Wilhelm Ernst Asbeck
Wetterleuchten über dem Schwarzwald
Die Schicksalswege der Berghofdorer
Erzählt
Saga
Wetterleuchten über dem Schwarzwald
© 1939 Wilhelm Ernst Asbeck
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517857
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
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Erster Teil.
Vor einem hohen, finsteren Haus der 29. Strasse in New York hält ein Wagen. Zwei Männer entsteigen ihm und heben eine Bahre heraus. Zerlumpte Kinder eilen herbei. Vorübergehende bleiben stehen und bilden eine Gasse zwischen dem Hauseingang und dem Wagenschlag. Aus einem dunklen Loch der Mietskaserne wird ein Elender hervorgeholt. Seine Augen liegen tief in den Höhlen, das Antlitz ist von Falten zerfurcht. Er gleicht kaum noch einem menschlichen Wesen, eher schon einem Skelett.
Neugierig, ohne Mitempfinden, gaffen die Umstehenden. Mancher von ihnen wird einst genau so enden. Aber was macht es aus, wenn ein kleines Menschenlicht unter Millionen verlöscht? Täglich werden neue Menschen geboren, täglich speien die Schiffe der alten Welt frische lebende Fracht an die Küsten Amerikas. Pah, jeder muss seine Ellbogen rücksichtslos gebrauchen, um nicht im Strudel des Existenzkampfes zu versinken.
„Old Jim kommt auch nicht wieder!“ sagt eine Frau laut, so dass es der Kranke hören muss; ihre harten Gesichtszüge verzerren sich zu einem abstossenden Lachen.
Der alte Jim hat nicht weit zu fahren. Am Ende der Gasse steht ein langgestrecktes, düsteres Gebäude. Es sieht eher einem Gefängnis als einem Krankenhaus ähnlich. Wie zum Hohn glänzen über dem Tor die Worte „Bellevue-Hospital!“.
Wenige Tage später wird Jim wieder auf eine Bahre gelegt. Er spricht nicht mehr, er klagt nicht mehr. Er ist erlöst. Einige Männer stehen um ihn herum. Der eine nimmt, wie es die Anstaltsvorschrift erfordert, die Fingerabdrücke vor. Ein anderer hat ein dickleibiges Buch aufgeschlagen. Auf den Kopf des Blattes klebt er das Lichtbild des Toten und lässt einen Raum für die Fingerabdrücke frei.
Er schreibt:
„Gestorben: 20. Februar 1850.
Todesursache: Hungertyphus und übermässiger Genuss von Rauschgift.
Grösse: 1,64 Meter.
Haar: weiss, stark ergrauter Vollbart.
Hautfarbe: gelb.
Augen: schwarz.
Besondere Merkmale: keine.
Verheiratet: nein.
Angehörige: keine.
Name: Anton Beha, genannt Dorer.
Geboren: am 10. August 1795 als uneheliches Kind der Rosa Beha im Bregtal unweit Vöhrenbach im Schwarzwald, Deutschland.“
Der Name wird rot unterstrichen, denn es ist selten der Fall, dass die ins Bellevue-Hospital Eingelieferten Papiere bei sich tragen. In grossen Schriftzügen wird noch die laufende Nummer 20 456 vermerkt.
Das ist also das Ende des alten Jim, wie ihn die Leute im Elendsviertel riefen. Auf Nahrung hatte er in den letzten Jahren manchen Tag verzichtet, aber sein geliebtes Rauschgist konnte er nicht missen. Immer neue Mittel und Wege fand er, um es sich zu beschaffen. Er wusste, es würde ihn vorzeitig zu einem hinfälligen Greis machen und früh ins Grab bringen. Er wollte es so!
Liebe, Treue und Rechtschaffenheit waren ihm Begriffe gewesen, über die er sich lachend hinwegsetzte. Doch je älter er wurde, desto hartnäckiger packte ihn das Heimweh. Er hatte ehemals nur einen Freund, Karl Deubner, der mit ihm herübergekommen war. Ihm vertraute er sich eines Tages an; er schämte sich zugleich seiner Schwäche und fürchtete, verspottet zu werden. Aber Karl erging es wie ihm. Beide hatten gleichviel auf dem Kerbholz, der eine war nicht besser als der andere. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland gaben sie sich der Hoffnung hin, unerkannt zu bleiben. Ein verhängnisvoller Irrtum! Die von ihnen früher um Hab und Gut betrogenen Uhrmacher bereiteten ihnen einen heissen Empfang. Den Karl fand man erschlagen beim Galgen im Stöcklewald, den Anton retteten nur seine schnellen Füsse. Anton ging wieder dahin, woher er gekommen war. Fortan war ihm die Heimkehr verwehrt. Die wilde Sehnsucht nach den Bergen und Wäldern ergriff ihn aber nur noch stärker und machte ihn krank. Die von ihm einst missachtete Heimat rächte sich!
