„Ach, du!“ kam es verstimmt aus dem hübschen Munde, und der schmale Körper drehte sich mit einem energischen Ruck auf die andere Seite. „Laß mich weiterschlafen, Marlene, ich bin noch so schrecklich müde.“ Verhaltenes Lachen folgte plötzlich, und mit einem neuen Ruck saß Elinor im Bette aufrecht. „Es war gestern abend großartig bei Käthe Klein. Die Kleins sind viel modernere Menschen als Vater und Mutter. Käthe hat getanzt, ach, du, hat die Talent! Vielleicht könnte man es auch wie sie, aber unsereins darf so was ja gar nicht riskieren. Ich glaube, Vater würde mich in eine Kaltwasserheilanstalt stecken, wenn ich mich vor unseren Gästen so zeigte, wie sich Käthe Klein gestern vor ihren Gästen gezeigt hat. Erst als Spanierin, na, das ging ja noch, da hatte sie einen weiten Rock an und einen andalusischen Hut auf, danach kam sie als Jockey in hohen Lackstiefeln, mit gelb und weiß gestreifter Jockeymütze, die hintenweg auf dem weißblonden Haar saß.“ Sie kicherte vergnügt. „Ich sage dir, entzückend sah sie aus, und getanzt hat sie — getanzt!“ Sie nickte Marlene zu. „Du bist ja für so was nicht und hockst lieber zu Hause, wenn du auch gerade kein Spielverderber bist. Übrigens, Gert Wendemann war auch da. Aber ich glaube, der ist ’n bißchen so wie du. Nach Käthes Tanzen hat er einen Flunsch gezogen und mich gefragt, ob mir so was gefalle. Ich habe auch einen Flunsch gezogen und versichert, so was gefiele mir gar nicht.“ Sie machte ein spitzbübisches Gesicht. „Ich mußte das doch tun, weil es möglich ist, er redet zum Vater vom gestrigen Abend.“ Sie seufzte. „Hoffentlich hält er den Schnabel, sonst verbietet mir Vater vielleicht gar, mit Käthe so viel zu verkehren, und sie ist doch die amüsanteste und schickste von all meinen Freundinnen.“
Marlene hatte still zugehört. Ihre braunen Augen blickten zärtlich auf die Jüngere.
„Steh jetzt vor allem gleich auf, Liebling, sonst kommst du unpünktlich an den Frühstückstisch, und du weißt, das kann dein Vater nicht ausstehen, das verstimmt ihn. Du bist doch sein Sonnenschein.“
„Na, denn man los!“ seufzte Elinor etwas burschikos und schob sich aus dem Bett. „Wie lange habe ich noch Zeit?“ Sie warf einen Blick auf die schmale, weiße Kastenuhr, die zu der Möbeleinrichtung des Zimmers paßte. „Uijeh, bloß zwanzig Minuten. Komm, Marlene, hilf mir rasch, sonst schaffe ich es doch nicht mehr.“
Sie ließ sich dann von Marlene in die Kleider helfen und das Haar bürsten.
Sie nahm alles hin ohne besonderen Dank. Elinor war es seit frühester Kindheit eine Selbstverständlichkeit, von der Älteren verwöhnt zu werden. Wie eine gute Kammerzofe bediente Marlene die junge Kusine.
Sie waren wie Schwestern zusammen aufgewachsen, aber Marlene neigte ein wenig dazu, die Jüngere zu bemuttern. Sie war fünf Jahre älter und um zehn Jahre reifer als der Irrwisch Elinor.
Ewald Förster betrat gleich nach den beiden jungen Mädchen das Eßzimmer. Frau Wanda waltete am Tisch schon ihres Amtes als Hausfrau.
Ewald Förster begrüßte die Mädchen mit einem Wangenkuß, Elinor gab er noch einen zärtlichen Schulterklaps. „Na, Elinor, wie ist es, hast du dich gestern bei Kleins gut unterhalten?“
Sie nickte. „Ach ja, es war ganz nett, Vati.“
Es klang so obenhin, als hätte sie sich beinahe gelangweilt. Marlene mußte daran denken, wie begeistert Elinor noch vorhin von dem Fest bei ihrer Freundin geschwärmt. Sie wunderte sich immer wieder darüber, wie es Elinor verstand, jedem das zu sagen, was ihr für die betreffende Person am richtigsten schien.
„Am schönsten ist es bei uns, Vati“, schwärmte die kleine Komödiantin, „so hübsch wie bei uns finde ich es nirgends. Die anderen verstehen keine Feste zu feiern.“
Ewald Förster strich über seinen graugesprenkelten Scheitel.
