1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 Sie war zu ergriffen, um zu antworten. Sie nahm seine Hand und führte sie an die Lippen. Der Greis liess es geschehen. Dann wandte er den Kopf seinem Sohn zu. Sein Gesicht wurde plötzlich trotz seines leidenden Ausdrucks unerbittlich hart.
„Ist es wahr?“ sagte er mit viel lauterer Stimme als bisher.
„Was denn, Papa?“ Nicolai beugte den Kopf etwas vor, in einer schonenden Haltung, wie man mit einem Schwerkranken, nicht mehr ganz Zurechnungsfähigen spricht.
„. . . Dass du gestern wieder Getreide blanko verkauft hast?“
„Ja.“
„Und viel?“
„Ziemlich. Etwa zehntausend Tschetwert.“
„Grosser Gott!“ Der Alte zuckte, wie von einem körperlichen Schmerz getroffen, zusammen und starrte eine Weile hoffnungslos vor sich hin. Dann begann er dumpf: „Siehst du denn nicht, dass du auf diese Art die Firma ruinierst!“
„Keineswegs!“ sagte Nicolai kühl.
„Du verkaufft Unmengen von Getreide, das wir noch gar nicht besigen!“
„Wir werden es kaufen!“
„Wann?“
„Nach der Ernte.“
„Wo?“
„Hier in Südrussland.“
„Und wenn die Ausfuhr des Getreides aus Russland verboten wird, musst du anderswo kaufen, um deinen Verpflichtungen nachzukommen, und da überall in der Welt bis Amerika und Argentinien hin die Preise jäh steigen werden, eine furchtbare Differenz gegen den Verkaufspreis zahlen. Die einfachste Überlegung müsste dir doch sagen, dass man nichts riskiert, solange die inneren Gouvernements bei uns von Hungersnot und der Markt daher von einer Grenzsperre bedroht ist. Das kann dich ja Hunderttausende von Rubeln Kosten, Nicolai!“
„Es gibt eben keine Grenzsperre!“
„Doch!“
„Hast du Beweise dafür?“
„Hast du welche dagegen?“
Nicolai zuckte die Achseln und wandte sich zu seiner Frau: „Du siehst, Lisa: es ist, wie ich es dir sagte! Papa sieht die Dinge schwarz, ich sehe sie weiss. Er glaubt an das Unglück — ich glaub’ an das Glück! Da kann man sich nicht einigen.“
„Ich glaub’ nicht an das Unglück!“ murmelte der in alte Kaufmann müde. Dazu hab’ ich keinen Grund! Aber Vorsicht tut not!“
„Warst du denn immer vorsichtig?“
„Ich war es nicht. Ich habe mehr als einmal Spekulationen gewagt, bei denen viel zu gewinnen und zu verlieren war. Aber vorher hab’ ich hier im Hause des Nachts gesessen und gerechnet und alles Für und Wider erwogen und den Zufall ausgeschaltet, soweit das ein Mensch kann . . . Du aber rechnest gerade mit dem Zufall, ob das Ausfuhrverbot kommt oder nicht — du setzst blindlings auf eine Karte und denkst: Es wird schon glücken! Du bist kein Kaufmann, sondern ein Spieler. Du spielst ja fast jede Woche ein, zwei Nächte hindurch.“
Nicolais männlich-schönes Antlitz versinsterte sich etwas. Er empfand die Erwähnung seiner Kartenleidenschaft, gerade in Gegenwart seiner Frau, sehr unangenehm und sagte, so ehrerbietig er sonst auch vor dem Vater stand, doch mit einiger Schärfe: „Das ist wohl meine Privatangelegenheit . . . ich bin doch schliesslich ein Mann zu Mitte der Dreissig . . . und was die Getreideverkäufe betrifft — du lebst doch leider hier ganz abgeschieden . . . du hörst doch nur von Herrn Roloff, was draussen geschäftlich vorgeht — oder vielmehr, du willst es von niemand anderem hören . . .“
„Nein!“ sagte der Alte: „Denn Roloff hat mehr Verstand wie die anderen alle zusammen.“
Sein Sohn bezwang sich, um ruhig zu bleiben. Verstand mag er haben — sogar viel, das leugne ich nicht. Aber seinen geschäftlichen Einfluss halte ich für ein Unglück. Mit dieser ewigen Kälte und Ruhe kommt man nicht vorwärts. Man muss doch auch einmal ein bisschen Wagemut in sich spüren. Schliesslich ist doch nicht dieser Mann, den du aus dem Hafen aufgelesen hast, von dem niemand weiss, woher er kommt und wer er eigentlich ist, der Chef der Firma, sondern du und ich. Und da du leider nicht herauskommen und disponieren kannst, so muss ich, der ich mitten in der Welt stehe, es eben an deiner Stelle tun, so wie ich es für das beste halte . . .“
Dominik Sandbauer hob rasch den Kopf. Ein unheimliches Lächeln spielte über seine abgezehrten Züge. „Und ich bin schon ganz zum alten Eisen geworfen? Beinahe begraben — denkst du? Nein — Nicolai — so schnell geht das doch nicht. Vorderhand bin ich noch da und werde verhindern, dass du zerstörst, was ich mühsam aufgebaut habe . . . Willst du mir dein Versprechen geben, künftig keinen Verkauf ohne Beratung mit mir abzuschliessen?“
