„Wohin?“ fragte er kurz, und Elinor antwortete prompt mit dem Namen ihres Vaterstädtchens.
Käthe warf ihr einen verweisenden Blick zu. Der Beamte sah ein, die zwei waren nichts weiter als zwei blutjunge Mädels aus der Kleinstadt, die in Berlin ein bißchen herumabenteuerten. Harmlos waren sie. Aber immerhin, vielleicht brauchte man sie doch.
Er sagte: „Sie können gehen, aber ich muß Sie vorher um Ihre Namen bitten.“
Käthe Klein erwiderte glatt: „Ich heiße Meta Schneider und wohne Waldstraße zehn.“
Der Beamte notierte. Nun fragte er Elinor. Sie begriff nicht, wie Käthe so im Handumdrehen einen falschen Namen und eine falsche Adresse hatte nennen können. Sie suchte in ihrem völlig verwirrten Hirn, aber sie brachte keinen Namen zusammen, und als er mahnte: „Bitte, Ihren Namen und Ihre Adresse,“ da fiel ihr nichts Besseres ein, als zu antworten: „Marlene von Bergener, Lindenchaussee einhundertsieben.“
Käthe mußte sich zusammennehmen, um ihr nicht laut ins Gesicht zu schreien: Du bist das dümmste Schaf, das auf Erden herumläuft!
Mühsam bezwang sie sich. Draußen auf der Straße rief Käthe ein Auto an. Vor Aufregung über den Vorfall am ganzen Leibe bebend, setzte sich Elinor an ihre Seite. Das Auto fuhr sofort los.
Käthe schimpfte. „Du mußt von allen guten Geistern verlassen gewesen sein, als du dir den Blödsinn leistetest, dem Kriminalmenschen deine vollständig richtige Adresse anzugeben, und dazu Marlenes Namen. Falls man irgendetwas von dir will, ist es kein Kunststück mehr, dich zu finden und mich auch. Dann habe ich noch Scherereien, weil ich einen falschen Namen genannt habe. Wie konnte ich aber auch ahnen, was für eine dumme Pute du bist!“
Elinor war ganz klein. „Es wird ja niemand nach uns fragen, wir sind doch unwichtig.“
„Das weiß man nicht, der Polizei sind wir vielleicht doch als Zeugen wichtig. Na, das kann ja dann daheim einen netten Skandal geben. Das heißt, meine Eltern denken ziemlich vernünftig, aber wie ich deinen Vater zu kennen glaube, läßt der, wenn er hört, wo du gewesen bist, ein Donnerwetter los, das man hört.“
„Warum schleppst du mich auch in Lokale, wo einem so was passieren kann!“ regte sich Elinor auf und erhielt darauf die Antwort: „Ohne deine Dummheit wäre die Geschichte harmlos geblieben und über ein drolliges Abenteuer nicht hinausgewachsen.“
Elinor seufzte laut. Stumm saßen sie nebeneinander, erreichten den Bahnhof.
„Komm morgen vormittag zu mir, damit wir Kriegsrat halten“, befahl Käthe in leisem, aber herrischem Ton beim Verlassen des Autos.
Sie sahen Marlene schon warten.
„O, kommt ihr spät!“ rief sie ihnen entgegen. „Ihr habt Rückfahrkarten, nicht wahr? Also schnell, Trab, wir werden den Zug gerade noch erwischen.“
Und sie erwischten ihn noch. Hinter ihnen wurde die Tür zugeschlagen, gleich darauf begannen die Räder ihre Umdrehung.
Marlene war von dem Ausstellungsbesuch und dem Besuch eines Museums sehr angeregt. Sie merkte nichts von der Verstimmung der beiden Jüngeren. Sie plauderte und fragte dann, was die zwei inzwischen gemacht hätten. Käthe log frisch darauflos, und Elinor sagte, sie hätte Kopfweh.
An der kleinen Station standen zwei Autos, das Kleinsche und das Ewald Försters. „Auf Wiedersehen morgen vormittag, Elinor!“ rief Käthe beim Auseinandergehen etwas betonter, als gerade nötig.
Marlene schob Elinor in das Auto.
„Anscheinend ist dir die Berlinfahrt nicht besonders gut bekommen. Aber dein Kopfweh wirst du verschlafen, Liebling. Nimm den Hut ab und lehne dich an meine Schulter, mach die Augen zu dabei, wir sind ja bald zu Hause.“
Elinor tat gehorsam alles, was ihr Marlene riet; sie war froh, schweigen zu dürfen; und doch wollte sich ein Geständnis auf ihre Lippen drängen, aber ihr fehlte der Mut zu bekennen: Ich habe deinen Namen mißbraucht. Und nicht einmal nützen würde es ihr selbst, denn wenn die Polizei Marlene als Zeugin suchte, würde sich bald genug herausstellen, sie war nicht in der Tanzdiele gesehen worden.
