»Du wusstest, dass sie uns kein Geld geben würden?« Tinek funkelte ihren Mann zornig an. »Ach ja? Deine Hoffnung war mindestens so groß wie meine.«
»Es gab nichts, was wir ihnen anbieten konnten. Wir haben keine Sicherheiten, nichts.«
»Bei Rinland, wir sind verwandt! Reicht das denn nicht!«
Ein gemeinsamer Urgroßonkel reichte nicht, um Geld geliehen zu bekommen. Natürlich hatten sie es beide gewusst. Und doch hatten sie es wenigstens versuchen müssen, das waren sie sich und Erion schuldig.
»Wir könnten dem Kaiser eine Nachricht senden. Das habe ich ja gleich als Erstes vorgeschlagen.«
Tinek schüttelte den Kopf. »Zukata wird der Kaiser sein.«
»Aber noch nicht! Noch ist er es nicht! Wenn wir uns an Kanuna El Schattik wenden? Wenn wir ihn bitten, uns zu helfen? Der Prinz hat selbst gesagt, dass der Kaiser auf der Seite der Glücklichen Inseln steht.«
Tinek rutschte unruhig auf dem Sitz der Kutsche herum. Seit ihr Sohn mit dem Riesen gegangen war, schien auch mit ihren Füßen etwas geschehen zu sein. Sie konnte nicht mehr still sitzen. Unaufhörlich zappelte sie herum. Es machte Wikant halb wahnsinnig, ihr zuzusehen.
»Wie stellst du dir das vor? Wir sagen dem Kaiser, dass sein Sohn unseren Jungen entführt hat. Und dann? Was glaubst du, was Zukata mit Erion machen wird, wenn er Wind davon bekommt, dass wir uns beschwert haben?«
»Er könnte uns helfen«, beharrte Wikant unglücklich.
»Niemand kann uns helfen«, sagte Tinek. »Niemand. Weder hier noch im Kaiserreich. Weder der Kaiser selbst noch sonstwer. Wir müssen ein Schloss bauen. Woher haben die anderen Könige Geld dafür gehabt?«
»Ihre Königreiche sind auch nicht ganz so winzig wie unsere Insel.« Wikant seufzte. »Hast du dich je gefragt, ob Zukata es wirklich ernst meint? Glaubst du, er wird tatsächlich Kaiser? Denn wenn nicht, dann nützen ihm alle seine Drohungen nichts.«
»Und Erion?«
Erion. Die Reden des Riesenprinzen konnten sie als wilde Phantastereien abtun, aber ihr Sohn blieb verschwunden. Wikant überlegte, ob er Tinek darauf hinweisen sollte, dass es keine Garantie gab, dass sie ihren Jungen zurückbekommen würden. Dazu war dieser Handel zu verrückt. Warum sollte jemand von ihnen verlangen, ein Schloss zu bauen? Es ergab keinen Sinn, und wenn ihr Sohn in der Hand eines Wahnsinnigen war, welche Hoffnung gab es dann noch?
Er sah Tinek nicht an, während die Kutsche über die sanften grünen Hügel rollte. Dies war Land. Land. Und was hatten sie, außer einem Weinberg und einem Gut?
Tinek grollte immer noch.
»Sie hätten es wenigstens höflich sagen können.«
»Sie haben es höflich gesagt.«
»Ach was! Sie haben nur so getan!«
Ein Wald tat sich vor ihnen auf, hell und freundlich. Wikant starrte düster aus dem Fenster. Ihm fiel nicht einmal auf, dass die Kutsche plötzlich anhielt. Erst als jemand von außen die Tür aufriss, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Denn es war nicht der Kutscher. Es war ein junger, bärtiger Mann mit einem stark ausländischen Akzent.
»Raus hier! Und Geld, aber schnell!«
Wikant stieg aus der Kutsche und half Tinek die Trittstufe hinunter. Es waren fünf. Fünf bewaffnete Kerle. Und sie waren bloß zu zweit; den Kutscher sahen sie nur noch von hinten.
»Da rennt er hin«, murmelte Wikant trübsinnig.
»Los!«, sagte der erste Räuber. »Schöne Leute aus Schloss, Geld, gib her!«
»Er meint«, mischte sich ein zweiter Halunke mit einer vornehmeren Sprechweise ein, »dass ihr uns bitte eure Geldbörsen aushändigen sollt.« Er deutete sogar eine kleine Verbeugung an, aber da er am Oberkörper nichts als eine Weste trug, wurde die Wirkung deutlich geschmälert.
Tinek explodierte. »Was für Geld?«, schrie sie. »Wir haben überhaupt kein Geld! Glaubt ihr, nur weil wir vom Schloss kommen, sind wir edle, reiche Leute! Ja, Geld hätten wir auch gerne, aber sie haben uns dort nur ausgelacht, ihre armen Verwandten, ja, so was von freundlich, wir würden euch ja gerne helfen, aber wir müssen auch unsere Ausgaben berücksichtigen, und – ooooaaah!« Ihre Rede endete in einem lauten, wütenden Schrei.
