Sie blieb vor einem Spiegel stehen, der auf einem wundervoll geschweiften Untersatz ruhte. Es war ein echtes Empirestück, und sie hatte eine besondere Vorliebe dafür. Sie betrachtete sich scharf prüfend im Glas und stellte sich daneben Elinor vor. Ein müdes Lächeln zog um ihren Mund. Wie konnte sie nur Vergleiche ziehen zwischen Elinor und sich! Gewiß, sie war nicht häßlich, aber neben der sieghaften Lieblichkeit Elinors fiel es der Hübschesten schwer, sich zu behaupten, neben Elinor verblaßte jede.
Sie wußte nicht, wie reizvoll ihr Äußeres war, sonst wäre sie sich nicht so unscheinbar vorgekommen neben Elinor. Vielleicht trug auch das die Schuld daran, daß mit Elinor von je zu viel Kult im Haus getrieben worden war.
Es klopfte. Marlene fuhr sich blitzgeschwind mit dem Taschentuch über die Augen, ehe sie „herein!“ rief.
Eins der Mädchen trat ein. „Fräulein von Bergener, Herr Förster ist am Telefon.“
Marlene eilte hinüber in das Privatarbeitszimmer des Onkels, nahm den Hörer auf, meldete sich.
„Marlene, wie weit bist du mit der Zeichnung für Katalog B? Er muß jetzt in Druck gegeben werden.“
Marlene gab Antwort: „Sie ist fertig, Onkel, nur ein bißchen überholen möchte ich sie noch, es ist die Arbeit einer Stunde.“
„Gut, mach dich gleich daran, Mädel, und bringe die Zeichnung dann in mein Büro, damit wir sie nochmals kritisch betrachten. Herr Wendemann brennt geradezu darauf, dein neuestes Werk kennenzulernen.“ Ein gutmütiges Lachen folgte den Worten.
Marlene versprach: „In ungefähr einer Stunde bringe ich die Zeichnung, Onkel.“
Sie stand noch ein Weilchen regungslos, starrte vor sich nieder, dachte, wie sonderbar das war. Seit so vielen, vielen Jahren, von Kind an, war sie mit Gert Wendemann zusammengetroffen, oft hatte sie mit ihm getanzt, oft hatte sie sich eingehend und kameradschaftlich mit ihm unterhalten, und jetzt, mit einem Male, empfand sie Scheu, ihn wiederzusehen.
Sie atmete gepreßt. Herrgott, warum hatte sie auch entdecken müssen, daß sie ihn liebte! Alle Ruhe und Sicherheit hatte ihr das genommen. Aber ausweichen konnte sie ihm nicht. Der Onkel würde sie pünktlich erwarten.
Die Tür ging leise auf, Frau Wanda sah die wie erstarrt Dastehende und weckte sie aus ihrer Versunkenheit. „Marlene, du schläfst wohl im Stehen?“ schalt sie gutmütig. „Denkst du über ein so wichtiges Problem nach, daß du nichts hörst und siehst?“
Marlene war zusammengefahren und stotterte etwas verwirrt: „Onkel will die Umschlagezeichnung für Katalog B, und … und … ich dachte darüber nach, ob sie wohl leidlich gelungen sei.“
Die kleine, in den letzten Jahren sehr dick gewordene Frau Wanda schüttelte den Kopf. „Wie kannst du denn daran noch zweifeln? Du heimst doch wirklich Lob genug ein für alles, was deine geschickten Hände entwerfen.“ Sie nickte ihr zu. „Famos ist das eigentlich, so ein Talent zu besitzen wie du!“
Marlene verbesserte: „Talentchen, liebe Tante; denn wenn es ein Talent wäre, würde es ausreichen zur Malerin; so aber bannt es mich in die Grenzen des Plakatzeichnens. Und für wen entwerfe ich Plakate? Für Onkels Tuchfabrik, für ein paar seiner Bekannten, außerdem durfte ich Werbekarten für ein Wohltätigkeitsfest zeichnen. Ob man mein Können in einem weiteren Kreise anerkennen würde, ist noch höchst zweifelhaft.“
„Doch, Marlene, doch; dein Zeichenlehrer, Herr Bürger, den ich neulich traf, hat mir wieder mal versichert, du wärst als Reklamezeichnerin geradezu genial, und es sei ein Jammer, daß du dich nur so nebenher damit befaßt. Er meinte, wenn du darauf angewiesen wärest, davon zu leben, könntest du die Aufträge gar nicht bewältigen, die man dir geben würde, du hättest Einnahmen über Einnahmen.“
Marlene lächelte ein wenig. „Es wird viel Schmeichelei an Dilettanten verschenkt, und nachher, wenn so ein Dilettant in die Notlage kommt, Geld verdienen zu müssen, dann sieht er erst ein, daß sein Können nirgends langt.“
Frau Wandas Gesicht war weich und zärtlich. „Mag es sein, wie es will, voraussichtlich hast du es nicht nötig, deine Begabung zu verwerten, um dein tägliches Brot damit zu verdienen, Mädchen.“
Marlene befand sich dann wieder allein in ihrem Zimmer, saß am Schreibtisch und überprüfte mit kritischem Auge eine vor ihr liegende kolorierte Zeichnung.
