„Höre auf, um des Himmels willen, höre auf! Du weißt ja nicht, was du tust. Du bist ja schlimmer als der ungerechteste Richter.“
Die schlanke Gestalt der Frau schien zu schwanken, war in Gefahr zu fallen. Die kräftigen Hände Ewald Försters packten sie bei den Schultern.
„Reiß dich zusammen, Susanne, mit Wehleidigkeiten und Ohnmachten kannst du nichts ausrichten. Eine Frau, die das getan hat, was du tatest, muß nun auch die Folgen ihrer Tat zu tragen wissen.“
Susanne von Bergener schrie auf: „Ich bin unschuldig, glaube mir doch, Ewald!“ Sie hielt ihm die Hände mit flehender Gebärde entgegen. „Ich habe Urban nicht erschossen, der andere war es, der Fremde. Er war plötzlich da. Ich glaube, er war schon im Zimmer bei meinem Mann; aber ich, mit Vorwürfen bis obenhin vollgepackt, stürmte in das Zimmer, ohne nach rechts oder nach links zu blicken. Das Zimmer war sehr groß. Der Fremde mag am Fenster gestanden oder auf einem der seitlichen Stühle gesessen haben. Ich schrie Urban an, er wäre ein Erbärmlicher, der schlechteste Gatte auf der Welt. Ich liebte ihn doch und hatte, wie schon öfter, einen Brief von einer anderen bei ihm gefunden. Ich stand vor ihm mit geballten Fäusten, meiner selbst nicht mehr mächtig, weil er mir in seiner überlegenen Art ins Gesicht lachte. Meine Rechte schob sich vor, um ihm ins Gesicht zu schlagen, da wurde ich zurückgestoßen, sah einen fremden Herrn, ein Revolver blitzte auf, und ehe ich auch nur einen Schrei ausstoßen konnte, krachte der Schuß. Urban stürzte zusammen, ich sank in die Knie. Der rauchende Revolver lag neben ihm, neben mir, was weiß ich, der Fremde aber war verschwunden. Das nur wenig über dem Erdboden befindliche Fenster nach dem Garten zu stand offen.“ Sie stöhnte laut. „Es verhält sich alles so, wie ich wieder und wieder beteuerte, der Fremde erschoß Urban, nicht ich.“
Ewald Förster hob die Schultern.
„Niemand glaubte dir, niemand wird dir glauben.“
Sie bebte am ganzen Leibe.
„Marlene ist meines Blutes, sie wird mich verstehen, sie wird mir glauben.“
Er hob wieder die Schultern.
„Ich bezweifle es. Die sechs Jahre Zuchthaus sprechen eine zu harte, böse Sprache. Das Kind wird todunglücklich werden bei dir. Im Augenblick, wo du das Kind an deine Seite nimmst, um mit ihm zusammen zu leben, wird erst dein wahres Unglück beginnen, dein Unglück und das Marlenes. Sie ist klug, sie wird deshalb viel nachdenken und leiden bei dir.“
Er drängte Susanne wieder zu ihrem Stuhl zurück. „Ich sagte dir, als ich dich hierherbrachte, wir wollen in dieser Nacht über deine Zukunft reden, ich meinte ganz selbstverständlich auch über Marlenes Zukunft.“
Susanne rief hastig: „Ich will alle Kräfte anspannen, die Zukunft Marlenes so sorglos wie nur möglich zu gestalten, und mich bis aufs äußerste dafür einsetzen, meine Unschuld zu beweisen.“
„Man hat deine Schuld bewiesen, deine Unschuld zu beweisen, dürfte dir schwer werden. Selbst wenn du, was dir niemand glaubt, unschuldig wärst, selbst wenn das wahr wäre, was so märchenhaft nud erlogen klingt. Und dann, willst du das junge Ding in eine Atmosphäre von ständigen Aufregungen hineinreißen, die Jugend Marlenes vergiften? Sie glaubt dich auf einer weiten, langen Reise, sie war noch zu klein und töricht, als du aus ihrem Leben gegangen bist. Ich bitte dich und rate dir, bleibe auf der Reise für sie. Es ist die einzige Möglichkeit, das Kind nicht unglücklich zu machen. Geh ins Ausland, du hast ja Geld und kannst dir damit irgendwo, weit von hier, eine Zukunft zimmern, laß nie mehr von dir hören! Später wird Marlene vielleicht die Wahrheit erfahren müssen, sie wird dann weinen über ihre Mutter, sie aber nicht anklagen. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen: Marlene wächst als unsere Tochter auf, sie bleibt, wenn sie auch ihren Namen behält, eine Art ältere Schwester unserer kleinen Elinor, und du verschwindest für immer aus ihrem Gesichtskreis. Ich verspreche dir, sie zu halten wie mein eigenes Töchterchen. Wenn sie erwachsen ist, wird sie sich verheiraten und glücklich werden, während, wenn sie bei dir bleibt, wahrscheinlich jeder Mann davor zurückbebt, die Tochter der Mörderin heimzuführen. Ich will dir nicht immer wieder weh tun, aber ich muß so scharf und deutlich reden, damit du dir voll und ganz bewußt wirst, um was es geht. Um nichts mehr und nichts weniger als um das Glück deines einzigen Kindes. Beweise jetzt deine Mutterliebe! Wenn du fort bist, darfst du nichts mehr von dir hören lassen, und ich werde dich von Zeit zu Zeit durch Aufrufe suchen. Melde dich dann nicht, melde dich dann nie! Wenn zehn Jahre um sind, wirst du, als Verschollene, für tot erklärt.“
Susanne hatte wie betäubt dagesessen, die Rede Ewald Försters war auf sie niedergefallen wie ein scharfer Hagel. Weh hatte sie ihr getan, so weh, daß es gar nicht auszudrücken war. Sie rang die Hände.
