Er hatte es endlich gesagt. Sie drehte sich zu ihm um und warf das Kinn hoch. »Nein«, sagte sie. »Ich bin nicht dumm, ich weiß das selbst. Aber was haben wir zu verlieren? Was, frage ich dich. Entweder wir werden König und Königin und leben in einem Schloss und stehen diesen Geizhälsen in Drian oder Tors in nichts nach, wir stehen uns gut mit Zukata, dem zukünftigen Kaiser, und irgendwann bekommen wir unseren Sohn zurück, der ein Vertrauter des Kaisers sein wird … oder – ja, oder was? Oder wir stürzen uns hier von diesem Felsen, da nach unten, ins Meer? Willst du lieber das? Ich merke, wie du dich über mich wunderst. Aber was sollen wir denn sonst tun? Wir werden mit den Wölfen heulen oder untergehen.« Sie nickte, und ein nachdenklicher Zug trat in ihre Augen. »Wikant, es war der schwärzeste Tag in unserem Leben, als der Riese unser Tor eingetreten hat. Aber hast du bemerkt, wie dieses Raubgesindel uns ansieht, wenn wir erzählen, dass Prinz Zukata an unserem Tisch gesessen und unseren Wein getrunken hat? Sie sehen etwas in ihm, das sie sogar dazu bringt, mit uns ihre Pläne zu besprechen, statt uns den Schädel einzuschlagen. Vielleicht wird es wirklich wahr. Er wird der große Kaiser in Kirifas sein. Und dann gehören wir zu denen, die …«
Sie brach ab, denn der Baumeister hatte sie jetzt endlich erreicht. Vorsichtig balancierte er über die Bretter und trat zu ihnen auf den Felsen. Sein Gesicht strahlte. »Uneinnehmbar«, rief er aus. »In der Tat, uneinnehmbar, unangreifbar!«
»Du hältst es nicht für einen Nachteil, dass wir hier auf einer Felsnadel sitzen?«, erkundigte Wikant sich irritiert, denn er hatte mit einer anderen Reaktion gerechnet.
»Auf der einen Seite das Meer, der steil abfallende Fels, und hier diese Schlucht … bessere Voraussetzungen gibt es wohl kaum. Das Schloss wird auf einer unerreichbaren Säule thronen. Eine Zugbrücke muss hier herüberführen. Wenn sie hochgezogen ist, wer soll da gegen Euren Willen eindringen können?«
»Ja«, sagte Tinek, »genau so dachte ich es mir auch.«
»Kommende Generationen werden Euch für dieses Haus dankbar sein.«
»Das ist der Beginn unserer eigenen Dynastie«, murmelte sie. »Wir legen den Grundstein für Jahrhunderte. Das Haus Neiara. Die Herren der Inseln.«
Wikant schnaubte verächtlich. »Mit den Wölfen heulen, fürwahr.«
Tinek hatte ihn gehört. »Und?«, fuhr sie ihn an. »Willst du dich lieber von ihnen zerreißen lassen? Willst du Drian unsere Insel überlassen? Denen? Lieber zeige ich ihnen, dass ich auch Krallen und Zähne habe.«
Der Baumeister ging bereits auf und ab und zählte seine Schritte.
»Die erste Rate ist fällig«, sagte Kelon. Er stand vor ihr; da Tinek sich hinter dem Tisch verschanzt hatte, wirkte er wie ein unschlüssiger Angreifer. »Der Baumeister verlangt sein Geld. Und die Weinarbeiter haben schon einige Monate auf ihren Lohn verzichten müssen. Sie murren, wenn sie sehen, dass ihr euch ein neues Haus baut, statt ihnen ihr Geld zu geben.«
»Es muss sein.« Sie bemühte sich, sicher und selbstbewusst aufzutreten und ihn ihre eigene Angst nicht merken zu lassen. »Hier im Gutshaus sind wir nicht sicher. Du warst dabei, du weißt, dass hier einfach jeder hereinplatzen und mitnehmen kann, was ihm gefällt.«
»Ja, ich war dabei.«
»Nun denn. Vertröste sie. Das Geld wird bald eintreffen.«
»Welches Geld?«
»Geld eben. Es wird kommen. Es ist schon unterwegs.« Sie hatte nicht vor, ihrem Verwalter mitzuteilen, woher sie diese Gewissheit hatte. Und eine Gewissheit war es schon lange nicht mehr. Mit ihrer Hilfe hatten die Banditen zwei Schlösser geplündert. Sie hatte sogar den Verdacht, dass sie es immer noch taten, dass sie, nachdem sie sich einmal dort eingenistet hatten, nicht so schnell wieder damit aufhören würden, solange man ihnen nicht auf die Schliche kam. Warum hätten Berufsverbrecher ihr und Wikant etwas dafür bezahlen sollen, dass sie ihr diebisches Handwerk ausübten?
