Es ging ihnen ähnlich wie den Iren. Nicht äußere Bedrückung allein erklärt, daß überwiegend Deutsche und Irländer den Auswandererstrom nach Nordamerika bildeten. Es war die Gelegenheit, der „Erregtheit der Warmfront“ (und den sich daraus ergebenden europäischen Übeln) auszuweichen in ein Land der „Befreitheit“. Sie gingen nach drüben als Dienende, als Handwerker, Buchdrucker, Bergleute, Landwirte, Handelskommis, Söldner und Söldnerführer. Unzählige Namen weisen in alten Faktorei-, Schiffsund Spitalslisten auf deutsches Erbblut hin, selbst heute noch auf manchem Haustür- und selbst Firmenschild zwischen Orinoko und Missouri; noch unzähligere Namen glichen sich den Amtssprachen an. So der jenes bedeutenden Wasserbaufachmannes Heinrich Martin, der hundert Jahre nach Cortez begann, den verheerenden Überschwemmungen der Regenzeit in der Stadt Mexiko zu steuern. (Der von ihm begonnene Kanal zur Entwässerung des Talbeckens wurde im Jahr 1900 vollendet.) Besagter Ingenieur trat 1620 als Dolmetscher in einem Verfahren gegen Hamburger Handwerker auf, die als Ketzer angeklagt waren. Die erhaltene Gerichtsakte äußert über ihn, auch er sei einst mit Alsterwasser getauft worden, habe das aber durch Spanisierung seines Namens in Enrico Martinez getarnt.
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Die atlantische Welle der Freiheit hatte den Niederländern die Kraft verliehen, sich von Spanien loszusagen, und da Politik und Glaube eins waren, gelang schon im Jahre der Pariser Bluthochzeit der erste Schritt dazu. Die innere Erregung fand ihr Ventil bald in der Weite der Meere, wo die Vernichtung der Armada die Wege für smarte Unternehmertypen freifegte. 1602 wurde die Holländisch-Ostindische Kompanie gegründet und Insulinde für dreihundert Jahre dem kleinen Europafleck dienstbar gemacht. 1621 wurde die Holländisch-Westindische Kompanie, die sich vor allem der Küste Brasiliens bemächtigte, der Ausdruck dafür, daß die junge Republik auch Anteil zu nehmen gedachte am atlantischen Zirkel. Ihre Werften, ihre Schiffe, ihre Reeder, Seeleute, ihre Beamten, ihre Gelehrten, ihre Maler, Musiker und Schriftsteller erwiesen sich als der neuen Aufgabe gewachsen. Der Ostinder, die Weiterentwicklung der spanischen Karavelle und Galeone zu höchster Formschönheit und Leistungsfähigkeit, wurde für lange Zeit der Inbegriff des Weltseglers und auch für die englischen Helligen Vorbild.
Die Lage Bremens und Hamburgs, wohlbefestigt und möglichst neutral inmitten der Wirren, wird trefflich beleuchtet durch den Vertrag, den die beiden Hansestädte 1614 für acht Jahre mit Holland abschlossen „wider die Könige von Spanien und Dänemark, ingleichen wider den Papst defensive zu agieren, und sollte, vermöge dieses Bundes, jeder Teil 1200 Mann zu Roß und 8000 Mann zu Fuß nebst 20 Orlogschiffen halten“.
Der Dreißigjährige Krieg war die europäische Kulmination verzwickter Golfstromeinflüsse . (Ich weiß, Tlaloca, mancher ernsthafte Mann wird auf den Tisch hauen und nach Beweisen verlangen. Wir können es ihm nicht verübeln. Vielleicht weiß jemand wirklich bessere Erklärungen. Bislang haben wir noch von keiner gehört.) Und indes die meisten der europäischen Nationen sich bis zur Blutleere zerhackt hatten, sogen die Niederlande Kraft aus der Erschöpfung anderer und nutzten den golfischen Druck und Drang zu Positivem, ähnlich wie die Freie und Hansestadt Hamburg. Die Generalstaaten wurden damals das reichste Land der Welt. 1634 zählte ihre Handelsflotte fünfunddreißigtausend Schiffe. Die Bankiers zu Amsterdam buchten am Tage des Friedens zu Münster und Osnabrück, als der Herzog von Sachsen überlegen mußte, ob er sich eine Bratwurst zum Frühstück leisten könne, einen Bestand von dreihundert Millionen Goldgulden an Werten. Getragen von der Anteilnahme des ganzen Volkes und – so wie die Kanäle und Grachten geordnet sind – immer bestrebt, ordentlich zu denken, zu leben und zu handeln und die unbewußten Beunruhigungen, die von See hereinspuken, saftig ins Vorteilhafte zu leiten, haben die Niederländer Glanz und Würde bis in die Gegenwart bewahrt, auch in ihrer Kolonialpolitik und obwohl die Nachbarn jederzeit bereit waren und oft versucht haben, diese wackeren Golfstrombändiger auszuplündern und zu erledigen, bis sie sich begnügten, letzten Endes, sich an der scheinbar nicht wirtschaftlichen, nicht zu gewalttätigem Neid anstachelnden Seite des Herren–Staaten–Reichtums zu beteiligen: an der Freude schöpferischer Hochleistungen und dem Weitervertrieb von Kunstwerken, am Kunsthandel mit den Bildern der Maler Memling, Rembrandt, Hals, Rubens, Brueghel, Steen, Ostade, Potter, Ruysdael, Terborch, Hobbema und wie sie alle heißen. Wie denn die niederländische Musik Grundlage wurde für die Erneuerung der deutschen, für die Meister Buxtehude, Schütz, Telemann und Bach.
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Wir müssen noch ein wenig zurückschalten. Den Spaniern gelang es zur Hugenottenzeit noch einmal, sich in Westindien und an der Küste zu halten. Sie hatten immerhin eingesehen, daß man nicht nur ernten kann. Ihre Pflanzer hatten begonnen, Zuckerrohr, Baumwolle, Mais, Kaffee und Tabak anzubauen, und zu deren Schutz wie zu ihrem eignen ließ die Marine befestigte Plätze bis hinauf zur Chesapeake-Bay errichten, von wo überall ihre Polizeischaluppen den großen Schiffahrtsweg, den Golfstrom, unter Auge nahmen.
Damals wurde der fähige Admiral Menendez Statthalter von Kuba und Florida, baute Habana neu und erwies sich als der rechte Wachhund für das Gibraltar Westindiens, die Engen der Floridastraße. Er war aber, mehr als das, ein guter Nautiker und Geograph und beschrieb die erforschten Küsten neu. In den erhaltenen Auszügen steht keine Silbe von den Meeresströmungen. Die navigatorischen Finessen zu deren Beherrschung hielt man anscheinend geheim. Den Lotsendienst besorgten vereidigte Beamte, denen jedes Geplausche über die Tücken des Fahrwassers Kopf und Kragen gekostet hätte. „Kragen“ war derzeit nicht nur der Hals, sondern wahrhaft das Zeichen spanischer Amtsstellung.
Jener gefältelte Mühlstein, der Schrecken aller Plätterinnen, verbreitete sich übrigens über ganz Europa nebst Kolonien, überall, wo Würde zu betonen war und die Gesellschaft auf Mode hielt; die hansischen Ratsherren haben bis ins 20. Jahrhundert diese Last getragen, und heute steht sie noch dem Lordmayor von London und den Hamburger Geistlichen gut zu Talar und Gesicht und auch den Leichenträgern erster Klasse „im Stile spanischer Reiterdiener“, wie der Prospekt der Beerdigungsunternehmer empfiehlt.
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