»Ja, wenn es so ist und sie uns nicht zutraut, daß wir die paar Wochen, die sie weg ist, mit ihm zurechtkommen, dann muß sie eben hierbleiben.«
»Findest du, daß das alles hier leicht für mich ist, Mama?«
»Was dein Vater über das Erwachsenwerden gesagt hat?«
»Erwachsen. Werde ich wie ein Erwachsener behandelt?«
Mit einem Knall schlägt die Tür hinter ihm zu. Wütend und gedemütigt sitzt Julie da und lauscht auf seine Schritte auf der Treppe, aber sie hört nur das Krachen der Haustür. Er ist also weggelaufen, wieder einmal. Sie stürmt die Treppe hinunter, reißt die Haustür auf, ruft ihm hinterher, doch er antwortet nicht. Als sie vor Synnøve steht, glüht ihr Gesicht, sie unterdrückt die Tränen, ihre Stimme zittert.
»Niemals werde ich ohne mein Kind fahren.«
»Dann mußt du die Reise halt bleiben lassen, verstehst du.«
Die Streitigkeiten mit leiser Stimme im Bett, wo die Worte zu Eis werden, weil sie sich beide mäßigen müssen, so daß niemand im Haus hört, was sie sagen, setzen ihr zu. Sie schaudert, wenn sie ihr eigenes Fauchen hört.
»Feige bist du, Jørgen, und nichts weiter. Daß du nicht einfach einmal auf den Tisch haust, wenn du mit ihnen sprichst? Daß du dich damit einverstanden erklärst, daß ich zusehen soll, wie mein Kind hier bei ihnen bleibt.«
»Ich war nicht damit einverstanden, du mußt verstehen, daß das auch für mich schwer ist.«
»Aber du bist davongelaufen, ohne zu protestieren, oder?«
»Hab’ ich doch, so gut ich konnte. Wir dürfen uns deshalb nicht entzweien, Julie. Es gibt Dinge, die wir nicht ändern können, weder du noch ich. Du wirst sehen, eines Tages wird alles besser. Und für dich und Krister kann es eine angenehme Reise werden, und du könntest dich ausruhen!« sagt er und versucht, sie an sich zu ziehen, doch sie entwindet sich seinen Armen. Wieder kommt Wut in ihr hoch. Er soll nicht glauben, daß es so einfach ist, daß sie miteinander schlafen, und alles ist vergessen.
»Nein, ich glaube, es wird nie besser. Nicht, solange sie über uns bestimmen werden. Hast du schon einmal etwas von Scheidung gehört, Jørgen? Ist es das, wovor du Angst hast, fürchtest du, daß ich nach Hause fahre und nicht mehr zurückkomme? Ist das der Grund, weswegen ihr euch gezwungen seht, Jostein als Geisel hier auf dem Hof zu behalten, während ich fort bin?«
»Jetzt bist du aber gemein, Julie.«
Sie legt ihr Gesicht an seinen Rücken, umfaßt ihn, doch er schiebt ihre Arme weg. Danach liegt sie genauso steif da wie er, starrt in das Dunkel der Nacht, bis sie sein ruhiges Atmen hört, nachdem er eingeschlafen ist. Dann weint sie, aber leise, leise. Denn niemand soll sie hören.
Sie muß dann wohl geschlafen haben, schweißgebadet und unruhig, denn Josteins Weinen weckte sie. Noch bevor sie sich aus dem Bett erheben konnte, war Jørgen auf den Beinen, ging mit dem Kind auf dem Arm im Zimmer auf und ab und summte leise.
»Ich kann ihn doch nehmen, damit du schlafen kannst.«
»Nein, schlaf nur, Julie. Ich kann in dieser Nacht sowieso kaum ein Auge zumachen.«
Jostein wachte in dieser Nacht noch einmal auf. Machte sich an ihrem Nachthemd zu schaffen und verlangte die Brust. Schlug ihr die Tasse mit der Milch aus den Händen. Da weinten sie beide, sie und das Kind. Zum Schluß setzte sie sich mit ihm in einen Korbsessel an das Fenster, wickelte eine Decke um sie beide. Dort saß sie noch lange, nachdem er eingeschlafen war, und das fürchterliche Wort hallte als Echo in ihr wider. Scheidung. Es war für sie bloß ein Wort. Nun schien es, als ob dieses Wort immer zwischen ihnen stünde. Weil es ausgesprochen worden war und nicht mehr aus ihrer beider Erinnerung getilgt werden kann. Denn sie fühlte sich so sehr verletzt, daß sie ihn ebenfalls verletzen wollte. Alles würde sie dafür tun, wenn sie dieses Wort ungesagt machen könnte.
