Neuanfang, ohne neu anzufangen
Keine Insolvenz. Immer noch Bundesliga. Nach wie vor Borussia Dortmund. Es ging also weiter für den BVB. Überall in Deutschland, überall auf der Welt konnte man Menschen finden, die sich mit einer vorher selten erlebten Erleichterung Schweißperlen von der Stirn wischten. Ich war einer von ihnen. Und es waren verdammt viele und verdammt dicke Schweißperlen.
Der Molsiris-Spuk fand bekanntlich an einem Montag statt, sodass Mannschaft und Fans tatsächlich einige Tage blieben, um das Erlebte bis zum kommenden Spieltag zumindest ein Stück weit zu verarbeiten. Ein paar Wochen wären wohl angebrachter gewesen, aber fünf Tage taten es dann auch.
Der BVB war gerettet, und die Vorfreude auf das nächste Bundes-ligaspiel hätte größer nicht sein können. Zum ersten Mal wurde mir die Bedeutung der Worte „das nächste Bundesligaspiel” bewusst und auch, wie scheinbare Selbstverständlichkeiten leider viel zu selten gewürdigt werden. Der BVB und ich durften also nach Hamburg fahren und weiterhin um Bundesligapunkte kämpfen. Die Tour in den Norden empfand ich dementsprechend als etwas Besonderes. Beim Bundesliga-Dino im Volkspark. Ein würdiger Rahmen für einen Neustart.
Den Vorhang wieder weit geöffnet, alle Beteiligten brannten auf die Vorstellung in der Hansestadt. Und was das Publikum zu sehen bekam, glich ganz großem Kino.
Jetzt aber genug vom Trailer und rein in den Film:
Freitagnachmittag. Unterricht irgendwie über die Zeit gebracht. Kribbeln im Bauch. Nur noch einmal schlafen, dann ist wieder Borussia. Auswärts. Im Norden. Nach der Fast-Pleite.
Zu dieser Zeit war es für mich ohnehin normal, die Nächte vor LiveSpielen mit unruhigem Im-Bett-Hin-und-Herwälzen zu verbringen, statt ins gelobte Träumeland zu entschwinden. Noch lebte ich in Eisenhüttenstadt, läppische 580 Kilometer von Dortmund entfernt. In den Anfangsjahren des sagenumwobenen 21. Jahrhunderts konnte ich aufgrund dieser enormen räumlichen Distanz zum Westfalenstadion (und so gesehen auch zu allen anderen Bundesligastadien) froh sein, wenn ich am Ende einer Spielzeit 15 Begegnungen mit Dortmunder Beteiligung in meine Buli-Liste eintragen konnte. Hinzu kam mein blödes, weil für einen Führerschein zu junges Alter. Für 600 Kilometer mit dem Fahrrad fehlten mir bei aller schwarz-gelber Hingabe die nötige Motivation und so ein bisschen vielleicht ja auch die Oberschenkelmuskulatur.
Hamburg war da mit einer Anreise von 400 Kilometern noch sehr machbar. Ein Wochenendticket und knapp zwölf Stunden mit dem öffentlichen Nahverkehr. Ein Hauch von Paradies.
Im Zug sitzend – Zeit war ja genügend vorhanden –, machte ich mir auf solchen Touren meist heftige Gedanken über die bevorstehende Partie. Voraussetzung dafür war allerdings, dass meine Begleiter – BVB-Fans aus meinem direkten Umfeld – sich ganz den musikalischen Darbietungen der trendigen Innovation jener Zeit hingaben. Besser bekannt als MP3-Player. Während nervig anmutende Bässe aus den knuffigen Ohrstöpseln drangen, dachte ich über Personalrochaden und taktische Ausrichtungen nach. Kehl leicht angeschlagen. Dede rückt ins Mittelfeld. Wer bekleidet dann die Linksverteidigerposition? Das übliche Gedankengut eines engagierten Anhängers, dessen Meinung genauso viel zählt wie die eines stillgelegten Flutlichtmastes. Fußballalltag ist, was ihr draus macht. Und mein Spieltagsalltag sah eben so aus.
Der besonderen Aura, die sich über die Partie beim HSV legte, konnte ich mich jedoch nicht entziehen. Borussia auswärts. Anreise mit der Bahn. Alles war wie immer. Molsiris-Entscheidung vor vier Tagen. Keine Insolvenz. Alles war komplett anders. Meine Gedanken kreisten weder um die Rotsperre von Abwehrchef Wörns noch um die Formschwäche von Knipser Ewerthon. Taktikfuchs und Hobbycoach hatten Pause. Für dieses Spiel. Vielleicht ja sogar für den Rest der Saison. Diesmal galt es, demütig zu sein und jede Minute der Auswärtsfahrt so zu genießen, als sei es die letzte. Verbunden mit der schüchternen Hoffnung, die vorhandene Asche würde in absehbarer Zeit die Grundlage für eine blühende BVB-Landschaft sein.
