»Du darfst nicht so ärgerlich auf mich sein«, sagt er.
»Ärgerlich? Bin ich doch gar nicht.«
»Du weißt, ich versuche mein Bestes. Aber so, wie die Dinge liegen, komme ich hier nicht weg. Und du, du läufst herum und gibst mir das Gefühl, schuld an allem zu sein. Denkst du denn, ich würde mir nicht wünschen, mal für eine Weile von hier verschwinden zu können?«
»Nicht so laut. Es hat keinen Sinn, weiter darüber zu reden. Ich nehme Krister mit und fahre allein, obwohl du weißt, wie schwer es mir fällt, den Kleinen hier zu lassen.«
»Ich weiß mir einfach keinen Rat«, sagt er und streicht sich mit der Hand schnell über das Gesicht. Diese Geste, die sie rührt und zugleich ärgert. In der letzten Zeit ist sie zum Zeichen für seine Schwäche geworden, die sie nicht mehr mit ansehen kann, nicht mehr erträgt.
Synnøve hat Jostein auf dem Schoß und gibt ihm Saft aus einer Babyflasche.
»Na?« sagt sie und schaut Julie fragend an.
»Nichts weiter, es ging nur um die Reise.«
Im selben Moment, in dem sie die Worte ausgesprochen hat, steigt der Ärger in ihr hoch. Ist es schon so weit gekommen, daß auch sie das Gefühl hat, sich vor ihnen verantworten zu müssen für alles, was Jørgen und sie sich vornehmen, selbst wenn es um die persönlichsten Dinge geht?
»Wo ist Krister?«
»Er ist mit Astrid im Büro«, sagt sie und streicht Jostein über das Haar.
»Ich sähe es lieber, wenn er jetzt aus der Tasse trinken würde«, sagt Julie.
Erst vor kurzem hat sie ihm das Stillen abgewöhnt, und nach dem Kampf, den das kostete, will sie nicht, daß er sich an die Flasche gewöhnt.
»Aber das Kind hatte Durst, und so gefällt es ihm. Und du bringst es übers Herz, dieses kleine Kerlchen hier allein zurückzulassen?«
Julie steht über den Abwasch gebeugt. Jetzt dreht sie sich zu Synnøve um, ihre Augen funkeln, von den Händen tropft das Abwaschwasser, hinterläßt dunkle Flecke auf ihrer Schürze. Ihre Stimme, in mühsam erzwungener Ruhe, zittert.
»Nein, ich bringe es nicht übers Herz. Ihr zwingt mich dazu.«
»Wir zwingen dich? Du bist doch wohl erwachsen genug, um zu begreifen, daß du nicht mit zwei kleinen Kindern allein auf eine so lange Reise gehen kannst. Und schon gar nicht mit einem Säugling.«
»Es war keine Rede davon, daß ich allein fahren wollte.«
»Meinst du denn im Ernst, daß Jørgen dich begleiten kann, wo es soviel zu tun gibt und wir kaum Hilfskräfte auf dem Hof haben? Willst du denn nicht begreifen, daß das gar nicht in Frage kommt? Es reicht schon, daß du fährst. Das kostet genug, will ich meinen, wir müssen in der Zeit, die du weg bist, zusätzlich eine Hilfe ins Haus holen.«
»Mein Vater bezahlt uns doch die Reise.«
»Das mußt du mir nicht sagen.«
»Gönnt ihr mir etwa nicht, daß ich meine Familie zu Hause besuche?«
»Natürlich gönnen wir dir das. Aber zu Hause sagst du? Wir haben stark angenommen, daß Storvik jetzt dein Zuhause ist. Und als ich jung war, gab es hier auf dem Hof sowas überhaupt nicht, daß ich in den Urlaub fahren und tun konnte, wozu ich gerade Lust hatte. Das ist bei uns im Dorf nicht üblich. Als Bäuerin auf einem Hof hat man Verantwortung zu tragen.«
Der Zorn macht Julie ganz ruhig, die Stimme ist jetzt wie Eis.
»Ich bin keine Bäuerin, und Jørgen ist kein Bauer. Knechte sind wir.«
»Es ist für mich nicht gerade erfreulich, dich so reden zu hören. Ich weiß, daß ihr erpicht darauf seid, hier alles zu übernehmen, aber bevor Kristoffer den Hof überschreiben läßt, muß Jørgen zeigen, daß er mit Geld und Verantwortung umgehen kann«, sagt Synnøve trocken. »Nein, sowas, nun schläft unser kleiner Mann wohl. Du kannst jetzt noch nicht schlafen, wir müssen doch nun los und zu Tante Astrid reinschauen, wir beide.«
Synnøve geht, das Kind auf dem Arm, sie geht weg von den Worten, die gefallen sind, aber vor allem von den vielen unausgesprochenen Worten, neue Steine, die die Mauer zwischen ihr und Julie erhöhen. Nichts gehört ihr, denkt Julie. Nicht einmal die Kinder, so ist es. Und sie, die von Kindheit an Einsamkeit suchte, Einsamkeit, die wohltat, sobald sich eine Gelegenheit dazu ergab, hier gibt es keinen Ort für solche Dinge. Der einzige Ort, den sie hier für sich selbst hat, ist die Welt, die sie in sich trägt. Die Welt der Gedanken, in die sie flüchtet, wenn das Leben zu schwer wird. Auf diese Weise ist es fast wie ein Geschenk, allein sein zu können. Die Gedanken drehen sich um das, was war, und um das, was ist. Um das, was aus ihrem Leben noch werden soll.
