommando hören, und die Tore des Schlosses, die sich ihm öffneten, würden eines nicht mehr fernen Tages den Kaiser von Deret-Aif einlassen.
»Der König ist bereit, Euch zu empfangen, Prinz Zukata.«
Dann, wenn es soweit war, würde es nicht heißen: Er ist bereit. Dann würden sie sagen: Er ist überglücklich, Euch empfangen zu dürfen. Und sie würden sich hüten, ihn mit diesen misstrauischen Gesichtern von oben bis unten zu mustern. Und es würden auch nicht so viele Wachen mit ihm in den Königssaal eintreten. Sie blieben zwar am Eingang stehen, aber ihm war durchaus bewusst, dass sie dort blieben. Das letzte Mal hatte König Wersom sich noch getraut, ihn unter vier Augen zu sprechen. Diesmal saß er merklich angespannt auf seinem Thron.
»Ah, Prinz Zukata!« Er stand auf, kam ihm ein paar Schritte entgegen und drückte ihm die Hand, kehrte dann aber rasch zurück auf seinen gepolsterten Stuhl, als sei es dort irgendwie sicherer.
»Ihr habt nicht erwartet, mich wiederzusehen«, stellte Zukata fest.
»In der Tat. Prinz Zukata – noch ist nichts von all dem zu sehen, was Ihr versprochen habt. Ihr hattet meine volle Unterstützung, und was habt Ihr daraus gemacht? Eure Geisel habt Ihr verloren. Ihr habt weder den vielgepriesenen Segen errungen noch seid Ihr dem Thron von Kirifas auch nur einen Schritt nähergekommen. Damit erkläre ich unsere Zusammenarbeit für beendet – und Ihr kommt noch günstig dabei weg, denn obwohl ich Euch Obdach in Sandart gewährt habe und Euch sogar bei der Suche nach der verschwundenen Prinzessin Leute zur Verfügung gestellt habe, habe ich nie irgendeine Art der Gegenleistung von Euch erhalten.«
Zukata stand sehr ruhig da, groß und aufrecht wie ein Baum. Nur um seine Mundwinkel zuckte ein kleiner Muskel.
»Ihr dürft gehen«, sagte König Wersom.
»Ihr habt mir Soldaten versprochen«, sagte Zukata und rührte sich nicht von der Stelle. »Ihr habt versprochen, mich beim Angriff gegen Deret-Aif zu unterstützen.«
Der König schüttelte den Kopf. Er sprach langsam, als hätte er ein begriffsstutziges Kind vor sich. »Für den Fall, dass Ihr den Segen erwerbt und damit der legitime Erbe des Kaiserreichs wärt. Nur für diesen Fall.«
»Ich werde auf dem Kaiserthron in Kirifas sitzen«, beharrte Zukata.
»Vielleicht«, räumte König Wersom ein. »Nur vielleicht. Aber ich schicke meine Soldaten nicht gegen meine Nachbarn, mit denen ich nicht im Krieg liege, ins Feld.«
Zukata beugte sich vor. »Letztes Mal habt Ihr noch anders gesprochen.«
»Letztes Mal konntet Ihr mir auch glaubhaft versichern, dass das Königreich Wenz mein sein wird, sobald Deret-Aif Euch gehört! Es schien ja alles so einfach, wie? Der Segen, dann Euer Herr Vater, der gewiss ohne Schwierigkeiten abdanken würde, dann das Riesenreich in Euren Händen, so dass Ihr mir gerne ein Stück davon abgebt … ein fürwahr genialer Plan! Nein, Prinz Zukata. Wenn Ihr nicht einmal den ersten Schritt dieses Weges gehen konntet, wie soll ich Euch glauben, dass Ihr den Rest der Strecke bewältigen könnt? Eure Familienstreitereien gehen mich nichts an. Noch einmal sage ich es Euch im Guten: Ihr könnt jetzt gehen, ohne dass ich Euch für die Zeit und die Nerven, die Ihr mich gekostet habt, belange. Prinz Zukata.«
Prinz. Es war kein stolzer Titel mehr, nicht die Verheißung eines Erbes, das dreiundzwanzig Königreiche umfasste, sondern nur noch ein Schimpfwort, Aushängeschild des Versagens.
Zukata atmete tief durch. In ihm begann ein Grollen und Brodeln, er war ein Vulkan, nahe dabei auszubrechen, aber noch stand er, unbeweglich, und rang um Fassung. Schließlich sprach er, mit mühsam beherrschter Stimme.
»Ich habe mir geschworen, dass ich alle dafür bezahlen lasse, die mich verraten und betrogen haben«, sagte er. »Wollt Ihr wirklich dazu gehören, König Wersom?«
Der König gab seinen Wachen ein Zeichen. Geschlossen traten sie einige Schritte vor.
»Ihr seid ein Riese, Prinz Zukata«, sagte er. »Aber auch Ihr seid weder unbesiegbar noch unsterblich. Dort stehen dreißig Soldaten, bis an die Zähne bewaffnet, die Euch aus meinem Palast geleiten werden.«
Die Sandarter kamen näher, sie verteilten sich weiter im Raum und ließen die Tür frei. Zukata sah die Pfeile, die auf ihn gerichtet waren, eiserne Spitzen, bereit zu fliegen. Sie glänzten dunkel. Gift? Er konnte es nicht wissen, aber allein die Vermutung genügte, dass seine Nackenhaare sich sträubten.
Читать дальше