Voller Demut also blickte ich aus dem Zugfenster, draußen rauschte die frühlingshafte Natur an mir vorbei. Noch kurz wirre Gedanken sortieren. Vergangenes Wochenende die Heimniederlage gegen einen überlegenen VfB aus Stuttgart. Der Vorabend einer Daumenhoch-Daumen-runter-Entscheidung. Die besondere Atmosphäre der schwarz-gelben Einheit, stolz ausgedrückt in einem Spruchband, das Mannschaft und Fans für die Westtribüne vorbereitet hatten: „Ihr für uns und wir für euch!” Einsame Kälte nach dem Abpfiff. Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen: Borussia Dortmund wird nie untergehen. Wie ein helles Licht in der dunkelsten Stunde.
Dann stand ich am Berliner Ostbahnhof, wo ich umsteigen musste. Auf dem Bahnsteig erntete ich die ersten Reaktionen auf den gelben Schal, der meinen Hals bedeckte: „Da habta aber janz schön Glück jehabt, dassa noch inna Bundesliga spielen dürft, wa!”
Bei diesen Wochenendreisen quer durch die Bundesrepublik trafen die einen zu den Stadien pilgernden Fans zwangsläufig auf andere zu Stadien pilgernde Fans. Wobei die Hertha-Anhänger zu dieser frühen Stunde – es war gerade mal halb zehn – sicherlich noch nicht zum Olympiastadion unterwegs waren, sondern eher zum nächsten Getränkemarkt. Mit 16 Jahren und cool, wie ich war, zog ich routiniert ein Mixbier aus meinem Rucksack, nickte lässig und steuerte Richtung Rolltreppe. Der Herthaner wirkte etwas überrascht. Vielleicht hatte er eine Antwort erwartet. Ich musste ihn enttäuschen. Die Situation, auf andere Fans zu treffen, hatte sich durch die Fast-Insolvenz logischerweise nicht geändert – die Inhalte der Kommunikation allerdings schon. Beschränkten sich Kommentare vorher auf Sportliches, hielten jetzt zum ersten Mal wirtschaftliche Aspekte Einzug in die kleinen Neckereien. Das musste ich erst einmal sacken lassen. Die Fahrt nach Hamburg wurde planmäßig fortgesetzt. Ohne Verspätungen, ohne weitere dubiose Zusammentreffen.
Es war eine Wohltat, schon am Hauptbahnhof der Hansestadt viele schwarz-gelbe Farbtupfer in den grauen Hallen dieses in die Jahre gekommenen Altbaus zu erkennen. Bei diesem Anblick kam ich nicht umhin, mir im Bahnhofsshop ein Alsterwasser zu besorgen. Mithilfe der öffentlichen Verkehrsmittel ging es dann raus zum Volksparkstadion, wo die Farbe Gelb noch verheißungsvoller wirkte als im Bahnhof.
Dann war es endlich so weit. Der magische Moment. Anpfiff. Wir waren noch da, wir atmeten noch Bundesligaluft. Und nach zehn Minuten war sie wieder da, die Fußballekstase. Der BVB führte beim Favoriten überraschend schnell durch ein Tor von Rosicky. Der Jubel im Gästeblock war anders als sonst. Als meine Arme noch wild durch die Gegend flatterten, meine Beine aber wieder festen Boden spürten, blickte ich mich kurz um. Die Gesichter aller Fans sprachen Bände. Dieses Tor hatte Symbolbedeutung. Für Borussia Dortmund und damit auch für jeden von uns.
Da störte auch der Ausgleich wenig später nicht sonderlich. Die Mannschaft ging mit einem Unentschieden in die Kabine – bis dahin schon eine beachtliche Leistung, betrachtete man die letzten Wochen. Bitter war nur, dass Jan Koller mit einer Muskelverletzung schon früh das Handtuch werfen musste. Doch so wie am vergangenen Spieltag noch alles gegen Schwarz-Gelb zu laufen schien, sollten die Rückschläge an diesem Wochenende keinen Beinbruch darstellen. Auch nicht, als Paule Beinlich einen Freistoß zur hanseatischen Führung verwandelte. Wir waren abgehärtet, ja fast schon immun gegen solche Lappalien. Weniger als fünf Minuten hielt der HSV das 2:1. Dann netzte der Dortmunder Jung’, Lars Ricken, zum Ausgleich ein. Party im Block. Und der Wahnsinn ging noch weiter. Insolvent Geglaubte leben länger. Der für Koller eingewechselte Ewerthon machte die Überraschung perfekt. Drei zu zwei. In Hamburg. Gegen einen Kontrahenten, der mit Europapokal-Ambitionen in die Begegnung gegangen war. Zu Recht ließ sich die Mannschaft nach Abpfiff ausgiebig feiern. Ein Auswärtssieg, für den es eigentlich eine eigene Kategorie geben müsste.
Читать дальше