„Schade“, sagt Rauthammer. „Ich habe es wohl geahnt, aber ich habe es doch nicht genau gewusst. Sehr schade.“
„Vielleicht ist es schade gewesen, vielleicht auch nicht“, antwortet Barbara, „das ist ja nun alles einerlei.“
Sie steht schnell auf. Auch Rauthammer hat sich erhoben.
„Es ist ganz und gar nicht einerlei“, sagt er scharf, „ganz und gar nicht. Denn wenn etwas jemals war, so ist es immer ... das ist doch klar.“
Barbara erschrickt. Das hat sie vor ein paar Monaten ihrer Freundin Sophie Wahnke gesagt. Und Sophie Wahnke hat gelacht. Sie kann sich das nicht denken. Aber es ist wirklich wahr: wenn man jemals geliebt hat, liebt man immer. Es gibt ewige Liebe oder eine, die nichts wert ist. Ganz klar.
Sie steht vor Rauthammer, nur durch einen Kaffeehausstuhl getrennt. Sie sieht auf seine Krawatte, eine hellblaue Krawatte mit weissen Punkten. Sie hebt ihre Augen und blickt in seine Augen, die braunen ruhigen Augen in dem unruhigen Gesicht. Sie erinnert sich ganz genau an die Stunden vor fünf Jahren am Bett Rauthammers. Wie er ihr den Sinn des Lebens erklärt hat oder doch seinen Lebenssinn: Aktivität, Rhythmus, Willen. Das seien die drei Grundphänomene, aus denen sich Aufstieg und Abstieg, Leben und Tod ergäben. Der Sieg des Willens über die Materie, das sei die ewige Aufgabe jedes Menschen. Begriffen nur von wenigen. Durchgeführt nur von einzelnen. Diese einzelnen müssten sich zusammentun, müssten sich stärken. Ja, sie gehörten zusammen nach dem Lebensgesetz, einerlei, was die Gesetze der einzelnen Leben und die Zufälligkeiten der einzelnen Schicksale über sie beschlössen. Man sieht, eine recht allgemeine Theorie, gut angespitzt für den Gebrauch in dieser Liebesangelegenheit. Damals aber hat Barbara das alles geglaubt. Auch nachher noch, als Rauthammer schon abgereist war. Bis eines Tages – vor ihrer Abreise nach China – Frau Rauthammer zu ihr kam, eine hochmütige, kalte Frau, um „gewisse Illusionen“ zu zerstören, um „bestimmte, rein äussere Tatbestände“ festzustellen (dass sie nämlich Herrn Rauthammer niemals freigeben würde, niemals), um „das Fräulein Schreiner vor den Nebelreichen der Rauthammerschen Gedankenwelt zu warnen“, denen eine „recht brutale Tatwelt“ gegenüberstünde.
An wieviel kann man in zehn Sekunden sich erinnern! Wieviel kann man zweimal, dreimal in einer Sekunde wieder spüren.
„Also jetzt gehe ich wirklich“, sagt Barbara endlich, „leben Sie wohl.“
Rauthammer nickt. Er kann sie nicht länger halten. Er begleitet sie nur noch bis zum Ausgang aus dem Café. Er geht neben ihr, lächelnd und freundlich wie immer. „Übrigens“, sagt er am Ausgang, als hätte er doch die Macht, Gedanken zu lesen, „übrigens starb meine Frau vor vier Jahren in Hsinking. Bald nachdem sie aus Deutschland nachgekommen war. Ganz plötzlich ... Denken Sie ...“
Er hält Barbaras Hand, als könnte er sie mit dieser Nachricht festhalten.
„Das tut mir leid“, sagt Barbara höflich, „sie war eine sehr schöne Frau.“
„So“, sagt Rauthammer, „Sie kannten sie also doch. Sie war also doch bei Ihnen. Ich dachte es mir.“
Barbara nickt. Sie macht ihre Hand los. Sie geht an Rauthammer vorbei auf die Strasse. Sie hört ihn noch sagen: „Jetzt wird mir manches klarer. Nur nicht, warum Sie ihr geglaubt haben. Nein ... das müssen Sie mir noch erzählen.“ Und indem er noch ein paar Schritte hinter ihr hergeht: „Wir sehen uns noch vor Ihrer Abreise. Unbedingt. Sagen Sie mir, wann ich Sie sehen kann ...“
Barbara bleibt stehen und sieht ihn böse an. Sie schüttelt abwehrend den Kopf. Er muss doch sehen, dass sie ganz und gar nicht mehr will. Ewige Liebe? Unsinn ... das war keine Liebe. Das war ... das war Lüge ... und Betrug ... das war ...
Sie dreht sich um und geht ganz schnell weg. Sie läuft beinahe. Sie läuft an einem grossen Kino vorbei. Sie sieht die riesigen Plakate verschwimmen. Durch ihre Tränen lächelt eine geschminkte Dame aus Hollywood. Barbara weint. Aus Schmerz, aus Zorn ... oder doch aus Liebe? Sie weiss es selbst nicht.
