»Aber was ist mit deinen beiden Kleinen, läßt du sie immer allein?«
»O ja, sie haben gelernt, sich selbst zu versorgen.«
Oder sie kann die Kinder bei dem schönen Wetter mit auf einen Spaziergang nehmen.
Die drei Kinder schauen sich gegenseitig forschend an:
»Kommst du mit nach draußen zum Spielen?« fragt Kari, das ältere der beiden Mädchen.
»Ja, geh nur«, sagt Julie, »aber paß auf, daß du deine neuen Sachen nicht schmutzig machst, Krister.«
»Ich passe auf ihn auf, ich persönlich«, sagt Kari altklug.
Julie schaut sich die Wohnung an. So sauber und aufgeräumt überall, im Verhältnis zu dem aber, wo sie herkommt, doch sehr armselig. Im Schlafzimmer stehen zwei Betten, Randis und Yngvars Ehebett und eines, das für die Kinder sein muß. Außerdem steht hier ein Kleiderschrank, gleich neben den Wandhaken, an denen Sachen hängen. Dort sind auch schon die Trachten der Kinder für morgen aufgereiht, frisch gebügelt und fertig zum Anziehen für die Feier zum 17. Mai. Im Wohnzimmer stehen ein Sofa, eine Vitrine und in der Mitte ein runder Tisch mit Stühlen. In den Fenstern mit den weißen Häkelgardinen stehen Topfpflanzen. Randi versteht es, Gemütlichkeit um sich herum zu schaffen. Das Beste von allem jedoch ist die blau angestrichene Küche. Ein großer Küchentisch, Kochplatte und Gasherd neben dem kleinen handlichen Ofen, der mit Holz geheizt wird. Neben dem Küchenschrank ein Wasserhahn, darunter ein Eimer auf einem Hocker. Der Ausguß befindet sich draußen auf dem Flur. All das ist ein Luxus für Julie, der ihr völlig fremd ist. Am sonderbarsten an diesen Häusern sind die Toiletten, die draußen vor jeder Wohnung wie Starkästen an der Wand hängen. Sie muß dieses Örtchen aufsuchen, und es ist ihr ganz peinlich, als sie alles, was nach unten in den Sammelbehälter im Hof fließt, wie einen Wasserfall rauschen hört, und es kommt ihr so vor, als können dies alle im Haus hören. Randi hat erzählt, daß die Toiletten nachts bis in die frühen Morgenstunden hinein geleert werden. Der Elfuhrzug wird das Gefährt in der Stadt genannt, und wenn es kommt, steht ein fürchterlicher Gestank in den Straßen, in denen es Außentoiletten gibt. Es bleibt nicht aus, daß Ratten und anderes Ungeziefer angezogen werden, aber das kann man alles nicht mit dem vergleichen, wo sie vorher wohnte.
Hallvor kommt nach Hause. Er ist ein unbekümmertes und artiges Kind, das nach der ersten Verlegenheit auftaut und ihr von der Schule erzählt und was er so macht. Aus der Hinterstraße von draußen ist das Gejohle von spielenden Kindern zu hören, und sie bittet Hallvor, nach draußen zu gehen und seine Schwestern und Krister hereinzuholen, denn sie wollen zum Stausee wandern und sich die Schwäne ansehen.
Julie ist erstaunt, wie erwachsen und tüchtig Randis Kinder sind. Die Mädchen binden die Schürzen ab, und Kari holt für sich und die kleine Solveig saubere Strickjacken hervor.
»Wir müssen uns fein machen, wenn wir in die Stadt gehen«, sagt sie. »Aber du, Hallvor, mußt daran denken, daß du dich umziehst, wenn wir wieder zu Hause sind, damit die Mama nicht mit dir schimpft. Hast du daran gedacht, die Tür abzuschließen?« fragt sie ihn, als sie unten auf dem Bürgersteig stehen.
»Ich bin doch auch nicht ganz dumm.«
»Hast du den Schlüssel unter die Matte gelegt?«
»Ja, nun ist aber Schluß.«
Kari ist erst sechs Jahre alt, aber sie kümmert sich schon um alles.
Es ist ein schöner Tag mit einem strahlend blauen Himmel über dem blauen Meer. Die Luft ist scharf und klar, aber die Sonne scheint so warm, daß Julie den Mantel aufknöpfen muß. Die Bäume im Park sind mit einem frühlingsgrünen Schleier überzogen, auf den Beeten blühen Frühlingsblumen, Krokusse, Lilien und Tulpen. Zu dieser Jahreszeit kann sie nicht hier sein, ohne an die erste richtige Begegnung mit Jørgen zu denken. Wie stolz er war, als er sie in der Stadt herumführte, wie glücklich sie war. Wie sie voller Träume und großer Erwartungen an das Leben und an eine helle Zukunft waren. Wie sie nach Hause kam und heimlich verlobt war! Sie erinnert sich an ihre kindliche Begeisterung, als sie hier am Staudamm zusammen mit ihm gestanden hatte, die schönen Vögel beobachtete, die majestätischen Schwäne und die Pfauen. Die Erinnerungen an diese Tage, die sie sich immer ins Gedächtsnis ruft und an denen sie sich aufrichtet, wenn ihr das Leben allzu schwer erscheint. Erinnerungen, die sie aufmuntern, die sie aber auch wehmütig stimmen und mit einer Sehnsucht erfüllen, die schmerzt.
