„Zieh wenigstens das Hauskleid aus. Das verknüllt ja ganz und gar“, sagte ich und legte mich zu ihr. Ich hörte im Dunkeln noch, wie das Hauskleid durch die Luft flog.
„Warum schreibst du nicht?“ fragte Tessy. „Ich denke, Journalisten schütteln alles aus dem Ärmel.“
„Erstens ist es noch nicht raus, ob ich in diesem Fall ein Journalist bin oder ein Dichter“, erwiderte ich verdrießlich.
„Und zweitens“, sagte Tessy, „ist es auch für einen Dichter kein Kunststück, einfach aufzuschreiben, was andere erlebt haben. Du selbst hast doch nichts erlebt. Das haben wir für dich mit übernommen. Oder?“
„Nein ... ich habe nur zugeguckt, wie ihr, den Honig aus den Blumen des Lebens saugend, über die Wiesen eurer Abenteuer flattertet. Dann habe ich euch Schmetterlinge eingefangen, aufgespießt, sorgfältig die bunten Flügel mit Stecknadeln auseinandergezerrt, damit der schillernde Flügelstaub draufblieb, und nun habe ich euch. Leider ist ein Kasten toter Schmetterlinge noch kein Sommer.“
„Den Sommer kriegst du auch nicht raus“, sagte Tessy aggressiv. „Noch dazu bei dieser Saukälte.“
„Noch dazu bei deinem impertinenten Geschwätz. Entweder du hältst jetzt deinen niedlichen Mund oder du fliegst in die Eiskammer und ich hole dich erst heute abend tiefgekühlt wieder raus, verdammtes junges Gemüse! Du willst nur nicht, daß dein sündiger Lebenswandel der Nachwelt überliefert wird. Paß mal auf: in ein paar Jahren gibt’s wieder Anstand und Moral, und solche leichtfertigen Frauenzimmer wie du dürfen höchstens noch in Büchern Vorkommen, die man unter dem Ladentisch hervorholt und flüsternd an alte Herren verkauft, die sich mühsam noch mal jung fühlen wollen.“
„Selbst alter Herr“, grinste Tessy tückisch, „wärmt sich an den Feuerchen, an denen wir uns die Nase verbrannt haben.“
„Ob du jetzt deinen Grünschnabel hältst?“
„Ja.“
So sitzen wir denn beide dicht am Kanonenofen, in dem schon fünfzehn von Tessys dreißig Briketts verschwunden sind. Tessy im Kreuzsitz auf der Couch, vor sich auf einem Brettchen ihre Aquarellfarben und ein Stück Seidenstoff, in der linken Hand ein Bündel haarfeiner Pinsel und einen Pinsel in der rechten Hand, den sie zuweilen in Farben taucht, um ihn dann blitzschnell abzulecken und zu einer stecknadeldünnen Spitze zu drehn. Sie scheint noch unentschlossen, womit sie den Stoff bemalen soll. Ich habe den Tisch dicht ans Feuer gezogen und tippe, die letzte Senior Service im linken Mundwinkel.