Beim Nachtessen kostete es ihr fast körperliche Anstrengung, sich leidlich unauffällig zu benehmen, aber als sie sich in ihrem Zimmer befand, fiel sie zusammen. Alles Erlebte kam ihr furchtbar und unheimlich vor, sie verwünschte die Fahrt mit Käthe nach Berlin. Ihr war es, als ständen plötzlich allerlei drohende Gestalten vor ihrem Zukunftswege aufgepflanzt und wollten sich nicht weitergehen lassen. Sie begann zu weinen. Sie konnte einfach nicht anders. Es schüttelte sie förmlich.
Marlene, die eben nebenan zur Ruhe gehen wollte, horchte auf. Klang das nicht wie Weinen aus Elinors Zimmer? Sie lauschte an der Tür, und im nächsten Moment trat sie auch schon hastig ein, eilte an das Bett Elinors, fand sie in Tränen aufgelöst.
Sie strich ihr über das dunkle Haar. „Mädelchen, was fehlt dir denn nur? Hat dir irgend jemand etwas getan? Hast dich wohl ein bißchen mit Käthe verzankt? Nachträglich scheint es mir, als ob zwischen euch nicht alles stimmte. Aber, weißt du, das schadet nichts, eure Freundschaft darf ruhig in die Brüche gehen, du hast an der Putzpuppe nicht viel zu verlieren.“
Elinor weinte, anstatt zu antworten, nur noch mehr. Sie weinte so verzweifelt, daß Marlene von Angst ergriffen wurde.
„Sage mir doch, was dir ist, Liebling! Vielleicht kann ich dir helfen. Verlange von mir, was du willst, ich tue alles. Aber dein Weinen kann ich nicht mehr ertragen.“
Sie streichelte Elinors Hände, legte ihre Wange an die tränennasse Wange der Jüngeren. Doch sie erhielt keine Antwort, aber das Weinen ward zum verzweifelten Schluchzen.
Ganz verzagt, sagte sie endlich: „Wenn du so weiterweinst, muß ich deine Mutter holen, Elinor; vielleicht willst du ihr lieber anvertrauen, was du mir nicht anvertrauen magst.“
Sie machte eine Bewegung, ihren Platz zu verlassen. Elinor hob den Kopf und winkte entsetzt.
„Nein, nein, die Eltern dürfen nichts erfahren.“
Sie riß sich zusammen. Sie sah den eleganten Herrn wieder vor sich, mit dem sie getanzt, sein vornehm-markantes Gesicht mit den manchmal halbgeschlossenen Lidern, hörte seine Stimme ganz deutlich sagen, wie schön sie tanzte und wie wunderhübsch sie wäre.
Wer war es und was hatte er getan, daß ihn die Polizei suchte? Er tat ihr leid. Ein gemeiner Verbrecher konnte er nicht sein. O, warum mußte das, was so schön begonnen, so häßlich enden?
Sie schluchzte schon wieder.
Marlene war von tiefem Mitleid erfüllt. Was konnte die übermütige, leichtblütige Elinor nur so aus der Fassung bringen?
Sie sagte, ihre Stimme gewaltsam zur Härte zwingend: „Elinor, sei nicht kindisch! Ohne Grund weinst du doch sicher nicht, wie du in deinem ganzen Leben noch nicht geweint hast. Entweder erkläre mir jetzt, was los ist, oder ich muß deine Eltern benachrichtigen.“
Elinor schluchzte. „Meinetwegen sollst du es wissen, schließlich muß ich es ja doch sagen, weil es wahrscheinlich doch herauskommt. Ich … ich …“
Sie stotterte und schlang dann die Arme um Marlenes Hals, schluchzte und stotterte ihr ins Ohr, was geschehen war.
Marlene schob die umklammernden Arme von ihrem Hals.
„Das ist ja unglaublich, Elinor. Warum hast du denn nicht deinen richtigen Namen genannt? So unangenehm die Sache an und für sich ist, wäre sie doch nicht so schlimm gewesen, wie sie nun werden kann durch deine Lüge.“
„Ich log, weil Käthe auch log“, verteidigte sich Elinor, „aber sie machte es geschickter, sie nannte einen ganz falschen Namen. Doch man wird sie auch finden, wenn man mich findet. Sie warf mir das schon vor.“
Marlene nickte. „Falls dich die Polizei wirklich vorlädt, was ja wohl noch sehr zweifelhaft ist, schadet es nichts, wenn Käthe Klein auch vorgeladen wird. Sie hat dich zu dem blödsinnigen Besuch dieser Tanzdiele verlockt. Ziehe du nun wenigstens eine Lehre aus dem Erlebnis! Ich rate dir, Käthe Klein fortan links liegenzulassen, alles wird ja wieder in Ordnung kommen. Ich glaube gar nicht, daß man besonderes Interesse daran hat, Käthe und dich als Zeugen vorzuladen. Schlafe jetzt, Elinor, versuche es wenigstens, sonst sehen dir die Eltern morgen früh an, daß etwas geschehen ist.“
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