Marlene strichelte hier noch etwas nach und dort noch etwas nach, dann erhob sie sich. Nun konnte sie gehen. Sie gehörte nicht zu den Eitlen ihres Geschlechtes, aber es zog sie jetzt doch wieder vor den Spiegel. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit weißem Kragen. Sie dachte, es ist ja gleich, wenn Gert Wendemann sie auch nicht liebte, ein wenig hübscher durfte sie sich doch machen. So schnell wie möglich zog sie das graue Tuchkleid an mit der etwas dunkleren Samtjacke und dem schmalen Hermelinkragen. Es stand ihr am besten.
Die Tante begegnete ihr auf dem Gang. „Aber, Marlene, warum hast du dich denn für deinen Besuch im Fabrikbüro so in Gala geworfen? Das ist doch dein neuestes Kleid!“
Marlene lächelte unsicher. „An meinem blauen Kleid ist. eine Ärmelnaht aufgegangen, und um nicht zu viel Zeit zu vertrödeln, langte ich mir das erstbeste Kleid.“
Frau Wanda blickte der Davoneilenden sinnend nach. Was Marlene eben gesagt, trug den Stempel der Ausrede nur zu deutlich an der Stirn. Warum zieht sich ein junges Mädchen plötzlich, eigentlich grundlos hübscher an? dachte sie und beantwortete sich ihre eigene Frage schlau: Um irgend jemand besonders zu gefallen. Es war nicht schwer, denn weder die grünen Jüngelchen noch die alten, bebrillten Krauter, die es sonst noch in den Büros der Fabrik gab, würden Marlene zum Wechseln des Kleides bestimmt haben. Sie nickte vor sich hin. Also Gert Wendemann gefiel Marlene. Das war eine interessante Neuigkeit!
Sie begab sich in die Küche, half, wie es ihre Art war, dort tüchtig mit; aber ihre Gedanken waren noch immer bei Marlene. Sie malte sich schon die Hochzeitsfeier aus. Die beiden würden gut zueinander passen. Sehr gut sogar.
Gert Wendemann war der beste und geeignetste Mann für Marlene, die ihr lieb geworden wie eine Tochter, lieb wie Elinor. Nein, nicht völlig so, einen ganz kleinen Unterschied gab es doch zwischen ihrer Liebe zu den beiden Mädchen. Aber nur einen geringen. Und das war natürlich und begreiflich.
Marlene aber befand sich um die gleiche Zeit in der Fabrik im Privatbüro ihres Onkels, der ihre neue Zeichnung noch einmal eingehend prüfte. Er hatte dazu seinen Kneifer aufgesetzt und meinte anerkennend: „Ich bin wieder äußerst zufrieden mit dir, Marlene, die Schose hast du los! Ich zahle dir aber diesmal auch freiwillig mehr.“
Hinter ihm stand Gert Wendemann und betrachtete ebenfalls die Zeichnung.
„Mein Kompliment, Marlene, Sie haben eine Künstlerhand. Ich glaube, Sie könnten viel Geld mit Ihrer Phantasie und Geschicklichkeit verdienen.“
Sie saß auf einem der Klubsessel, und als sie zu ihm aufblickte und seine Augen sie voll ansahen, schlug ihr Glut vom Herzen hoch bis zu den Schläfen. Ihr Antlitz brannte.
Ihr jähes Erröten machte ihn stutzig, erweckte einen Gedanken in ihm, an den er eigentlich noch nie gedacht. Er hatte immer in der Art eines älteren Kameraden mit Marlene verkehrt, jetzt war es ihm mit einem Male, als sähe er sie mit anderen Augen.
Marlene war reizvoll und konnte einem Manne schon gefallen. Von allen jungen Damen seiner Bekanntschaft gefiel sie ihm eigentlich am besten. Elinor ausgenommen; aber die war ja noch ein Kind. Er hatte noch nicht daran gedacht zu heiraten. In diesem Augenblick lockte ihn der Gedanke, wenn er sich Marlene als seine Frau vorstellte und Elinor als seine Schwägerin.
Alt genug war er wirklich dazu, sich ein Heim zu gründen. Er saß gut und warm im Elternhaus, aber ein eigenes Heim hatte wohl auch seine Reize. Er machte die Feststellung, das Kleid stand Marlene ganz ausgezeichnet.
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