»Leider nein«, sagte Keta. »Er wird im Schloss bleiben, bis die Prinzessin sich gut eingelebt hat. Dann wird er euch auf alle Fälle besuchen kommen.«
»Und die Überraschung? Was könnte das nur sein?«
Jati lachte. »Zeig unserem Gast nicht so deutlich, wie neugierig du bist, Liebes.«
»Unser Gast, ja!«, rief Alika. »Ist durch das halbe Kaiserreich hergekommen und ich lasse ihn hungrig an unserem Tisch sitzen! Verzeih mir, Remanaine. Jati, gib ihm etwas zu trinken. Ich werde sofort für uns kochen. Du siehst aus wie ein Mann mit gutem Appetit, aber wir kriegen dich schon satt, keine Bange.«
Keta ließ sich Wein einschenken und prostete ihnen zu. Aber über seiner Stirn lag eine Wolke.
Ein Mädchen aus einem Kloster in Salien. Sie war blond und ihre Augen waren blau wie seine …
Will ich es denn wissen?, fragte er sich. Will ich es wirklich fragen? Und wenn ich gefragt habe, was würde ich tun? Was könnte ich tun?
Frag, wie sie heißt, befahl er sich selbst. Es gibt viele Klöster in Salien, viele hellhaarige Mädchen, viele Kinder, die von ihren Familien weggegeben wurden. Zukatas Kind müsste eine Riesin sein … Aber Prinzessin Manina war auch ein Mensch.
Eure Schwester, die Frage lag ihm auf der Zunge, wie heißt sie? Gewiss nicht Ilinias? Es ist doch bestimmt nicht Ilinias, die Frau, die Blitz in einem Kloster in Salien gefunden hat?
Er sah in Jatis lachende Augen.
Was würde ich tun, wenn ich es wüsste? Es ihnen sagen? Ihre Freude zerstören? Heute wurden genug Geheimnisse aufgedeckt, genug für ein ganzes Leben …
Er wünschte sich, er wäre nie hergekommen, auf diese verfluchte Insel, die Minos Unglück bedeutete und Blitz’ Verdammnis.
Er trank den Wein und sah zu, wie Alika kochte, und wünschte sich weit fort in die Wälder.
» M I RI S TS C H L E C H T . «Erion war grün im Gesicht, aber er beharrte darauf, dass es ihm gut ging. Er hatte kein einziges Mal protestiert, als Zukata ihn aus dem Haus seiner Eltern herausgeführt hatte. Hinter sich hatte er das Schluchzen seiner Mutter gehört und aus irgendeinem Grund wurde er den fassungslosen Blick seines Vaters nicht los. Es war nicht leicht, Wikant von Neiara aus der Fassung zu bringen.
Erion hatte sich nicht umgedreht, als er über das zersplitterte Tor stieg und mit dem Riesen und seinen angetrunkenen Piraten zu den Schiffen ging. Sie lagen dort vor Anker, alle vier, größer und schöner als jedes Boot, das er je hier in Neiara gesehen hatte, und Stolz erfüllte ihn, weil er mit ihnen abreisen würde. Erion mochte keine Schiffe, auch wenn er immer gerne Geschichten gehört hatte, in denen es um Seeleute oder gar Piraten ging. Aber ihm selbst behagten nicht einmal die kleinen Ruderboote, mit denen sich die anderen Kinder so gerne in der Nähe des Hafens herumtrieben. Ein einziges Mal hatten sie ihn mitgenommen. Er wusste, dass er nicht beliebt war, denn als Sohn des Weinfürsten war er etwas Besonderes. Natürlich spüren Kinder so etwas, auch Fischerkinder oder die Sprösslinge der Arbeiter. Schon immer war er anders gewesen als sie. Und dass sie ihm die Bootsfahrt angeboten hatten, war sicherlich nicht aus einem neuerwachten Gefühl der Freundschaft geschehen, sondern nur, um zu erleben, wie ihm schlecht wurde und er sich ganz unstandesgemäß übergab. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder den Fuß auf ein Boot zu setzen. Aber natürlich sagte er kein Wort, als der Riese ihm seine Schiffe zeigte.
»Die Perlentaucher . Die Windgesang . Die Goldkiste und die Großer Fang . Auf welches möchtest du?«
Jetzt kam es darauf an, die richtige Entscheidung zu treffen. Ich werde König sein, dachte Erion. Ich werde der Freund des Kaisers sein. Vielleicht sogar sein bester Freund. Er hat schließlich gesagt, dass der Kaiser immer einen Freund von den Glücklichen Inseln hat, deshalb hat er mich ausgesucht.