Zehn Minuten später scheint alles ausgestanden. Barbara hat sich in die dunkle Ecke eines andern Cafés geflüchtet. Draussen vor den offenen Scheiben blendet der Berliner Sommertag. Farbig, hell, lärmend.
Barbara prüft sich ruhig und sachlich. Spürt sie noch etwas? Ja, ein bisschen Herzklopfen. Ist nicht merkwürdig. Sie hat Rauthammer ja geliebt. War natürlich ein grober Fehler, das zuzugeben. War aber anständig. Und in Gefühlsdingen wollen wir doch anständig sein. Nobel, sehr sauber, peinlich genau wie bei Operationen. Sie weiss doch, was für entsetzliche Folgen die geringste Nachlässigkeit haben kann. Also bitte sauber!! Mag er ruhig bestätigt kriegen, was er sowieso gewusst hat. Obwohl es eben doch eine Frage ist: Hat sie ihn wirklich geliebt?
Sie sieht wieder das enge kleine Zimmer in der Klinik mit dem Blick auf den Stamm einer Pappel, mit einem Stück Himmel, der begrenzt war von einem Fabrikschornstein und einem Balkon. Es war der Februar in jenem kalten Winter, in dem irgendwo die Kohlenkähne für Berlin einfroren, in dem im Kohlenkeller des Krankenhauses noch für einen Tag Kohlen waren und der Vater wirklich aufgeregt wurde, saugrob mit einigen Ministerien und Behörden telephonierte, man solle lieber ein Finanzamt oder ein paar Schulen zumachen, ehe man seine Kranken erfrieren liesse.
Damals war Barbara noch Pflegeschwester ... Die meisten Männer waren etwas in sie verliebt. Ist ja klar: wenn man das Leben wiederkommen spürt, oder den Tod herannahen fühlt, wird man „gefühlig“. Eines Tages aber hatte sich die Schwester Barbara auch in einen Patienten verliebt, in den Kaufmann Karl Rauthammer aus Schantung, China. Warum?
Barbara weiss es nicht mehr genau. Wahrscheinlich fühlte sie sich doch geehrt, als sie merkte, dass sie in diesem kalten Menschen, in dem witzigen, welterfahrenen Mann ein Feuer anzündete. Es war also im Anfang eine ganz durchschnittliche Geschichte. Wurde nur langsam gefährlich. Abend für Abend sass Barbara an seinem Bett. Zwischen Hitze und Kälte. Denn die Heizung funktionierte natürlich. (Schreiner hatte die Kohlen bekommen, die er brauchte, selbstverständlich.) Aber das Fenster musste immer aufstehen. Denn Rauthammer litt unter Beengungen. War die weiten gelben Ebenen gewöhnt, die weiten offenen Zimmer, den ganzen Sternenhimmel nachts ... Heiss und kalt war dieser Februar. Er verlangte eine grossartige Liebe von ihr, eine Liebe, die so stark sein sollte wie alle andern Mächte der Welt zusammen. (Sonst würde man nicht mit ihr durchkommen, sonst hätte sie keinen Zweck.)
Barbara denkt an jenen Abend, da er sie bat, mit nach China zu gehen, in jene Welt, „in der noch tiefe Gedanken und grossartige Gefühle soviel gelten wie die Wirklichkeit der Europäer“. Da er ihr sprach von „den arktischen Zonen der reinen Gedanklichkeit, in denen man erst das freie Atmen lernt und die man beherrschen muss, ehe man es wagen darf, die tropische Gefühlswelt wuchern zu lassen“.
Barbara, die jetzige Barbara, wundert sich, dass sie damals unter diesen betäubenden Gedanken wach blieb. Vielleicht aber weckte sie auch der Vater. „Nein ... nichts für dich“, sagte der Professor eines Tages, als er mit ihr zusammen das Zimmer Rauthammers verliess.
„Was ist nichts für mich?“ fragte Barbara. Aber der Vater hatte bereits die Tür zum nächsten Krankenzimmer aufgerissen, stand, ehe er hätte antworten können, über einen anderen Patienten gebeugt.
Hat sie Rauthammer nun geliebt? Sie kann es nicht entscheiden. Die Zärtlichkeiten dieser Liebe sind schnell aufgezählt. Es waren erstens ein Handkuss, den er ihr unvermutet gab, und zweitens ein Kuss auf die Stirn, den sie ihm gab. War das Liebe? Sie kann es nicht entscheiden. Aber sie kann eine Art Orakel anrufen. Wenn z. B. zwischen ihr und Alfred Meimberg eine wirkliche Liebe ist – und davon ist sie fest überzeugt –, dann muss er jetzt mit seinem Termin gerade fertig sein. Dann muss sie ihn im Anwaltszimmer erreichen können, dann muss er zwischen seinen Besprechungen zehn Minuten Zeit aufbringen, um sie irgendwo doch noch zu treffen. Ist das zu kindlich? Richtig ist es, ganz richtig!
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