Nach dem häßlichen Streit, den sie miteinander hatten, haben sie darüber gesprochen, wieviel Krister davon gehört haben mochte, wieviel ein Kind von knapp vier Jahren überhaupt verstehen kann. Nach diesem Abend hat er so viele merkwürdige Dinge gesagt, daß man sich darüber wundern muß.
»Deine Frau ist verreist?« fragt einer der Männer laut, die vor der Tür zum Kaufmannsladen herumlungern.
»Ja«, sagt Jørgen, und manövriert den Postsack, den er abgeholt hat, vorsichtig in die Karriole.
»Es handelt sich wohl nicht bloß um eine Kurzreise, soviel Reisegepäck, wie sie mitgenommen hat?«
»Nein, sie wird ein paar Wochen bei ihren Eltern bleiben.«
»Ein paar Wochen, mitten in der arbeitsreichsten Zeit? Na ja, wer hat, der hat.«
»Ihr Vater ist krank, deshalb muß sie fahren«, lügt Jørgen.
»Krank? Es wird doch hoffentlich nichts Ernstes sein«, setzt der Alte sein Verhör neugierig fort, offensichtlich dankbar für jeden Tratsch, den er mit nach Hause nehmen kann zu seiner ebenso neugierigen Frau, die dort wartet.
»Nein, was Ernstes scheint es nicht zu sein, aber sie hielt es für besser, selbst nach dem Rechten zu sehen.«
»Na, das versteht sich. Ein kleiner Urlaub möglicherweise?« fragt der Greis in einem Ton, als hätte er etwas Unanständiges gesagt.
Jørgen schäumt vor Wut, weil er der Versuchung zum Lügen erliegen muß, nur um die Neugierde dieser Menschen zu befriedigen.
Als er die Anhöhe hinauffährt, sieht er die Rauchfahne über dem Fjord. Bereits jetzt verspürt er ein nagendes Gefühl von Sehnsucht nach ihr in seiner Brust. Soweit ist es gekommen, eine solche Macht hat sie über ihn gewonnen.
Seit sie an Bord sind, ist die Reise für Krister ein einziges Abenteuer. Er zerrt die Mama überall hin, wo Passagiere auf dem Schiff Zugang haben. Er bohrt und fragt und will alles wissen.
»Warum gibt es auf diesem großen Schiff kleine Schiffe?«
»Rettungsboote sind das.«
»Warum heißen die so?«
»Weil man sie benutzen kann, wenn mit dem großen Schiff irgendwas Schlimmes passiert.«
»Kann denn mit dem großen Schiff was Schlimmes passieren?« fragt er erschrocken.
»Nein, bei dem schönen Wetter heute brauchen wir keine Angst zu haben.«
»Warum verreisen denn die Kühe auch?« will er wissen und zeigt auf die Tiere, die in einem Verschlag auf dem Vordeck stehen.
»Die hat vielleicht jemand gekauft, verstehst du.«
»Aber warum muhen die denn so fürchterlich? Ob sie Angst haben, was meinst du?«
»Ich weiß nicht, ob es ihnen auf See gefällt.«
»Aber mir gefällt es. Dir auch, Mama?«
»Ja, heute schon«, sagt sie und ist froh, daß die Sonne bereits so warm ist, daß sie an Deck bleiben können und es ihnen erspart bleibt, in dem stickigen Salon sitzen zu müssen.
Die Tür zum Maschinenraum steht offen. Sie hat sich mit Krister so hingestellt, daß er hinunter zu den lärmenden Maschinen sehen kann. Warme Luft und der Geruch von Öl schlägt ihnen durch die offene Tür entgegen.
»Oh«, sagt Krister andächtig, »was es hier nicht alles gibt, mein lieber Junge!«
Einer von der Mannschaft, der im Vorbeigehen hört, daß das Kind Fragen stellt, bleibt stehen und nimmt sich Zeit zum Zeigen und Erklären. Krister sieht ihn erst ernst an, taut dann aber bald auf, deutet auf vieles und fragt.
»Du bist mir vielleicht der Richtige«, lacht der Matrose, »vielleicht wird aus dir einmal ein richtiger Seemann, wenn du groß bist!«
»Nein, das geht nicht, denn ich werde einmal Bauer, ganz bestimmt.«
Krister wird es auch nicht leid, vom Achterdeck aus auf die schaumigen Streifen des Kielwassers zu schauen, aber er klammert sich dabei fest um den Hals der Mutter.
An einem windgeschützten Plätzchen auf Lee, gleich bei dem Schornstein, setzen sie sich auf eine Bank und holen ihren Proviant hervor. Danach schläft Krister auf ihrem Schoß ein.
Gute sieben Stunden dauert die Reise. Der Dampfer schlängelt sich in die Fjorde hinein und wieder hinaus, läuft die Inseln draußen an. Zum Schluß schläft auch sie ein, den Kopf nach hinten gegen den warmen Schornstein gelehnt, sie wird von Kristers schneidender Kinderstimme geweckt. Da hebt und senkt sich der Dampfer unter ihnen.
