Ich werde nicht sterben, dachte sie. Mein Unglück wird mich nicht in die Knie zwingen. Ich habe etwas, was niemand mir nehmen kann.
Blitz, ich liebe dich. Ahinehl .
Binajatja hob den Kopf. »Es muss sterben. Es gibt keine andere Möglichkeit.«
»Was?« Und auf einmal war sie wieder Möwe. War sie wieder das Mädchen, das sich sogar zutraute, einem wütenden Riesen in den Arm zu fallen. »Nein. Oh nein. Wenn das alles ist, was dir einfällt, dann gehe ich.«
»Du kannst nicht gehen! Ich erlaube es nicht! Kein Händler wird dich mitnehmen, wenn ich es nicht erlaube!«
»Die Fischer schon.« Wütend hielt sie dem strafenden Blick ihrer Mutter stand. »Ich wünschte, ich wäre nie hergekommen.«
Binajatja schwenkte sofort um. »Wenn du das so siehst … Aber was sollen wir tun? Kein Mann würde eine Frau heiraten, die ein Kind von einem anderen hat, das ist dir doch wohl klar? Sein Bruder würde Norha die Heirat mit Sicherheit verbieten … Nein, wir müssen anders vorgehen. Er darf dich nicht mehr sehen, bis das Kind da ist.« Binajatjas Gesicht glühte auf, während sie laut dachte. »Und sonst auch niemand. Es darf nicht den Schatten eines Gerüchtes geben. Du bleibst also im Haus … Bei Rin, konntest du nicht warten, bis das Kind da ist, bevor du hergekommen bist? Du hättest es bei den Zintas lassen können … Nun müssen wir uns etwas anderes ausdenken. Du wirst es kriegen und niemand wird wissen, dass du schwanger warst. Vielleicht könnte ich Norha so lange wegschicken. Ich muss mir irgendetwas ausdenken, warum er dich nicht sehen kann. Wir müssten dich verstecken, bis es da ist … Und du würdest mir versprechen, dass niemand dich sieht? Dass niemand es erfährt? Würdest du mir das bei deinem Leben und dem Leben deines Kindes versprechen?«
Mino zögerte.
»Du bist hier nicht bei deinen Zintas«, sagte Binajatja. »Ich denke mal, diese Leute kümmern Ehre und Anstand wenig. Aber hier bist du auf einer kleinen Insel, wo jeder jeden kennt. Ein uneheliches Kind – weißt du, was das hier heißt? Sie werden sich das Maul zerreißen. Sie werden dich verachten.«
»Das halte ich aus.«
»Das sagst du jetzt. Du hast keine Ahnung davon, wie es werden könnte. Mino, alle sehen hier auf uns. Nimm Vernunft an. Niemand darf davon erfahren, oder wir werden unseres Lebens hier nicht mehr froh. Kannst du das nicht einsehen? Du musst es heimlich bekommen, und wenn das Kind weg ist, könnt ihr heiraten.«
Mino starrte ihre Mutter an. »Wie, wenn mein Kind weg ist?«
»Du glaubst doch wohl nicht, dass du es behalten kannst? In den Klöstern nehmen sie Bastarde auf … Nun, wir haben ja noch ein paar Monate Zeit, um eine gute Lösung zu finden.«
Immer wieder legte Mino ihre Hand auf ihren Bauch und horchte nach innen. Sie fühlte die Bewegungen des Babys, noch ganz sanft, und doch erschauerte sie vor Glück, bei jedem zaghaften Tritt.
»Aber das ist doch mein Kind!«, begehrte sie auf. »Ich will es nicht weggeben! Ich will es behalten, ich will es sehen, ich will nicht, dass es irgendwo in einem Kloster landet und mich nicht kennt!«
»Das hättest du dir früher überlegen müssen«, sagte Binajatja. »Wenn du eine glückliche Familie wolltest, warum hast du dann nicht einen ordentlichen jungen Mann geheiratet? Ja, Spaß haben wollen sie alle. Aber was ist dann? Sei froh, dass wir dich, wenn alles gut geht, doch noch verheiraten können. Mit Norha kannst du so viele Kinder haben, wie du willst.« Sie seufzte. »Ach, Mino. Ich brauche dich, meine Tochter. Sehr dringend. Du bist alles, was von unserer Familie übrig ist. Du und ich. Wir beide tragen die Verantwortung für ganz Arima. Es ist unsere Pflicht, das Richtige zu tun.« Sie lächelte. »Und glaub mir, am Ende bist du mir dankbar für alles. Du bekommst einen Mann, dem es nichts ausmacht, wie du aussiehst, und eine Familie. Du bekommst ganz Arima für dich und deine Nachkommen. Mehr kann niemand vom Leben erwarten.«
Mino nickte langsam. Sie war hergekommen, um ihre Pflicht als Tochter zu erfüllen. Sie war hier, um den Gedanken an Blitz auszulöschen. Dass sie Norha heiraten sollte, war ihr zu ihrem eigenen Erstaunen völlig gleichgültig. Blitz hatte eine Frau. War es da nicht ganz egal, wen sie zum Manne nahm?
