»Das ist ja traurig, Mama, wenn unser Papa nicht mitkommt.«
»Aber uns beiden wird es trotzdem Spaß machen, meinst du nicht?«
»Ja, aber ich will wieder nach Hause.«
»Natürlich fahren wir wieder nach Hause. Wir bleiben vierzehn Tage, und dann geht es zurück.«
Zum Glück hat Jørgen es nicht geschafft, dem Onkel in Kristiansund zu schreiben und um Unterkunft für sie zu bitten. Alleine mit dem Jungen hat sie keine große Lust, dort zu wohnen. In dem vornehmen Haus hat sie immer Beklemmungen und kommt sich verloren vor. Seit sie weiß, daß sie nur zu zweit fahren werden, will sie Randi schreiben und anfragen, ob sie bei ihr unterkommen können. Sie haben Kontakt gehalten, schreiben sich, aber es ist nun schon lange her, seit sie sich zuletzt sahen. In die Stadt kommt sie höchstens ein- oder zweimal im Jahr.
Randi und Yngvar sind in eine neue Wohnung in Clausengen gezogen. Vor ein paar Jahren hat Yngvar als Böttcher aufgehört, nachdem er eine neue, bessere Arbeit bei der Mechanischen Werkstatt in Storvik gefunden hatte, deshalb meinten sie, sich das leisten zu können. Die neue Wohnung hat auch zwei Zimmer, ist aber neu und modern. Diese Wohnungen wurden während des Krieges gebaut, sie haben fließend Wasser, Gasanschluß und elektrisches Licht. Die Zimmer sind größer als in der winzig kleinen Wohnung, die sie vorher auf Innland hatten. Sie ist zentral gelegen, befindet sich sozusagen mitten in der Stadt.
Die Freundschaft zwischen ihr und Randi wird hier nicht besonders gern gesehen. Vor allem nicht, seitdem Yngvar begonnen hat, in Zeitungen scharfe Leserbriefe zu schreiben, in denen er den Arbeitern das Wort führt oder die Arbeitgeber kritisiert und jene, die für das öffentliche Wohl und Wehe der Stadt verantwortlich sind oder für die Mißwirtschaft, wie er das nennt. Durch diesen Einsatz hat er sich in der Arbeiterbewegung in der Stadt hervorgetan, so allmählich beginnt sein Name auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt zu werden. »Ein Aufwiegler«, sagt Synnøve und versteht nicht, daß Julie sich mit solchen Leuten wie Randi und Yngvar Thorsen abgibt.
Was diese Sache betrifft, hat ihre Mutter dieselbe Auffassung wie Synnøve. Ihr Vater war es, der ihr beigebracht hat, daß man die Qualität eines Menschen nicht nach seinem Stand oder seiner Stellung beurteilen soll. Und nach und nach wurde Randi ihre beste Freundin, die sie je hatte. Eine Freundin, der sie in allen Dingen vertrauen kann.
Hier im Haus abonnieren sie alle Zeitungen, die in Kristiansund erscheinen. Es ist ungewöhnlich, daß jemand auf einem Bauernhof die Arbeiterzeitung Tidens Krav hält, doch Kristoffer meint, das sei notwendig, wenn sie in der Politik an allen Fronten Bescheid wissen wollen. Tidens Krav druckt die Leserzuschriften von Yngvar Thorsen am häufigsten ab, während die linksorientierte Zeitung Romsdalspost und die konservative Møre Dagblad sie nur sporadisch bringen und dann oft mit Verdrehungen, die ihn lächerlich machen sollen. Aber nicht einmal diese Zeitungen können ihn übergehen.
Jørgen und Kristoffer sind sich nicht einig, was Yngvars politische Ansichten betrifft, aber sie bewundern ihn beide, Jørgen wegen seines Weitblicks, seines Mutes und seiner spitzen Feder, Kristoffer wegen seines politischen Gespürs.
»Er kann es weit bringen, wenn er sich in seinem Eifer nur nicht versteigt«, sagt Kristoffer. »Ich würde es gut finden, mit diesem Menschen einmal ins Gespräch zu kommen.«
»Das könnte ich ohne weiteres für dich regeln«, sagt Julie.
»Aufwiegler und Querulant«, schnaubt Synnøve, und Julie kommt es fast vor, als höre sie ihre Eltern über solche Sachen diskutieren.
