Sie lachte glockenhell. Und er war ein Mann mit Prinzipien. Er war verlobt, also würde er sich nicht einfach einer anderen Frau zuwenden, und war sie noch so attraktiv. Er würde seinen Auftrag hier erfüllen und wieder nach Arima zurückkehren und seine Braut heiraten, wie alle es von ihm erwarteten. Dazu hatte er sich entschieden. Manchmal dachte er an Mino, mit Sehnsucht, mit ängstlicher Erwartung, voller Hoffnung, dass er mit guten Ergebnissen zu ihr zurückkehren konnte und niemanden enttäuschte. Es tat ihm jetzt schon weh, sich vorzustellen, dass sie enttäuscht sein könnte.
»Oh, Ihr schmeichelt mir aber. Das habe ich mir gleich gedacht: Der Mann sieht so still aus, aber der hat es bestimmt faustdick hinter den Ohren.«
Norha wunderte sich ein wenig, dass irgendjemand, und war er auch noch so dumm, ihn so einschätzte. Er hatte es weder dick noch sonstwie hinter den Ohren. Er war ein aufrechter, gradliniger Mann, der gute Arbeit tat und die Pflichten seiner Familie gegenüber kannte. Darauf war er stolz.
»Fürst Norha?« Sie winkte mit ihrer kleinen, in weißen Spitzenhandschuhen steckenden Hand, damit er sich zu ihr herunterbeugte. Er erwartete, dass sie ihm irgendetwas zuflüstern wollte, aber womit er nicht gerechnet hatte, das war ein Kuss.
Sie duftete. Ihr Haar duftete, alles an ihr verströmte einen betörenden Duft. Doch er war kein Mann, der mit einer Fremden durchbrannte. Auch nicht, wenn seine Verlobte ein Kind von einem anderen bekam.
»Aber Gräfin Liadett!«
»Ihr schimpft mit mir? Oh, Ihr seid ein ganz Schlimmer!«
Irgendwie war da gar nichts zu machen.
Er dachte an seine Braut, wie an eine Aufgabe, die es zu erfüllen galt. Denn die Schuld brannte in ihm. Es gab keinen Grund, sich schuldig zu fühlen – hatte Mino nicht auch ihre kleinen Geheimnisse? So schön und schlank, wie sie da stand, als hätte sie nicht heimlich ein Kind bekommen. Es gab keinen Grund, sich so zerknirscht und unwürdig vorzukommen.
Minos schlichtes Hochzeitskleid war graublau wie das Meer, und verlieh ihren Augen mehr Farbe als sonst. Sie lächelte, und bei diesem Lächeln wollte er am liebsten mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, weil er sich so dreckig vorkam, während sie vor ihn hintrat wie eine Gestalt aus Licht und Wasser.
An diesem Tag schienen alle sich verschworen zu haben, sie zu überstrahlen. Binajatja glänzte aufgeregt. Seine eigenen Verwandten, Bruder und Schwägerin, hatten sich herausgeputzt, als wären sie schon immer Fürst und Fürstin gewesen. Sogar ihr Geschenk war fürstlich. »Jetzt können wir das Haus vergrößern!«, entfuhr es Binajatja begeistert. Zwischen ihnen allen wirkte das weiße Mädchen in dem einfachen Kleid wie ein verlorenes Kind. Dabei war sie viel schöner als die Frau seines Bruders. Er sah es; irgendwann würden es auch die anderen sehen.
»Los, Norha, erzähl.« Tinek trat an ihn heran. »Was hast du herausgefunden?«
»Nichts.«
Das stimmte natürlich nicht. Liadett hatte geflüstert. Getuschelt. Unentwegt geredet. Auf diesem Weg hatte Norha eine ganze Menge über das Königshaus von Sitra erfahren, mehr, als er jemals hatte wissen wollen. Er hörte gar nicht richtig zu, und doch sog sein Verstand jede Einzelheit auf, ordnete und archivierte und verstaute sie sorgfältig in den Schubladen seines Geistes.
»Nichts? Ach, komm, Norha. Wir zahlen dir diesen gewaltigen Vorschuss, und du bringst uns nichts mit?«
»Vorschuss?« Dann dämmerte es ihm. »Das Geld war doch wohl euer Geschenk zu meiner Hochzeit!«
»Kleiner Irrtum, lieber Norha. Seit wann können wir solche Geschenke machen? Es ist dein Anteil. An dem, was wir erwarten.«
»Habt ihr darauf das Fundament eures Schlosses gegründet? Auf Geschichten von Reisenden? Vielleicht auf Briefen, die du mit deiner zierlichen Handschrift aufsetzt?«
»In meiner Handschrift? Ich bin doch nicht blöd.«
Norha schüttelte den Kopf. »Ihr seid unter die Erpresser gegangen? Das hätte ich nicht von euch gedacht. Vor allem nicht von Wikant.«
Wie aufs Stichwort kam sein Bruder zu ihnen. »Nun? Hat es sich gelohnt, die lange Reise?«
»Norha wollte mir gerade alles erzählen«, verkündete Tinek.
