Sie geht also in die Telephonzelle. Sie steht in der Hitze und im Dunst der schlechten Zigaretten, die immer in den Polsterzellen geraucht werden. Sie bekommt sehr schnell das Landgericht, das Anwaltszimmer, sie bekommt Dr. Kleesand, den Sozius. „Nein, nein“, sagt Kleesand, „der werte Bräutigam ist noch im Termin. Nichts auszurichten? Nun, die werte Braut kann ja ab übermorgen mit dem Herrn Meimberg alles ausführlich besprechen. Genügt nicht? Sie brauchen ihn gleich? Also gut, dann werde ich vertagen.“
In diesem Augenblick fegt Dr. Alfred Meimberg in seiner Robe ins Anwaltszimmer. „Schweinerei“, flüstert er Kleesand zu. „Vertagt. Ist Quatsch, was der Gegner vorbringt. Aber wir müssen beweisen, dass es Quatsch ist.“
„Herr Doktor Meimberg selbst“, sagt Kleesand in den Apparat.
Zum drittenmal an diesem Vormittag ist die Stimme Alfred Meimbergs am Apparat. Aber dieses Mal ist es wichtiger und schöner als die anderen Male. Was er sagt? Nichts Besonderes natürlich. Dass er gerade einen grossen Ärger schluckt, wegen einer kleinen Niederlage. Der andere war schlauer, und er, Meimberg, hasst diese Art juristischer kniffliger Schläue. So betrachtet, ist er kein guter Jurist. Also dreimal ausgespuckt und zweimal umgedreht. Fertig ist die Sache. Er wird sich nun in die Besprechungen stürzen. Adieu also. Ach richtig, sie wollte wohl auch etwas sagen? Sie muss ihn sprechen? Dringend? Mächtig dringend? Er hat wirklich keine Zeit bis abends. Duldet denn die Sache tatsächlich keinen Aufschub? Also was heisst das: doch und doch nicht. Das heisst doch: doch. Also: es ist jetzt elf Uhr. Um 11 Uhr 45 muss er im Büro in der Kurfürstenstrasse sein. Um 11 Uhr 15 ist eine ganz kurze Besprechung am Potsdamer Platz. Wie bitte? Um 11 Uhr 35 holt Barbara die Tante Anna Löpel von Löffelholz auf dem Anhalter Bahnhof ab? Passt. Er wird um 11 Uhr 30 auf dem Bahnhof sein und steht ihr von 11 Uhr 30 bis 11 Uhr 35 zur Verfügung. Genügt? Genügt lange? Na, geht in Ordnung. Was muss sie tun? Sie muss ihm in die Augen sehen? Bitte, bitte. Sie muss ihm eine Kleinigkeit erzählen, eine Kleinigkeit, die an Herz und Nieren geht? Na, da sind wir ja gespannt auf die Kleinigkeit. Aber nun Schluss. Adieu. Wiedersehen.
Barbara kommt erschöpft aus der Telephonzelle. Sie geht noch hinüber zur Gedächtniskirche, um mit dem Küster die Trauung zu besprechen. Es ist aber gar nichts zu besprechen. „Alles in allerbester Ordnung“, lacht der Küster. „Sie werden sehen, es wickelt sich alles ganz von selbst ab. Und mit einemmal ist man verheiratet. Kann jeder.“ „Kann jeder“, lacht Barbara, „wickelt sich von selbst ab.“
Die Sonne scheint wunderbar. Es ist sehr heiss. Fast alle Frauen tragen leichte, helle Kleider. Ein paar Männer sind in Hemdsärmeln erschienen, in weissen Hosen, in hellen Anzügen. Erdbeerwagen mit Zentnern rotlackierter Erdbeeren, Kirschwagen mit roten und schwarzen Kirschen stehen in den Nebenstrassen. Rosen blühen, Waschkörbe voll, an den Rändern des Gehsteigs. Stadtsommer! Und auf der anderen Seite, in den Schaufenstern, stehen sommerliche Puppen, riesige Puppen in Damengrösse, in Bademänteln, in sehr engen, weitausgeschnittenen Badeanzügen, Puppen in Herrengrösse mit Pomadenscheiteln, in Tennisanzügen. Rucksäcke gibt’s in einem Schaufenster, nur Rucksäcke, Autokoffer, zweihundert Autokoffer in einem anderen, fünfhundert Reisenecessaires in einem dritten, Kochgeschirre und Nagelschuhe, Reisemützen und Wettermäntel, Sandgeräte und Springschnüre für kleine und grosse Kinder, ein paar tausend Bälle in allen Grössen, in Trauben, als Früchte, als Hindernisse ... alles, was man zur Reise braucht. Alle Menschen wollen verreisen. Schön ist es auch zu verreisen. Barbara ist sehr zufrieden. Unten im Herzen ist allerdings noch ein bisschen Unsicherheit. Das spürt sie genau. Rauthammer? Nein, sie denkt nicht an Rauthammer. Sie denkt jetzt, dass sie morgen abend mit Herrn Rechtsanwalt Alfred Meimberg wegfahren wird. Das ist und bleibt komisch. Man kennt sich seit sechs, sieben Jahren. Man hätte ja auch früher zusammen wegreisen können, man hätte vor drei Jahren heiraten können. Aber damals hätte Barbara jeden ausgelacht, der ihr Alfred Meimberg als Ehemann angeboten hätte. Warum nur? Sie sieht doch jetzt, dass Alfred genau der Mann ist, den sie sich gewünscht hat. Hell und übersichtlich, stark und einfach. Körperlich und geistig gut trainiert. Skeptisch und mit Hochachtung vor dem Materiellen. Liebt Geld und Ruhm. Das hat sie gesucht. Das braucht sie. Das ist das richtige für sie. Denn sie selbst hat eine leise Schwäche für die „Verschwimmgebiete“ (Alfreds Ausdruck), fürs Zauberische und Magische (würde sie sagen), fürs Metaseelische (hat der Vater gesagt).