Kelon schüttelte den Kopf. »Das wird nicht mehr lange gutgehen.«
»Das lass ruhig meine Sorge sein.«
Aber sobald er fort war, stützte sie ihr Gesicht in die Hände und kämpfte gegen die Tränen. Es lief alles so gut. Die Pläne für das Schloss waren gezeichnet, die erste Ladung Steine wurde bereits den Hügel hinaufgezogen. Im Hafen wartete schon das zweite Schiff. Und sie hatten nichts, um all das zu bezahlen.
Wikant trank wieder. Sie wusste das, obwohl er versuchte, es vor ihr zu verheimlichen. Aber sie hatte es sofort gewusst, sie hatte ihm nur einmal ins Gesicht sehen müssen, in seine Augen, die schuldbewusst zur Seite starrten, und ihre alte Angst kehrte zurück. Er ruiniert sich und das Gut, er ruiniert uns alle …
»Fürstin Tinek?« Kelon steckte schon wieder den Kopf durch die Tür.
»Was? Was denn noch?«
»Hier ist ein Mann, der Euch zu sprechen wünscht.«
»Was will er? Geld?«
Noch ein Gläubiger. Sie nickte kraftlos, aber als der Mann eintrat, setzte sie sich aufrecht hin und blickte ihm kühn entgegen. Es musste einer der Hafenarbeiter sein, der seinen Lohn verlangte, wahrscheinlich einer der Vorarbeiter, denn er wirkte wie jemand, der zu arbeiten verstand, gleichzeitig trug er das Kinn recht hoch für jemanden, der sich jeden Tag neu verkaufen musste.
»Ja?«, fragte sie und kramte in dem Stapel Papiere vor sich, als sei sie ungeheuerlich beschäftigt.
Der Fremde setzte sich ohne Aufforderung, und da ihm kein Stuhl zur Verfügung stand, benutzte er einfach ihren Schreibtisch dafür. Dabei lächelte er, und irgendetwas war in diesem Lächeln, das ihr ganz und gar nicht gefiel.
»Ihr werdet alle euren Lohn bekommen, ganz bestimmt«, versicherte sie schnell. »Ich muss nur … ich warte auf …« Ihr Herz begann schneller zu schlagen, und sie wünschte sich, Wikant wäre da und würde es übernehmen, mit solchen Leuten zu reden. Männer wie dieser hier waren in der Lage, einem das Dach über dem Kopf anzuzünden, wenn man gegen die Regeln verstieß. Sie wusste das. Mittlerweile hatte sie mit genug merkwürdigen Typen zu tun gehabt, die ihre eigenen Gesetze aufstellten und über die Sorgen und Nöte anderer nur lachen konnten.
»Wie recht du hast«, sagte er leise. »Jeder wird bekommen, was ihm zusteht, wenn er bezahlt hat.«
Sie schluckte. »Du kommst von – von ihm?«
»Kluges Kind. Ja, ich komme von ihm. Zukata höchstpersönlich hat mich hergeschickt.«
Ihr Herz flatterte wie ein Schmetterling in einem Glas. Er genoss ihre Angst sichtlich.
»Fürstin«, sagte er. »Fürstin Tinek. Nennt Ihr Euch nicht so? Man hört, Ihr baut ein Schloss.«
»Ja«, hauchte sie.
»Ein eigenes Schloss, auf dem Fundament des Goldes anderer Schlösser?«
Sie wusste nicht, ob das ein Vorwurf oder ein Kompliment sein sollte, also schwieg sie dazu.
Er griff in seinen Mantel und zog einen kleinen Beutel hervor, den er vor ihr auf die Rechnungen fallen ließ. Tinek zuckte zusammen. Münzen. Sie wusste, wie Goldmünzen klangen, das schönste Geräusch der Welt, und doch wagte sie nicht, die Hand danach auszustrecken. Der Fremde tat es für sie. Mit langen Fingern zupfte er an der Schnur, und die Münzen rollten über den Schreibtisch.
»Vielleicht habt Ihr etwas anderes erwartet?«, fragte er. »Einen Leuchter, einen Bilderrahmen, ein paar Diamantringe? Wir hielten es für besser, alle Beutestücke zu verkaufen. Man könnte vielleicht sonst auf dumme Ideen kommen, nicht wahr? Ihr wisst ja, wie die Leute reden. Und wir«, er lächelte elegant, »wir kennen uns ja mit solchen Dingen aus.«
Davon bin ich überzeugt, wollte sie sagen, aber sie brachte nur ein heiseres »Ja« heraus.
»Es ist natürlich noch nicht alles«, fuhr der Mann fort, »wie Ihr Euch sicherlich denken könnt.«
Sie zwang sich dazu, ihm ins Gesicht zu schauen. »Danke.«
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