»Ja, Sie sind auch herzlich willkommen«, sagt er zu Randi.
Die Storviks wissen, was sich gehört, aber Randi hätte er bestimmt nicht eingeladen, wenn er davon ausgegangen wäre, daß Julie die Einladung angenommen hätte. Denn selbstverständlich lehnt Julie dankend ab, sagt, sie müssen sich um die Kinder an diesem für sie so wichtigen Tag kümmern. Selma sagt, Julie müsse auf dem Rückweg auf jeden Fall bei ihnen wohnen.
»Ja, denn du weißt doch, daß du uns jederzeit willkommen bist?«
»Was für einen komischen Hut der Onkel Erling aufhatte!« sagt Krister, als sie gegangen sind. »So einen Hut hat der Großvater auch, er hat ihn bestimmt noch, aber er setzt ihn nicht mehr auf.«
»Jedenfalls nicht bei uns im Dorf«, sagt Julie.
»Daß du bei mir wohnst, ist wohl nicht so gut aufgenommen worden?«
»Ach, das ...«
»Portwein in feiner Gesellschaft beim Bankchef. Wenn ich mir vorstelle, ich in diesen Kreisen. Das wäre was für Yngvar gewesen«, sagt Randi kichernd.
Der Kinderumzug kommt auf den Markt marschiert. Krister jubelt in heller Freude über die Musikkorps, über die vielen Kinder, Julie muß ihn auf den Arm nehmen, damit er alles sehen kann.
»Sieh nur, dort ist Hallvor«, kreischt er.
Wer nach dem Kinderumzug in der Kirche keinen Platz findet, geht zum Kaffeetrinken nach Hause oder in ein Café oder Restaurant. Julie und Randi gehen mit den Kindern nach Hause, um zeitig Mittag zu essen, so daß sie den Rest des Tages für alles, was noch kommt, zur freien Verfügung haben. Es rührt Julie, die Freude der Kinder über das gute Essen zu sehen.
»Das ist ja hier fast wie Weihnachten, Mama«, sagt Kari.
Der Tag vergeht wie im Flug. Sie eilen von einer Veranstaltung zur nächsten. Der Umzug der Einwohner ist ein festlicher Anblick mit all den Verbänden und Vereinen, die unter ihren Fahnen aufmarschieren. Hier sind die Turner und die Krankenpfleger in ihren verschiedenen Trachten. Julie und Krister, die so etwas noch nicht gesehen haben, verschlägt es fast den Atem. In Vågen veranstaltet der Ruderclub eine Regatta. Dort gibt es ein Wettrudern mit Vierriemen- und Geitbooten rund um Innlandet. Daran nehmen auch Gäste aus der Umgebung teil. All das sind große Erlebnisse für Krister, doch den Höhepunkt bilden die Veranstaltungen für groß und klein auf dem Sportplatz. Den meisten Spaß gibt es beim Stangenklettern.
Die Stange, an der die Jungen ihre Kletterkünste zeigen können, steht mitten auf dem Platz. Sie ist mit Kernseife eingeschmiert, und an der Spitze hängen verlockende, tolle Preise. Es sind geräucherte Dauerwürste dabei und Leckerbissen der verschiedensten Art, Kochtöpfe und andere Haushaltsgeräte. Wer es bis nach oben schafft, kann versuchen, etwas davon zu erhaschen. Vor der Stange steht eine lange Schlange. Einige schaffen es lediglich ein kleines Stück hinauf und rutschen dann wieder herunter, manche kommen bis ganz nach oben, ohne daß es ihnen gelingt, etwas von den Herrlichkeiten zu ergattern. Andere lassen sich mit der Beute, die sie geholt haben, souverän heruntergleiten. Einer, der das schafft, ist Hallvor; mit einer Wurst in den Händen kommt er zu seiner Mutter.
»Du lieber Himmel, das ist ja ein erfolgreicher Tag«, sagt sie überwältigt. Hallvor läuft schnell wieder zu der Schlange hin, kommt jedoch gleich wieder zurück. Er durfte es nicht noch einmal versuchen, weil er bereits einen der Preise gekapert hat.
Nach den Spielen für die Kinder führt der Turnverein etwas vor, und zum Abschluß kommt das große Ereignis des Tages, die Ringer veranstalten Schaukämpfe. Mehrere Ringkämpfer aus Kristiansund haben international Erfolg und sind die Helden der Stadt. Ein ohrenbetäubender Jubel bricht aus, als Arne Gaupseth das Podium betritt. Er hat Norwegen bei den Olympischen Spielen 1924 vertreten und erreichte einen achtbaren fünften Platz.
An Randis Küchentisch lassen sie den Tag mit Kakao und selbstgebackenen Brötchen ausklingen. Die Kinder, die nach den Erlebnissen an diesem Tag müde sind, gehen ohne Protest ins Bett. Und schon nach wenigen Minuten ist es an diesem Abend im Schlafzimmer still.
Randi und Julie sind auch erschöpft. Nachdem Ruhe in das Haus eingekehrt ist, sitzen sie noch zusammen bei einer Tasse Kaffee.
Randi sagt, Julie hätte wohl eigentlich an der Abendveranstaltung im Festsaal teilnehmen müssen, Ivar spiele dort im Symphonieorchester, und Erling Storvik halte die Festrede.
»Wenn du Lust hast hinzugehen, dann mußt du dich beeilen. Krister ist hier gut aufgehoben, wie du weißt.«
»Ich weiß, daß Storvik die Rede hält, aber sie müssen mich entschuldigen. Heute kann ich nicht mehr.«
»Ich hoffe, ich habe dich heute nicht beleidigt mit dem, was ich zu der Einladung von Storviks gesagt habe? Du weißt ja, wie ich bin, ich rede, bevor ich denke.«
»Beleidigt? Nein, überhaupt nicht.«
Es sei ja auch so, sagt Randi, sie könne über Storviks überhaupt nichts Schlechtes sagen. Sie kennt Frauen, die dort im Hause arbeiten, und die sagen über Frau Storvik nur Gutes. Sie selber aber, die bei den vornehmsten Familien in der Stadt saubermacht und auch zu festlichen Anlässen kocht, hat das Storviksche Haus vermieden. Da sie Julies Freundin ist, wäre das schwierig geworden.
Julie sagt, es sind angenehme Menschen, nett und gastfreundlich, daran hapert es nicht. Aber sie führen ein so anderes Leben als sie, von Randis Leben ganz zu schweigen.
Als Randi sie weckt, hat sie das Gefühl, gerade eben eingeschlafen zu sein.
»Auf Nordlandet ist die Fahne bei der Fischverarbeitung hochgezogen worden«, flüstert sie. »Das bedeutet, Fisch ist angekommen. Ich muß mich beeilen, daß ich hinkomme.«
Die beiden kleinen Mädchen stehen schlaftrunken und fröstelnd hinter ihr in der Tür.
»Nimmst du sie mit?«
Ja, sagt Randi, Kari habe schon gelernt, sich nützlich zu machen, das gäbe noch ein paar Øre extra pro Tag. Und auch die Kleine wisse, daß sie nicht im Weg herumstehen dürfe, und deshalb nimmt sie die Mädchen mit. Julie müsse sich selbst versorgen, bevor sie abfahren, und so tun, als ob sie hier zu Hause sei. Und ob sie, bevor sie losgehe, darauf achten könnte, daß Hallvor aufsteht, damit er rechtzeitig in die Schule kommt? So ist Randis Alltag.
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