Die Räuber tauschten verwunderte Blicke.
»Äh?«, fragte der erste Bandit.
»Habt ihr es nicht verstanden?«, fragte Wikant höflich. »Wir haben kein Geld. Das hier ist nicht einmal unsere Kutsche. Wir haben sie nur gemietet, um Eindruck zu schinden, aber es hat reichlich wenig genützt. Von euch einmal abgesehen. Die Reichen fallen auf so etwas nicht herein.«
Tinek zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Warum überfallt ihr nicht gleich die da? Ich meine, die im Schloss? Da gibt es massig zu holen. Arme Reisende ausrauben, dass ich nicht lache! Da ist das Geld! Das große Geld! Genug für alle!« Unvermittelt begann sie zu weinen, was die Räuber in noch größere Verwirrung stürzte.
»Gebt uns einfach, was ihr habt«, schlug einer freundlich vor. »Ich sehe, du hast da eine Kette um den Hals …«
»Niemals!«, kreischte Tinek auf. »Niemals bekommt ihr diese Kette! Das war ein Geschenk meiner Mutter zur Hochzeit, und ich werde mich nie, nie davon trennen, außer wenn ich sie in Zahlung gebe, um ein paar Steine für das verdammte Schloss zu kaufen, das wir bauen sollen, und dann ist Zukata hoffentlich zufrieden und gibt uns unseren Sohn zurück, und das ist mein letztes Wort!«
Von dem ganzen Redeschwall hatte der Räuber nur ein Wort verstanden. »Zukata?«
»Hat unseren Sohn.« Wikant hatte nicht vor, diese Tatsache überall herumzuerzählen. Im Schloss hatten sie kein Sterbenswörtchen davon erwähnt, dass ihr Sohn entführt worden war. Er macht eine Reise. Darauf hatten sie sich geeinigt. Eine Reise, um die Welt kennenzulernen, und ist das nicht gut für einen jungen Menschen?
»Was habt ihr mit Zukata zu tun?«
Tinek sah das Zeichen auf seinem Arm. Die Krone und das Z darüber, und sie erinnerte sich an Gerüchte aus dem Kaiserreich vor ein, zwei Jahren …
»Ihr seid Zukatas Leute«, sagte sie langsam. »Und wir auch. Nein, nicht so wie ihr. Unser Sohn ist mit ihm auf das Schiff gegangen. Und wir – nun, wir haben den Auftrag, ein Schloss zu bauen …«
»Ein Schloss für Zukata?« Der Räuber schüttelte ungeduldig den Kopf. »Du lügst. Zukata braucht kein Schloss. Kirifas wird ihm bald gehören.«
»Hör mir doch erst zu«, befahl Tinek streng. »Es ist kein Schloss für ihn selbst, sondern das Symbol seiner Herrschaft auf den Glücklichen Inseln. Ist das zu hoch für euch? Dafür brauchen wir das Geld, das diese reichen Schnösel uns verweigert haben. Für Zukatas Sache.«
Wikant hörte ihr mit offenem Mund zu, als sie sich zu dem Riesen stellte, der sie überfallen und ihren Sohn geraubt hatte.
Sie musterte die fünf bärtigen Gesellen. »So geht das nicht. Wenn ihr dort im Schloss etwas für unsere und für Zukatas Sache unternehmen wollt, müsst ihr anders aussehen. Wie – wie Gärtnerburschen vielleicht?« Sie griff mit beiden Händen an ihren Hals und nahm die goldene Kette ab, die sie eben noch mit ihrem Leben hatte verteidigen wollen. »Nehmt das. Besorgt euch andere Kleidung. Lasst euch die Bärte abrasieren. Lasst euch eine Anstellung im Schloss geben.«
»Was machst du da?«, erkundigte Wikant sich.
»Ich? Ich baue ein Schloss. Hier.« Sie händigte einem der Räuber den Schmuck aus. Verwirrt starrte er sie an.
»Wir dort Geld holen – Gärtner?«
»Ihr tut so, als ob. Gärtner, Küchenhelfer, Kammerdiener, was weiß ich. Im Speisesaal stehen zehn goldene Leuchter auf der Tafel. Die Prinzessin trägt ein Diadem mit roten Rubinen, das sie abends auf ihr Nachttischchen legt. Die Königin trägt drei Diamantringe, die sie nicht mehr vom Finger bekommt.«
»Woher weißt du das alles?« Wikant betrachtete sie so verwundert, als hätte sie sich unversehens in ein Ungeheuer verwandelt. Es konnte aber kein allzu schreckliches Ungeheuer sein, denn in seinen Augen lag kein Entsetzen, nur Überraschung.
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