Es war wohl vor allem wegen Jørgen, daß sie vor Synnøve klein beigab, als sie am nächsten Morgen zusammen mit ihr die Kühe versorgte.
»Ich werde es wohl so machen und Krister mit auf die Reise nehmen.«
Für einen Moment standen sie sich gegenüber, die beiden Frauen, einander musternd, und Julie sah etwas in Synnøves Augen, das sie schon früher gesehen hatte, etwas, das wie Respekt aussah.
»Ja, wir müssen den Verstand walten lassen, wir Frauen, wenn die Männer es nicht können, nicht wahr?«
Wahrscheinlich gelingt es Synnøve bald, es so hinzudrehen, daß es Julies freier Wille war, das Kind hier zurückzulassen, während sie selber so etwas Unerhörtes wie eine Urlaubsreise unternahm.
Als es auf die Mittagszeit zugeht, sieht sie die Männer quer über das Feld kommen, Jørgen ein Stückchen vor den anderen. Mit Jostein auf dem Arm geht sie ihm entgegen. Jostein streckt die Arme nach dem Vater aus, und als Jørgen ihr das Kind abgenommen hat, tritt sie verstohlen auf ihn zu und streicht ihm schnell über die Wange.
»Ich möchte mich für das, was ich gestern abend gesagt habe, entschuldigen. Du weißt doch, daß ich das nicht so gemeint habe. Ich war nur so empört, so enttäuscht. Es ...«
»Nein, das ... das besprechen wir später.«
Doch er lächelt sie an, ein sonderbares schmerzliches Lächeln, das alles in ihr wachruft, was sie für ihn empfindet, das größer ist, als sie in Worte fassen kann.
»Ja, denn du weißt doch, Jørgen, wie gern ich dich habe.«
»Das weiß ich, Julie.«
»Ich möchte dich nicht verlieren, niemals, das weißt du«, sagt sie mit einer ihr ungewohnt erscheinenden Heftigkeit. Ungewohnt ist es auch, daß sie über solche Dinge miteinander reden, doch heute spüren sie, daß es um viel geht, das es zu retten gilt.
Wieder lächelt er, dasselbe schmerzliche Lächeln, er nimmt ihre Hand und drückt sie heftig und ganz kurz, bevor er sie wieder losläßt.
Die Stimmung am Mittagstisch ist gelöster als am Abend zuvor. Vielleicht deshalb, weil sie selber zuversichtlicher ist, oder vielleicht sind die anderen erleichtert, weil sie ein Problem gelöst haben. Da wird die Unterhaltung der Erwachsenen durch Kristers helle Kinderstimme unterbrochen.
»Was ist eigentlich Scheidung ?«
Am Tisch herrscht ohrenbetäubende Stille. Für Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit vorkommen, schaut sie in die Gesichter, die sie umgeben. Jørgen ist so rot geworden wie sie selber vermutlich auch. Erschüttert blickt sie ihren Sohn an. Er muß gestern abend wach gewesen sein, ohne daß sie es gemerkt haben. Es ist auch schon vorher vorgekommen, daß er wach war und keinen Ton von sich gab.
»Ich will wissen, was das eigentlich ist«, fordert er hartnäckig.
»Was du so alles fragst, Junge«, sagt Synnøve. »Wie kommst du denn darauf?«
»Die Mama und der Papa haben gestern abend davon gesprochen, und ich weiß nicht, was das ist.«
Julie hat sich jetzt besonnen.
»Ach, wir haben bloß darüber gesprochen, weil der Papa und ich davon in der Zeitung gelesen haben.«
»Aber ich will wissen, was das bedeutet.«
»Das bedeutet, daß Eheleute nicht mehr miteinander verheiratet sein möchten«, sagt Astrid ruhig. »Daß sie nicht mehr zusammen wohnen möchten.«
»Wollen die Mama und der Papa nicht mehr zusammen wohnen?«
»Natürlich wollen Papa und ich zusammen wohnen. Iß jetzt und sei still!«
Wenn sich doch der Boden unter ihr öffnen würde, wenn sie doch nur von hier fliehen könnte. Doch Krister gibt sich damit noch nicht zufrieden.
»Und was ist denn eigentlich eine Geisel?«
Julie schnappt nach Luft. Hilflos schaut sie Jørgen an.
»Eine Geisel?«
»Ja, denn davon habt ihr auch gesprochen. Und ich will wissen, was das ist.«
Wieder ist es Astrid, die für eine Antwort sorgt.
»Na ja, Krister, eine Geisel, das ist fast dasselbe wie ein Gefangener. Ein Gefangener, das weißt du, der wird ins Gefängnis gesperrt. So ungefähr ist es mit einer Geisel auch.«
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