»Sieh nur, Mama, was für große Wellen.«
Sie zeigt in die Ferne.
»Sieh nur, Krister, das ist das Meer. Talgsjyn heißt das hier.«
Das ist der Teil der Überfahrt, auf dem sie bei schlechtem Wetter jedesmal seekrank wird. Doch heute scheint sie drumherum zu kommen, auch Krister sieht aus, als würde ihm die See nichts ausmachen.
Als der Dampfer in Kristiansund anlegt, steht Ivar am Kai und nimmt sie in Empfang. Er hilft ihnen mit ihrem Gepäck, und dann erwartet Krister ein neues Abenteuer, denn Ivar führt sie hinüber zu dem glänzenden schwarzen Ford des Onkels.
Das Kind vergißt alle Verlegenheit.
»Sieh nur, Mama, wir fahren mit dem Auto!«
»Ja, ich muß schon sagen, das ist ein königlicher Empfang«, bemerkt Julie lächelnd. »Das wäre doch nicht nötig gewesen.«
»Jørgen meinte, ihr hättet viel Gepäck zu tragen, und da habe ich gedacht, es ist am besten, wenn ich mir das Auto leihe«, erwidert Ivar. Aber als er sich hinter das Lenkrad setzt, kann er nicht verbergen, wie stolz er ist.
»Du bist mir vielleicht ein ausgekochter Bursche, Ivar!«
»Das, nicht ...«, sagt er und ist noch nicht so erwachsen geworden, daß er nicht mehr rot wird.
»Der Onkel und die anderen sind hoffentlich nicht beleidigt, weil ich bei Randi wohne?«
»Darüber mußt du dir keine Gedanken machen.«
»Tue ich auch nicht, denn Randi bekomme ich sehr selten zu Gesicht, und euch sehe ich ja im Sommer, wenn ihr in den Ferien zu uns kommt.«
Krister kniet auf dem Rücksitz des Autos und schaut mit großen Augen auf das Treiben der Stadt. Das vorige Mal, als sie ihn auf die Reise mitgenommen hatte, war er noch zu klein, um sich daran erinnern zu können.
»Sieh nur, Mama, wie viele Häuser es hier gibt und wie viele Menschen.«
Er jauchzt vor Vergnügen, als Ivar wegen Pferdefuhrwerken und Fußgängern, die mitten auf der Straße gehen, hupt.
»Bitte noch mal, Onkel Ivar!«
Julie kommt während der kurzen Fahrt nicht mehr dazu, sich mit Ivar zu unterhalten. Sie fahren an den Kaianlagen entlang und den Kaibakken hinauf, wo sie links abbiegen, und schon sind sie im Fløiveien, wo Randi wohnt.
Randi hat sich verändert, seit sie sie das letzte Mal gesehen hat. Sie ist dünner geworden, ihr Gesicht gezeichnet und ausgemergelt, sie sieht mitgenommen aus, aber sie freut sich über das Wiedersehen. Die beiden Mädchen, das eine in Kristers Alter, das andere ein paar Jahre älter, schauen interessiert auf den Ankömmling, der sich verlegen an die Mutter schmiegt. In der geräumigen Küche riecht es nach gebratenem Essen und gekochtem Kohl. Auf einer kleinen Herdplatte stehen Schüsseln übereinander gestapelt. Der Küchentisch ist für zwei gedeckt.
»Ja, wir haben schon gegessen, ich habe aber versucht, das Essen warm zu halten. Es ist kein Festtagsmahl, das nicht gerade, aber ihr habt bestimmt Hunger«, sagt Randi und bittet sie, am Tisch Platz zu nehmen, während sie Fischbuletten in brauner Soße, Kartoffeln und Kohl auftut. Dazu serviert sie rote Obstsuppe.
»Ich hoffe, es schmeckt euch, auch wenn es nur ein einfaches Gericht ist.«
»Es schmeckt wunderbar, Randi.«
»Wo ist der Junge hin?« flüstert Krister.
»Du meinst Hallvor?« fragt Randi. »Er ist in der Schule, aber er kommt bestimmt bald nach Hause.«
»Ich schäme mich fast, es zu gestehen«, sagt Randi, »aber ich muß euch für ein paar Stunden allein lassen.«
Eigentlich ist sie jetzt bei der Arbeit, aber sie hat sich ein paar Stunden frei geben lassen, um den Besuch in Empfang nehmen zu können. So leid es ihr auch tut, sie muß zurück und ihre Arbeit verrichten. Sie hat in einem Haus oben im Langvei zu tun, wo sie bis morgen alles in Ordnung bringen muß. Ob Julie so nett sein und darauf achten könnte, daß Hallvor etwas ißt, wenn er nach Hause kommt. Er ist es zwar gewohnt, allein zurechtzukommen, aber es passiert schon manchmal, daß er vergißt, die Kochplatte abzuschalten, und obwohl die niedrigste Stufe eingestellt ist, kann das Essen dann ungenießbar sein.
Читать дальше