Denkt sie an sich als junges Mädchen, verspürt sie jetzt wohl eher Scham als Kummer, wenn sie daran denkt, wie naiv sie war. Diese himmelhohen Erwartungen, die sie an das Leben stellte, an die Liebe. Sie hatte geglaubt, die Liebe würde ihnen alle Wege öffnen, ihr Zusammenleben würde ganz anders werden, als sie es bei anderen erlebte. Bei ihnen sollte es niemals so werden wie bei all diesen grauen Ehegemeinschaften, deren Zeugin sie geworden war. So unglaublich kindisch und dumm war sie. Wenn sie damals an sich und Jørgen dachte, sah sie nur sie beide, vergaß, daß sie sich mit einer ganzen Familie verheiratete. Sich selbst hatte sie als Bäuerin gesehen, hatte Jørgen geglaubt, wenn er sagte, daß sie, wenn sie erst verheiratet wären und das Altenteil renoviert sei, gemeinsam den Hof übernehmen könnten. Alles blieb Gerede. Seit sechs Jahren teilt sie nun die Küche mit der Schwiegermutter. In diesen Jahren haben Jørgen und sie keine einzige Mahlzeit allein miteinander in der Küche auf Storvik eingenommen. Synnøve führt das Kommando über Haus und Vieh, Kristoffer über Wirtschaft und Geld. Astrid verwaltet das Postamt, aber Kristoffer verfügt über die Einkünfte, die dort erzielt werden. Ist es verwunderlich, daß sie sich manchmal wie ein Dienstmädchen auf dem Hof vorkommt und Jørgen sich wie ein Knecht fühlt? Ist es verwunderlich, daß sich Enttäuschung in ihr breitmacht und in Zorn umschlägt, den sie an ihm ausläßt? Daß sie findet, er ist schwach, weil er sich dreinschickt? Das ist nicht nur hier bei uns auf dem Hof so, sagt er, auf anderen Höfen im Dorf ist es doch genau dasselbe Elend. Die Alten fürchten sich davor, das Ruder den Jungen zu überlassen. Dabei geht Kristoffer auf die siebzig zu. Wie lange will er es noch hinauszögern? In letzter Zeit ist ihr an Jørgen auch eine gewisse Resignation aufgefallen. Daß er hier eines Tages der Bauer sein könnte, scheint ihm eher ein Wunschtraum als Wirklichkeit zu sein. Obwohl sie von ihm enttäuscht ist, leidet sie auch mit ihm. Jørgen muß zeigen, daß er mit Geld und Verantwortung umgehen kann, sagte Synnøve. So gemein kann sie manchmal sein. Wie demütigend diese Aussprache für sie, aber auch für Jørgen war. Wie soll er lernen, Verantwortung zu tragen, wenn er mit jeder Kleinigkeit zu seinem Vater gehen muß? Wenn ihm niemals zugetraut wird, daß er ganz auf sich allein gestellt mit einer Arbeit fertig werden kann? Wenn er zum Vater gehen muß und um jede Øre für sich, für sie und die Kinder bitten muß? Wenn sie sich schon gedemütigt fühlt, wie muß Jørgen das erst empfinden? Er wird bald dreißig, hat Frau und Kinder und wird behandelt wie ein kleiner Junge. Sie hat große Angst, daß sie daran zerbrechen, daß dadurch alles zwischen ihnen zerstört werden könnte.
Sie muß an die schlimme Zeit denken, als sie befürchtete, sie würde kein Kind bekommen. Damals hatte sie keine Ahnung und dachte, wenn man erst einmal verheiratet war und mit einem Mann geschlafen hatte, so müßte man ein Kind kriegen. Dann vergingen Monate, ohne daß etwas passierte. Sie erinnert sich an Synnøves Blicke und an all die Fragen der Frauen im Dorf. Ob es nicht bald einen Kinderwagen in Storvik gäbe. Sie denkt daran, wie sie im Schlafzimmer über der Küche saß und Gott weiß zum wievielten Male Jørgen mit den Eltern über die Übernahme des Hofes diskutieren hörte. Erinnert sich an Synnøves Antwort, die sich ihr ins Gedächtnis gebrannt hat:
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