Als es ans Sterben ging, hatten diese Bilder noch einmal Gestalt angenommen. —
In den Kellergewölben des Bellevue-Hospitals reiht sich in den Wandverliessen Sarg an Sarg; solche, nicht grösser als ein Schuhkarton, und auch solche, die die Körper von Riesen Bergen. Alle sind hier gleich, ob sie im Leben Grafen, Landstreicher, Bettler oder Verbrecher waren. Alle ruhen in Särgen, die aus ungehobelten Brettern bestehen, auf denen ihre Nummer und das Datum des Todestages gemalt sind. Auch Nummer 20 456 vom 20. Februar 1850 ist hier aufgestellt.
Das Leben der aufgebahrten Toten glich wohl einem Roman. Viele hatten Tage des Glanzes und Reichtums gesehen, bevor sie im Sumpf New Yorks untergingen; andere kannten nur Hunger, Not und Elend. Jetzt ruhen sie Seite an Seite; die am Hunger Gestorbenen, die durch ekelhafte Krankheiten Verendeten, die Selbstmörder und die Verunglückten. Das Armenhospital hatte Menschen jeden Alters und jeder Nation geborgen, aber bis zu Anton Beha, genannt Dorer, sind es ihrer erst armselige 20 456 gewesen. Noch Hunderttausende werden im Laufe der Jahre Blatt um Blatt, Buch um Buch füllen.
Die Torflügel werden aufgerissen. Zwei Lastwagen poltern über das Pflaster. Sie sind mit siebzehn Holzsärgen beladen. An den Fassaden vornehmer Häuser, den prunkvollen Schaufenstern der Geschäfte und Kaufhäuser, an lachenden Menschen und spielenden Kindern geht die Fahrt vorüber. Niemand kümmert sich um die unheimlichen Fuhrwerke. Kaum, dass hin und wieder jemand einen Blick voll Abscheu und Grauen hinüberwirft. Die da einhergehen, stehen ja noch mitten im Leben!
Das Gewühl der verkehrsreichen Strassen der Innenstadt liegt nun hinter den Fahrern. Einsamer werden die Gassen, schneller greifen die Pferde aus. Die letzten Häuser der Vororte entschwinden. Die Gespanne rollen über die Landstrasse. Nur Felder und Wiesen breiten sich an ihr aus. Endlich ist die Küste erreicht. Ein Stück geht’s am Strand entlang. Dann wird Halt gemacht. An der Brücke wartet schon die Fähre. Drüben erhebt sich aus dem Wasser Potters-Field, das Ziel. Es gibt kaum eine traurigere Stätte auf Erden. Sie ist der Friedhof der Namenlosen. Kein Grabkreuz, keine Blume, kein Strauch unterbrechen die trostlose Eintönigkeit der Zementplatten, die sich in unabsehbarer Folge aneinanderreihen. Sie tragen keine Inschrift, keinen Namen. Nur Nummern.
Jetzt wird Nummer 20 456 mit sechzehn Leidensgefährten ins Grab gesenkt. Kein Priester, kein Angehöriger steht an der Gruft. Keiner weint den Verstorbenen eine Träne nach. Sie sind vergessen und verschollen.
Sträflinge verrichten die Arbeit der Totengräber. Ein Beamter des Hospitals vergleicht die Zahlen auf den Särgen mit einem Buch. Die Erdschollen klatschen in die Tiefe.
Hier auf Potters-Field, der Insel der Unbekannten, ruht der Uhrenträger Anton Beha, genannt Dorer. Seine Spur ist ausgelöscht. Niemand auf der weiten Welt wird nach seinem verfehlten Leben fragen. Ja, alter Jim, das Schicksal ist hart, aber es ist gerecht: so wie du dich bettest, so schläfst du!
*
Zur gleichen Stunde, als dieses geschah, kauft ein Egidi Dorer aus dem Nachlass seines verunglückten Vetters Sepp den verfallenen Berghof, der — so weit Menschen im Bregtal zurückdenken können — im Besitz der Familie Dorer gewesen ist.
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