»Auf welchem Schiff seid Ihr?«, fragte er hoffnungsvoll.
Der Riese runzelte die Stirn. »Das sind alles meine Schiffe«, sagte er. »Und alles meine Männer. Dort – ja, nimm das.«
Erion bemühte sich, seine Enttäuschung nicht zu zeigen. Es war weder die Goldkiste noch die Großer Fang . Auch nicht die Perlentaucher . Es war kein Name, der irgendetwas mit Reichtum und Erfolg zu tun hatte.
»Die – die Windgesang ?« Weder mit dem Wind noch mit irgendeiner Art von Gesang hatte Erion viel am Hut. Das war kein Name für ein Piratenschiff oder für das Schiff eines zukünftigen Kaisers. Es klang nach gar nichts. Aber der Junge nickte und stieg auf das wackelige Brett, das vom Landesteg nach oben führte. Er wollte kühn und aufrecht hinüberschreiten, aber stattdessen konnte er nicht anders, als sich zu bücken und sich festzuhalten. Auf allen Vieren kroch er in die Höhe. Hinter sich hörte er den Prinzen lachen. Vor ihm tauchte ein Mann auf, der ihn in Empfang nahm. Er machte ein etwas verwundertes Gesicht, aber er stellte keine Fragen.
»Na, dann komm mal rauf, du Landratte«, sagte er.
Dies war nicht das Schiff des Riesen. Erion fühlte sich nicht nur enttäuscht, sondern betrogen, als er beobachtete, wie Zukata an Bord der Perlentaucher ging. Er wollte ihn nicht in seiner Nähe haben. Obwohl er es doch versprochen hatte! Erion sah über die kleine Stadt hinweg und heftete seinen Blick auf das Gutshaus oben am Hang. Vielleicht standen seine Eltern dort am Fenster und sahen zu, wie er abfuhr.
»Brauchst nicht zu heulen«, sagte der Pirat neben ihm. »Das Leben an Land ist eh kein Leben.«
»Ich bin Erion«, stellte Erion sich vor, »der Sohn des Fürsten von Neiara.« Fast hätte er gesagt: des Königs. Wenn er zurückkam, würde sein Vater König sein und seine Mutter eine Königin. Und er ein Prinz. Fast war er es jetzt schon. Wenn er zurückkam. Sein Herz rutschte ihm in die Hose, als ihm aufging, dass er keine Ahnung hatte, wann das sein würde. Als er mit Zukata mitgegangen war, hatte es sich angefühlt wie ein spannender Ausflug. Aber nun, auf diesem Schiff, neben einem Seemann, der nichts fürs Landleben übrig hatte, begann er zu befürchten, dass er recht lange fort sein würde.
»Wohin werden wir fahren?«, fragte er.
»Wohin auch immer es den Hauptmann zieht«, sagte der Pirat. Hauptmann sagte er, nicht Prinz, und diese Anrede kam so selbstverständlich aus seinem Mund, dass Erion erschrak. Ein Prinz. Ein Pirat. Ein zukünftiger Kaiser. Und er war nichts als ein Junge, der Neiara noch nie verlassen hatte. Was um alles in der Welt tat er hier auf diesem Schiff?
Er blickte hinunter in das trübe Wasser, das beständig gegen den Schiffsrumpf schlug. Noch waren sie im Hafen. Er konnte nicht schwimmen, aber wenn er sich irgendwo zwischen den anderen Schiffen versteckte …
Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Es war nicht Zukatas schwere Hand, aber auch diese war kräftig und das Zupacken gewöhnt.
»Denk nicht einmal daran«, sagte der Pirat. Mehr brauchte er nicht zu sagen. Erion nickte. Er rührte sich nicht von der Stelle, als der Rest der Mannschaft zurück an Bord kam, als der Befehl zum Ankerlichten erteilt wurde. Denk nicht einmal daran. Nein, er sprang nicht. Er sah nur hinunter ins Wasser. Auf die anderen Schiffe. Und auf die Insel, die, während sie kleiner und kleiner wurde, immer grüner zu werden schien, bis sie schließlich verblasste und nichts war als ein Schatten, der im Meer versank.
»Nie«, flüsterte Tinek, »nie wieder lasse ich mich so demütigen.«
Sie beugte sich aus dem Wagenfenster und sah zu dem Schloss zurück, das sich klein und verspielt in die grüne flache Landschaft des Königreichs Drian schmiegte.
Wikant machte sein allerdüsterstes Gesicht.
»Nun, eigentlich haben wir damit gerechnet, oder nicht?«
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