Es ist also alles in Ordnung und – wie hat der Küster gesagt? – wickelt sich von selbst ab. Und jetzt ist es – um Himmels willen! – 11 Uhr 15. Sie muss zur Bahn, Alfred treffen, jawohl Alfred treffen und nebenbei Vaters Schwägerin abholen, Anna Schreiner geborene Löpel von Löffelholz, eine famose Frau, wenn man von ihren Ticks absieht, von ihrem Adelsstolz, von ihren Kinoideen, die sie aus Opposition zu ihrem Mann pflegt, zu Otto Schreiner, Gera, Besitzer der Nadelfabrik Schreiner u. Co., dem dicken, gescheiten Bruder des Vaters.
Barbara setzt sich in ein Auto. Sie kommt um 11 Uhr 27 am Anhalter Bahnhof an. Alfred? Eigentlich könnte doch Alfred schon dasein. Sie sucht die Fahrkartenhalle ab, sie läuft die Treppe hinauf. Alfred? Sie steht in der Bahnhofshalle, die immer gewittrig aussieht, weil die Glasscheiben verregnet und verrusst sind. Sie geht schnell den ganzen Bahnsteig ab. Alfred? Sie muss ihn sprechen, bevor der Zug einläuft. Sie muss ihm die Begegnung mit Rauthammer erzählen. Dann erst ist die Sache abgetan und ungefährlich. Ausserdem hat sie es sich als Liebesorakel gesetzt. Alfred muss kommen.
11 Uhr 30. Es läutet. Die Gepäckträger kommen. Ganz hinten auf den besonnten Schienen tritt eine gewaltige Lokomotive ins Bild, sie pustet und stampft. Sie steht und holt Atem. Alfred! Alfred!!
Alfred kommt in dieser Sekunde unten am Bahnhof an. 11 Uhr 33. Er saust durch die Vorhalle. Links die Treppe hinauf. Hinten in der Sonne setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Er muss vor dem Zuge bei Barbara sein. Er hat es versprochen, er wird es halten. Bahnsteigkarte! 20 Pfennig? Moment mal: ein Groschen, zwei Pfennig, eine Büroklammer, Gott sei Dank, ein zweiter Groschen. Ein Groschen ... zwei ... die Groschen rollen wieder aus dem Schlitz. Der Automat hat keine Karten. Barbara presst ihre Tasche fest gegen ihr Herz. Was liegt an einem Orakel? Sie ist doch nicht abergläubisch. Wenn Alfred eben nicht kommen kann, dann wird ihre Ehe trotzdem sehr glücklich, und die Sache mit Rauthammer kann sie ihm am Abend erzählen. Die grosskopfige Lokomotive betritt jetzt wirklich den Gewitterbahnhof. Alfred?
Alfred drängt sich durch die Sperre. Der Beamte hält ihn auf. Die Karte bitte. Wenn der Automat keine Karte hat ... Unten in der Halle gibt es zwei Automaten. Da muss der Herr eben unten in die Halle gehen. Alfred schreit, dass er keine Zeit hat in die Halle zu gehen. Hier sind 20 Pfennig, hier sind 50 dazu. Er hinterlegt sie als Sicherheit. Der Beamte schreit, dass er nach seiner Vorschrift handeln muss und dass dort nichts von Hinterlegen drinsteht. Die Lokomotive ruckelt schwerfällig durch die Halle.
Alfred hat versprochen, vor dem Zuge auf dem Bahnsteig zu sein. Er wird also vor dem Zuge auf dem Bahnsteig sein. Er tritt zehn Schritt zurück, er misst mit den Augen die Höhe des Bahnsteigzaunes. Wenn er hängenbleibt, ist es um den schönen hellgrauen Anzug geschehen. Gut – das ist dann die Bezahlung für Unpünktlichkeit. Also zehn Schritt Anlauf, ein Riesenschwung: ein hellgrau gekleideter Herr, Alfred Meimberg, Dr. jur., Rechtsanwalt an den Landgerichten, Notar, springt über den Zaun. Saust über den Bahnsteig, gefolgt vom Gelächter der Wartenden und vom Geschrei des eifrigen Schaffners.
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