Es ist nun schon länger her, seit Julie etwas von Randi gehört hat, aber in ihrem letzten Brief schrieb sie, daß sie Angst habe, Yngvar könne zu weit gehen und müsse dafür bezahlen. Er hat eine gute Arbeit auf der Werft, ist unter den Arbeitskollegen beliebt, und sie haben ihn zum Vertrauensmann gewählt. Konflikte am Arbeitsplatz hat er abgewendet, sich aber doch für andere eingesetzt. Das bereitet Randi Kummer, denn es sei noch immer so, wer das Geld habe, habe die Macht. Und bei dem Elend, zu dem die Rezessionszeit in der Stadt führe, mit Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und nackter Armut derer, die ganz unten sind, könne sich niemand sicher fühlen, meint sie. Auch sie selbst hat ihre Arbeit in der Goma Fabrik verloren und versucht nun, ihr Einkommen durch Gelegenheitsarbeiten aufzubessern. Sie verdingt sich in privaten Haushalten als Reinemachefrau, und dann hofft sie darauf, wenn die Saison beginnt, bei der Fischverarbeitung unterzukommen. Die Wohnung ist märchenhaft, doch die Miete hoch, und seit sie ihre Arbeit verloren hat, ist es knapp für sie geworden.
Seitdem hat Julie von Randi nichts mehr gehört, aber sie ist sich sicher, daß Randi und Yngvar mit ihrem Optimismus und mit dem Elan, den sie immer an den Tag gelegt haben, auch über diese schwierigen Zeiten kommen werden. Wie ihr Vater das ja auch immer getan hat und tut mit seiner bodenständigen Vorsicht, wenn es um Geld und Geschäfte geht. Noch immer steuert er seinen kleinen Betrieb mit festem Kurs und sichert unverändert das Auskommen.
Die Verhältnisse in der Stadt sind kritisch, jeden Tag sind die Zeitungen voll davon. Menschen, die vorher Arbeit hatten, die sich früher ein einigermaßen anständiges Leben leisten konnten, haben ihre Arbeit verloren, mußten Heim und Herd verlassen, mit der Armenfürsorge als einzigem Ausweg, damit sie über die Runden kommen. Kürzlich las sie in der Zeitung, daß dreiundzwanzig Prozent der vorjährigen Steuereinnahmen in die Fürsorge geflossen sind. Was die Kommune rettete, war der Umstand, daß der Anteil der Steuereinnahmen, die für Zinsen und Tilgungen aufgebracht werden mußten, in den letzten Jahren von fünfzig auf vierzig Prozent gesunken sind. Doch der Zulauf auf die Armenfürsorge ist seit der Zeit vor dem Weltkrieg um mehrere hundert Prozent gestiegen, und er wird mit jedem Tag, der vergeht, größer. Die Menschen beantragen Zuschüsse für Miete, Heizung, Kleidung und Schuhe, für Konfirmationen und Beerdigungen. Das ist wie eine Lawine, die man nicht mehr aufhalten kann. Und die Stadt ist so verletzbar, mit den schwierigen Verkehrsverbindungen, abhängig von der See, der Schiffahrt und der Fischerei.
Auch hier auf dem Lande bekommen sie die Rezession zu spüren, auch wenn sie sich nicht ganz so schlimm auswirkt wie in den Städten. Sie haben ebenfalls dieses beklemmende Gefühl von Angst vor der Zukunft, das sich im Schatten der vielen Zwangsversteigerungen, von denen die Zeitungen berichten, breitmacht. Noch hat es hier niemanden getroffen, trotzdem schaffen die Geschehnisse ringsum im Land Verunsicherung bei den Menschen. Auf Storvik schränken sie das Personal ein, obwohl jetzt immer mehr billige Arbeitskräfte zu haben sind. Von den Produkten, die sie auf dem Hof erzeugen, verkaufen sie alles, was sie erübrigen können; gute Butter zum Brot gibt es nur manchmal an den Wochenenden und wenn sie Gäste haben; ansonsten geht alles an den Händler. Genauso verhält es sich mit dem Geschlachteten. Jørgen ist ein passionierter Fischer, dadurch haben sie für den eigenen Gebrauch ausreichend Fisch aus dem Meer und aus dem See auf der Alm. Für die Arbeiter sieht es schlechter aus. Solange sie überhaupt eine Arbeit haben, geht es, doch es gibt welche, denen der schwere Gang zur Armenfürsorge nicht erspart bleibt. Dieses Elend geht Julie nahe. Kristoffer ist Sprecher der Armenfürsorgeverwaltung, und jede Woche kommen Leute, die in Not geraten sind. Ein entscheidender Unterschied zur Stadt besteht darin, daß es auf dem Lande mehr auffällt. Alle kennen die häuslichen Verhältnisse ringsum, und sobald bekannt wird, daß eine Familie nackte Not leidet, findet sich jemand, der hilft. Doch hier wie anderswo auch haben die Menschen ihren Stolz und wollen allein zurechtkommen, solange es irgend geht, denn die Armenkasse, wie sie die Fürsorge hier nennen, ist für eine Familie die größte Schande, die es nur gibt.
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