»Gut. Dann wäre das ja geklärt. Nun muss ich mir nur noch etwas ausdenken, um Norha von dir fernzuhalten.« Sie streichelte über Minos weißes Haar. »Lächle doch wieder, meine Kleine. Wir haben jetzt nur noch uns, verstehst du? Ich bin deine Mutter. Ich sorge dafür, dass alles gut wird. Vertrau mir.«
Mino fühlte, dass ihre Mutter sie wirklich liebte. Sie konnte es manchmal nicht so gut zeigen, aber sie liebte sie, wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann. Mino wusste das, wenn sie das kleine lebendige Wesen in ihrem Bauch fühlte – es gab keine Verbindung, die so stark war wie diese.
Mino erschrak, als sie den Kies auf dem Gartenweg knirschen hörte. Sie hatte sich in den Garten zurückgezogen, obwohl sie doch im Haus bleiben sollte, aber seit ihren Wanderungen mit Keta hielt sie es nicht lange unter einem Dach aus. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass jemand in den Garten kommen würde, und nun musste sie es irgendwie schaffen, ungesehen zurück in ihr Zimmer zu kommen.
»Mino? Bist du das?« Alikas fröhliche Stimme lockte Mino zwischen den Sträuchern hervor, zwischen denen sie sich versteckt hatte. Es war zwecklos, sich vor der Gärtnerin verbergen zu wollen. Alika würde nicht so schnell wieder gehen.
Alika sah noch genauso aus wie vor drei Jahren und vielleicht noch schöner. Damals hatte die Sorge um Blitz eine Falte zwischen ihre Augen getrieben, doch jetzt wirkten ihre Züge weich und glücklich. Sie umarmte Mino voller Herzlichkeit.
»Oh Mino! Wie schön, dass du wieder da bist! Wie wunderbar! Als ich gehört habe, dass du lebst und dass du zurückgekommen bist, war das ein Festtag für mich. Ich wollte schon gestern herkommen, aber deine Mutter sagte, du bräuchtest Ruhe nach der anstrengenden Reise.«
»Ja, ich – ich war schon müde«, stammelte Mino. Erst jetzt merkte sie so richtig, wie sehr sie alle ihre Freunde vermisste. Das Haus war leer ohne Lexan. Und das Dorf war leer ohne Bajad, Jußait und Blitz. Und wie hätte man auf Arima leben können, ohne hin und wieder in Alikas Küche zu sitzen?
»Aber du siehst gut aus. Ein bisschen erwachsener, reifer – was du doch für ein hübsches Mädchen bist, Mino! Was ist – kommst du gleich mit zu uns? Ich wollte hier nur ein paar Stauden beschneiden und die trockenen Blüten abzupfen. Deine Mutter legt Wert darauf, dass alles ordentlich aussieht, und seit Norha hier ist, darf nicht einmal ein Blatt auf dem Weg liegen … Möchtest du mitkommen? Ich koche uns etwas Schönes und du erzählst, wie es dir ergangen ist seit jener Sturmnacht.«
Mino wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie sehnte sich so sehr nach Alikas Haus und ihrer gemütlichen Küche. Alika würde ihr zuhören, das wusste sie, ihr würde sie alles erzählen können – aber sie hatte geschworen, dass niemand sie zu Gesicht bekam.
»Ich würde gerne, Alika, wirklich, aber ich kann nicht.«
»Warum nicht?«, fragte Alika frei heraus. »Jati ist noch nicht da, er kommt etwas später. Er freut sich auch schon darauf, dich zu sehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, hast du Blitz in Kirifas getroffen? Das musst du uns unbedingt erzählen! Wir könnten es uns so richtig bequem machen, wir …«
Mino unterbrach sie nur ungern. Auf ihrem Gesicht spiegelten sich tausend Qualen wider. »Ich kann nicht.«
»Und ich habe hier noch eine Nachricht für dich, von diesem Riesen, der bei uns war. Er hat uns einen Brief von Blitz gebracht und gleich wieder Briefe hiergelassen – für dich und auch einen für Blitz, falls er hierhin zu Besuch kommt! Hier ist deiner.« Alika reichte ihr eine versiegelte Rolle.
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