„Ewald! du bist grausamer als ein mittelalterlicher Folterknecht, und dabei sprichst du wie ein Advokat, der einen wichtigen Fall behandelt.“
Er gab, obwohl auch er große Erregung verspürte, äußerlich ruhig zurück: „Es handelt sich auch um einen wichtigen Fall, um den wichtigsten für dich und dein Kind. Ich stehe hier und spreche für die unmündige Kleine, ich fordere für sie von dir ihre zukünftige Ruhe, ihr Lebensglück. Du hältst ihr Schicksal in der Hand! Verläßt du sie für immer, dann bist du eine gute Mutter, doch reißt du sie in Schande und Schmach hinein, bist du die schlechteste Mutter der Welt. Wanda denkt genau so wie ich.“
Susanne preßte die Hände auf das Herz, das sich mit einem Male ganz wild und toll gebärdete, das rasend rasch klopfte und sich nach oben zu schieben schien, als wollte es verzweifelt die körperliche Hülle durchstoßen, in die es gebannt war.
Heiser und abgerissen stieß Susanne hervor: „Laß mir Zeit, mich zu entscheiden, ich brauche Tage, brauche Wochen dazu.“
Ihre Schwester näherte sich ihr, auf ihrem vollen, hübschen Gesicht lag Mitleid.
„Ja, natürlich, Susanne, so schnell darf Ewald keinen Entschluß von dir fordern. Wenn ich nur wüßte, wo du so lange bleiben könntest!“
Susannes Augen blitzten auf.
„Ah, jetzt verstehe ich noch mehr; ich kann nicht vorerst, wie ich annahm, bei euch bleiben.“
Frau Wandas Mund bebte weinerlich.
„Nein, Susanne, liebe Susanne, das geht nicht. Denke nur an das Geklatsch, und Ewald gehört zu den angesehensten Männern der Stadt, er ist Stadtverordneter, man muß tausend Rücksichten nehmen. Außerdem soll dich doch Marlene gar nicht sehen, falls du Ewalds Vorschlag einsiehst.“
„Also so verfemt bin ich“, nickte die blasse Frau bitter, „so jämmerlich verfemt, daß ihr nicht einmal den Mut habt, nur ganz kurze Zeit mit meiner Nähe fertig zu werden. Ich fange an zu begreifen, Ewalds Vorschlag ist wahrscheinlich wirklich das einzig Richtige in meiner Lage.“ Sie holte tief Atem. „Wie wäre es, wenn ich mich in ein Hotel einquartierte?“
„Wenn dir daran liegt, Sensation zu erregen“, gab Ewald Förster zurück, „kann ich dir nur dazu raten; aber du darfst dich auch nicht wundern, wenn dich die Hotelbesitzer, mit Rücksicht auf ihre anderen Gäste, bitten, dich anderswo einzumieten. Wir leben in einer Kleinstadt.“
Susanne lachte böse und hart.
„Erbarmungsloses Gesindel seid ihr alle miteinander, die ganze Stadt, und ihr beide besonders. Geh weg mit deinen Händen, Wanda, berühre mich nicht, es sind Bazillen an mir, die ansteckend wirken, wasch dir lieber die Umarmung vorhin mit Lysoform oder einem anderen desinfizierenden Mittel ab! Ich verstehe immer besser, ich bin vogelfrei, bin Gelichter, das sich nur während der Dunkelheit bei euch einschleichen darf, und da will ich auch nicht lange überlegen.“ Das Blut schoß ihr ins Gesicht und färbte es. „Ich nehme deinen Vorschlag an, Ewald; ich lasse euch Marlene und verschwinde für immer aus ihrem Leben. Ich reise so weit wie möglich fort und lasse nie mehr von mir hören. Nach zehn Jahren des Verschollenseins besorge dir meine Todeserklärung, dann bin ich endgültig ausgelöscht aus Marlenes Leben und auch aus dem euren. Ich werde mit dem Nachtzug nach Berlin fahren, dorthin überweise das Geld, das ich noch besitze.“
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