„Wie kann ich das? Du weisst, wie schnell das im Geschäft geht. Man wird antelephoniert oder der Makler kommt, und man muss sich entscheiden.“
„Also du willst nicht?“
„Nein.“
„Gut!“ Dominik Sandbauer drückte auf eine Klingel neben seinem Krankenstuhl und frug ganz ruhig den eintretenden Diener: „Wartet Herr Roloff, wie ich angeordnet hab’?“
„Er wartet!“
„Sage ihm, ich liesse bitten, zu kommen!“
„Ich höre!“
Der Diener ging. Nicolai hatte im ersten Augenblick eine Bewegung gemacht, als wolle er vor ihn treten, aber dann frug er nur mit einem heiseren Klang in der Kehle, der seine unterdrückte Erregung verriet: „Was hast du denn mit Roloff vor?“
„Du wirst es sehen!“
Das klang so schroff, dass Lisa bang auf ihren Mann blickte. Sie befürchtete bei ihm einen Zornausbruch, aber seine weltmännische Haltung siegte. Er lächelte nur verächtlich und ging langsam, wie gelangweilt, auf und nieder. Nun wollte sie sich zurückziehen, wie es die stumme Pflegerin Marussja schon getan, um die Männer bei ihren finanziellen Besprechungen allein zu lassen, aber Nicolai rief sie beinahe ungeduldig wieder her: „Bleib doch nur! Das sind keine Geheimnisse!“ Und sie merkte, dass ihre Gegenwart von ihm und wohl auch von seinem Vater als ein Vorbeugungsmittel empfunden wurde, um sich nicht gehen zu lassen und nicht allzu heftige Auftritte herbeizuführen, Auftritte, wie sie vor langen Jahren, noch ehe sie selbst in das Sandbauersche Haus gekommen, in furchtbarer Weise stattgefunden hatten. Man erinnerte sich wohl noch daran, auch nachdem die Beziehungen zwischen Vater und Sohn sich äusserlich wieder gebessert — aber den wahren Grund ihrer gegenseitigen, von da ab entstandenen Entfremdung wusste keiner und ahnten die wenigsten: Dominik Sandbauer hatte damals Wechsel in Händen gehalten, auf denen sein Name stand, und hatte seinen Namen doch nie auf diese Wechsel geschrieben, die sein Sohn Nicolai in Umlauf gebracht. Er hatte, geschwiegen und gezahlt und die Papierstreifen mit zwei Fingern, als ekle er sich vor ihnen, gepackt und auf den glühenden Holzkohlen unter dem Samowar verbrannt. Dann aber hatte es eine Aussprache mit Nicolai gegeben, nach deren Verlauf jener blass wie eine Leiche das Gemach des alten Herrn verlassen und beide ein Jahr lang nur geschäftlich Worte miteinander gewechselt hatten, bis die Zeit die Kluft überbrückte.
Das war lange her. Nicolai hatte es wohl schon ganz vergessen. Er besass eine glückliche Gabe, alles zu vergessen, was ihm unangenehm war. Seine Papyros rauchend, stand er gleichmütig mit ironisch-heiterem Gesichtsausdruck da. Lisa war auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt. Da blieb sie. Es war ganz still im Gemach, bis die Türe von aussen aufging.
Draussen klangen rasche feste Schritte und Robert Roloff trat an dem öffnenden Diener vorbei in das Zimmer. Lisa hatte seinem Kommen mit einem leisen Unbehagen entgegengesehen. Die wilden zerlumpten Gestalten der Schwarzarbeiter, wie sie sie eben noch auf dem Platz vor der Branntweinschenke geschaut, wollten ihr nicht aus dem Sinn. Aber der Angestellte des Hauses Sandbauer und Sohn, der da stand, war ein Mann wie andere, über mittelgross, zu Ende der Dreissig, unauffällig in einen leichten grauen Sommeranzug gekleidet, mit kurzem dunkelbraunem Vollbart. Nichts an ihm verriet, dass ihn die Schlünde des Lebens schon einmal in ihre Tiefen gerissen und dem Tag wieder zurückgegeben hatten, nirgends war an ihm eine Spur der Unterwelt, aus der er kam. Nur war sein Gesicht von der Sonne gebräunter, seine Gestalt straffer und breitschultriger, seine ganze Haltung unwillkürlich selbstbewusster, als es sonst bei einem Kaufmann der Fall war, der sein Leben im Kontor verbracht. Er erinnerte eher an einen Landwirt. Luft, Wind und Sonne schienen ihm von früher her vertraut, und auch jetzt war es ja nicht sein Beruf, in der Stube zu sitzen, sondern auf weiten Reisen durch die Weizengouvernements des südlichen Russlands den Saatenstand zu prüfen und die Aufkäufer der Firma zu überwachen.
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