Aus den Augenwinkeln beobachtete Norha seine frischgebackene Ehefrau, die an einem der Tische saß und versonnen einen Apfel betrachtete.
»Ein Geschenk kann man nicht wieder zurückfordern«, sagte er.
»Eine Anzahlung schon.«
Und das Dumme war, dass er ihnen alles liefern konnte. Er wusste, welche Fürsten ihre Frauen betrogen und dass die Königin von Sitra ein geheimes Leben führte, von dem zwar ihre Freundinnen, aber nicht ihr Gemahl etwas wussten. Im Grunde verdienten solche Leute es, für ihre Taten zu bezahlen.
»Nur dieses eine Mal«, drängte Tinek. »Wir brauchen ein Schloss. Und du? Willst du mit deiner Frau in dieser alten Hütte leben? Verdient sie das, so zart und empfindlich, wie sie ist? Die richtigen Kleider, etwas mehr Haltung, und sie würde aussehen wie eine Prinzessin.«
Sie hatten kein Mitleid mit ihm. Nachdem er geredet hatte, war ihm übel. Er wankte fort, in das Häuschen, das für ihn und Mino und Binajatja zu klein war.
»Du dachtest doch nicht etwa, mit ein paar Pfirsichen könnte man sich ein Königreich kaufen?«, rief ihm Tinek hinterher.
I L I N I A SM A C H T EE I N E NSchritt zurück. Sie hielt die Lanze mit beiden Händen, ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit und Angriffslust.
Sarika nickte ihr zu. Ihre Lippen formten ein einziges Wort: Jetzt.
Ilinias stürmte vorwärts, aber die ältere Kriegerin hatte ihre Deckung gut aufgebaut – Schild, Lanze und Brustpanzer bildeten ein undurchdringliches Hindernis. Sie wehrte das Mädchen mühelos ab. Ilinias hatte damit gerechnet; dieser Angriff war nichts als eine Finte, um ihre Lehrerin, die ihr oft vorwarf, zu ungestüm zu sein, in Sicherheit zu wiegen. Sie ließ sich zur Seite fallen und stieß dabei mit der Lanze zwischen Sarikas Knien hindurch; eine geschickte Drehung genügte, um die Amazone zu Fall zu bringen.
Lachend richtete Ilinias sich auf, doch im selben Moment schwankte sie. Sie spürte, wie eine Welle von Übelkeit sie zu überwältigen drohte, und ohne auf Sarika zu achten, die ihr etwas zurief, stürzte sie davon.
Sie schaffte es nicht mehr in den Palast, sondern erbrach sich hinter einer Hecke. Mit zittrigen Beinen stand sie auf.
»Wie lange geht das schon so?« Sarika war ihr gefolgt.
»Oh nein«, murmelte Ilinias. »Warum läufst du mir nach?«
»Vielleicht, weil ich sehen möchte, was eigentlich mit dir los ist? Antworte mir. Wie lange schon? Wie weit bist du?«
»Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, meinte Ilinias mürrisch. »Mir war bloß schlecht. Ich habe wohl etwas Falsches zum Frühstück gegessen.«
»Wir werden das Training beenden.«
»Nein! Nein, Sarika, das kannst du nicht tun! Bitte!«
Die schwarzhaarige Kriegerin schüttelte den Kopf. »Ich kann keine Schülerin gebrauchen, die mich belügt.«
»Aber ich belüge dich doch gar nicht! Ich dachte nur … ich fand nur, es geht noch. Ich bin ja nicht krank!«
»Wir spielen nicht, wir kämpfen«, erinnerte Sarika sie. »Meine Güte, Ilinias, bist du verrückt? Wem willst du hier eigentlich was beweisen? In der Palastwache kann ich keine Schwangere gebrauchen.«
»Ich bin nicht schwanger«, knurrte Ilinias.
»Ach nein?« Sarika seufzte. »Weiß Blitz es schon? Ach, dumme Frage. Er würde dich nicht kämpfen lassen, wenn er es wüsste, das ist mir klar. Und dir erst recht.« Sie legte dem Mädchen die Hand auf den Arm. »Ilinias! Mach nicht solch ein Gesicht! Sobald du dein Kind bekommen hast, machen wir weiter. Und mit dem Stillen müsstest du natürlich auch fertig sein, es kämpft sich schlecht mit Milch in den Brüsten. Alles in allem macht das etwa ein Jahr. Oder anderthalb.«
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