„Hast Beobachtungsgabe, Mäuschen; aber ich meine auch bei uns geht es, wenn wir Gäste haben, am lustigsten und nettesten zu.“
Die beiden Mädchen begleiteten Ewald Förster nach dem Frühstück bis hinüber zur Fabrik. Auf halbem Wege begegnete den drei Gert Wendemann, der Prokurist der Fabrik. Er grüßte respektvoll, und man ging gemeinsam weiter. Gert war dreißig Jahre und Ewald Försters rechte Hand. Er war so groß wie sein Chef, aber schmaler. Sein Gesicht war dunkelgetönt und ziemlich scharf, die hochgesattelte Nase sprang ein wenig vor.
Elinor schritt mit dem Vater voran, Marlene folgte an der Seite Gerts.
Gert Wendemann war als Neuzehnjähriger, nach bestandenem Abiturium und dem Besuch einer Handelsschule, als Lehrling in die Fabrik Försters eingetreten und hatte sich hier bis zum Posten eines Prokuristen emporgearbeitet. Er kannte die beiden Mädel seit elf Jahren. Er hatte sie beide noch als Kinderchen draußen auf dem Fabrikgelände herumspielen sehen mit Reifen und Ball und hatte ihnen geholfen, im Herbst große Drachen steigen zu lassen, obwohl das eigentlich mehr ein Jungenspiel war. Jetzt aber tanzte er mit ihnen, wenn er sie zuweilen in Gesellschaft traf, oder wenn er von seinem Chef eingeladen wurde. Offiziell sollte Elinor noch keine Bälle mitmachen, aber bei kleinen Hausfestlichkeiten, bei Geburtstags- und Hochzeitsfeiern nahm man es nicht so genau mit dem wunderhübschen, lebhaften Geschöpf. Jedermann war in das Püppchen mit dem glänzenden, dunklen Haar und den reinen, tiefblauen Augen vernarrt. Sie hatte so eine eigene Art, die langen, dunklen Wimpern aufzuschlagen und zu lächeln, daß man sofort in ihrem Bann war.
Sie lachte eben laut. Eine Reihe klingender Töne, die einem Musikinstrument entlockt zu sein schienen, ließ das zweite Paar aufhorchen, und unwillkürlich sahen sich Marlene von Bergener und Gert Wendemann mit einem Lächeln an.
Gert sagte leise: „Elinors Lachen ist so harmonisch, wie ich noch nie ein Lachen gehört habe.“
Marlene erwiderte mit Zärtlichkeit: „Elinor versteht es, mit so einem Lachen ihrem Vater die böseste Stimmung zu verscheuchen. Worüber der klügste Mann mit meinem Onkel nicht fertig würde, das regelt meine kleine Elinor mit einer Reihe von melodischen Tönen, die sie sieghaft hinauslacht.“
Gert Wendemann nickte. Sein Gesicht war sehr ernst, als er sagte: „Verzeihen Sie, Marlene, wenn ich die Gelegenheit ergreife, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Elinor, die mit Fräulein Klein sehr befreundet ist, an der jungen Dame keine Freundin besitzt, deren Umgang vorteilhaft für sie ist. Ich war gestern von Herrn Klein eingeladen worden zu seinem Geburtstag, und ich muß bekennen, der Ton im Hause ist reichlich frei. Wie man dort Feste feiert, das mag modern sein, höchstwahrscheinlich ist es sogar sehr modern; aber schön ist es nicht. Ich verstehe die Eltern nicht, die ihrer Tochter erlauben, den Gästen solche Art Tanz vorzuführen, und die junge Dame, die Vergnügen daran findet, sich vielen jüngeren und älteren Herren unseres lieben Städtchens so zu präsentieren, verstehe ich noch viel weniger.“
Marlene dachte genau so wie Gert Wendemann; aber sie machte doch einen Versuch zur Ehrenrettung der von ihm verurteilten Freundin Elinors.
Er sah sie an. „Aber, Marlene, das ist doch etwas anderes. Ich bin kein Tanzkunstverständiger und kann Ihnen nicht richtig klarmachen, wie ich es meine, aber ich habe schon mehrmals berühmte Tänzerinnen in Berlin auftreten sehen, und war begeistert. Aber mir scheint es etwas ganz anderes, wenn eine junge Dame unseres Städtchens da vor allen ihren guten Freunden auf ein Podium hüpft und die unmöglichsten Gliederverrenkungen zu machen beginnt. Ich kann es nicht so erklären, aber auf mich wirkte es abstoßend. Ich hatte das Gefühl, das junge Ding von dem Podium herunterreißen zu müssen und aus dem Saal zu jagen.“ Er zuckte die Achseln. „Vielleicht denke ich altmodisch, aber ich möchte kein Mädchen heiraten wie diese Käthe Klein. Und ich habe die Idee, sie ist kein guter Verkehr. Sie sollten Elinor etwas von der Freundin abzubringen suchen.“
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