Jetzt erlebt Krister dasselbe wie sie damals, er jauchzt über die Pfauenhähne, als sie sich mit ihren prächtigen Schwanzfedern aufplustern.
»Sieh nur, Mama, sieh!«
Wenn doch Jørgen hier wäre und das gemeinsam mit ihnen erleben könnte.
Krister ist Hallvor den ganzen Tag über auf Schritt und Tritt gefolgt, auch während er seine Hausaufgaben machte, saß er neben ihm. Hallvor geht in die zweite Klasse, und Krister schaut mit grenzenloser Bewunderung zu ihm auf. Deshalb protestiert er auch nicht, als er zusammen mit Hallvor in das aushilfsweise auf dem Fußboden des Schlafzimmers gemachte Bett muß. Die Kinder sind wegen morgen so aufgeregt, daß Randi und Julie energisch werden müssen, bevor die Kinder da drinnen zur Ruhe kommen.
Randi bricht fast in Tränen aus, als Julie ihr den Karton mit den Lebensmitteln überreicht.
»Was für ein Segen«, sagt sie überwältigt, »wenn du wüßtest, wie gut wir das gebrauchen können. Aber ist das nicht viel zuviel?«
»Das hat mir meine Schwiegermutter mitgegeben. Von mir bekommst du außerdem noch etwas extra dafür, daß wir uns bei dir einquartiert haben.«
»Na, das wäre ja noch ein Ding, Julie, wenn ich von dir als Besuch Geld nehmen würde. Kein Wort mehr davon, aber grüß deine Schwiegermutter von mir und sag ihr vielen Dank.«
»Ich hoffe, du bist mir nicht böse?«
»Wie werde ich denn, wo es mir gerade so gutgeht.«
Randi sagt, sie werde Yngvar vieles von dem, was sie mitgebracht hat, schicken. Er hat in der letzten Zeit kaum ein Fleischgericht zu Gesicht bekommen. Und wenn sie das alles für die Wochenenden aufheben wollte, würden sie hier lange Zeit wie die Made im Speck leben.
Randi macht Frikadellen und Soße und stellt alles für den nächsten Tag fertig vorbereitet in die Speisekammer. Julie kann nicht umhin, sich zu fragen, was sie dieses Mahl gekostet haben mag.
»Du hättest doch nicht bloß unseretwegen ein solches Essen zubereiten müssen.«
»Ich bitte dich, Julie«, sagt Randi mit einem scharfen Ton in der Stimme. »Ich habe den Kindern zum 17. Mai Frikadellen versprochen.«
Sie sitzen am Küchentisch, beide eine Tasse Kaffee vor sich, wie schon so viele Male im Laufe der Jahre.
»Jetzt mußt du aber erzählen, was mit Yngvar passiert ist.«
Wie Julie wohl verstehen werde, ist Yngvar nicht bei allen sozialen Schichten in der Stadt gleichermaßen beliebt, sagt Randi. Aber beide haben sie sich Mühe gegeben, »gute Kristiansunder« zu werden, sie haben ihren Dialekt abgelegt und haben das Gefühl, sich gut in dem Milieu, zu dem sie gehören, den Arbeitern, ihrer Klasse, wie Randi sagt, eingelebt zu haben. Sie hat ihn in fast allem unterstützt, aber er kann es ja nicht lassen und engagiert sich für alles, für die großen Dinge genauso wie für die kleinen, und manchmal, meint Randi, weiß er nicht, wo die Grenzen sind. In erster Linie betrifft das die Politik. Er nutzt jede Gelegenheit, sich zum Fürsprecher der Arbeiter zu machen. Bei der nächsten Kommunalwahl hätte er die Chance gehabt, auf einen vorderen Listenplatz der Arbeiterpartei zu kommen, aber wer wird für jemanden stimmen, der Notstandsarbeiter ist? Er ist auch in der Vereinsarbeit engagiert und nicht zuletzt im Sport. Als sie ihn in Kristiania kennenlernte, war er Mitglied in einem Ringerklub. Die Sportvereine, die es hier in der Stadt gibt, hält er für zu bürgerlich. Eine Weile war er mal Mitglied und Trainer in der Ringerriege des Sportvereins Braatt, aber aus diesem Grunde ist er wieder ausgetreten. In letzter Zeit hat er sich für die Gründung von Arbeitersportvereinen in der Stadt eingesetzt, worüber Julie bestimmt etwas in den Zeitungen gelesen habe. Niemand kann bestreiten, daß Yngvar tüchtig ist, zudem hat er Ausstrahlung und Feuer, weswegen er in der politischen Landschaft der Stadt wahrgenommen wird. Auch wenn er viele Anhänger besitzt, so ist es doch kein Wunder, daß er sich auch Feinde gemacht hat, und das sind Menschen mit Macht.
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