„Du kannst mal den Eingang nach Wallberg malen“, sagte ich. „Dann haben wir wenigstens die gleichen Gedanken. Wenn ich schreibe, dürfen hier im Zimmer nicht deine albernen Empfindungen wie Sommerfliegen durcheinanderflattern.“
„Mimosus“, sagte sie spöttisch, „wenn wir Frauen auch so zarten Gemütes wären wie ihr Männer, so empfindsam mit den Nerven, wir wären längst alle im Irrenhaus.“
„‚Die‘ Frauen und ‚die‘ Männer ... über so was mußt du dich mit Spernser unterhalten, für mich gibt’s keine ‚die‘ Frauen, sondern nur mehr oder weniger minderwertige Einzelexemplare. Annähernd menschenähnliche Wesen mit Gemütern wie Schlachterhipde und Nerven wie ostpreußische Ackergäule, zum Verderben der Männer als zarte Figuren verkleidet, zuweilen hübsch anzusehn und selten gut davon zu essen.“
„Du sprichst wahrhaft zart und ehrfurchtsvoll vom weiblichen Geschlecht“, sagte Tessy sachlich. „Jetzt weiß ich, warum dich keine Frau liebt. Du hast mir oft leid getan, aber nun ...“
„Hältst du jetzt endlich den Mund und begibst dich an deine überflüssige Arbeit?“
„Nur noch eins: Hast du wirklich nie geliebt?“
„Ich sagte dir gestern schon: Liebe habt ihr erst erfunden. Und jetzt male, Künstler, rede nicht.“
Endlich ist es still im Zimmer. Nur manchmal seufzt der eisige Ostwind in dem langen Ofenrohr. Manchmal knirscht die alte Couch, wenn Tessy sich zurechtsetzt. Sie sieht übrigens reizend aus, wenn sie so vertieft vor sich hinpinselt. Die rostroten Haare fallen ihr immer wieder ins Gesicht, und sie schüttelt dann die Mähne wie ein Füllen oder ein berühmter Dirigent. Aber ich will jetzt endlich mit meiner Geschichte fortfahren.
Ich weiß nicht mehr, ob es zwei oder drei Tage dauerte, bis wir endlich von Koburg wegkamen. Direktor Kölle kriegte es jedenfalls fertig, trotz des völligen Durcheinanders der Eisenbahnen, einen Extrazug für uns zu bekommen, mit dem wir dann langsam und in langen Pausen — aber fast unbelästigt von Fliegern — immer weiter nach Süden dampften. Spernser war am letzten Tag noch auf Betreiben des Hausknechts Maiboom verhaftet worden. Aber wir kriegten ihn nach ein paar Stunden wieder frei. Denn wir hatten ausgezeichnete Papiere, in denen uns bescheinigt war, daß wir kriegsentscheidende Aufgaben zu lösen hätten. Spernser zog es dann allerdings vor, mit seinem Ford sogleich abzufahren. Er nahm Herma Zacke und Didi Seifert samt ihren Schmuckkoffern mit. Fräulein Schütze wurde ihm als Quartiermacherin beigegeben. „Aber nicht nur für Vittorio Quartier machen“, sagte ihr Willigrodt und drohte mit seinem leeren Ärmel. „Sondern?“ fragte die Schütze frech. „Sondern auch für Manuela“, sagte ich böse. Sie schnitt mir eine Fratze, und das Auto fuhr davon.
Nach unserem Verlagerungsplan 4b/153/154 war uns die kleine Kreisstadt Rönitz a. R. am Fuße des Bayrischen Waldes zugewiesen. Rönitz war laut Brockhaus ein Städtchen mit 7300 katholischen, 233 evangelischen und 12 jüdischen Einwohnern. Mit Sägereien, einer Ziegelei, einer weltberühmten Samenzüchterei und einer landesberühmten Barockkirche. A. R. hieß an der Rönitz, die, ein winziger Gebirgsfluß, die Stadt durchfloß und sie in Ober-Rönitz und Unter-Rönitz, die Villenstadt und die Arbeiterstadt, einteilte. Kölle besaß einen Plan von Rönitz in mehreren Blaupausen und im Maßstab 1:250. Wir vertrieben uns auf der Fahrt die Zeit damit, uns alle in Häusern von Ober-Rönitz unterzubringen. Fräulein van Zamen, das Häschen, wurde im Pfarrhaus einquartiert, ihres gesetzten Alters wegen und weil sie ihrer barocken Figur halber ganz gut in die Nähe der Barockkirche passen würde. Fräulein Schröder, die ständig über neue Leiden klagte, gaben wir das Quartier beim Arzt. Willigrodt wurde beim Tierarzt einquartiert, dem wir es zutrauten, seinen recht soldatischen Ton zu ertragen, und Tellermann bekam, um sich im Schnellgehen weiter üben zu können, ein einsames Haus einen Kilometer von Unter-Rönitz. Spernser sollte ein Zimmer in der Nähe des Klosters beziehn, damit er seine Kennerschaft der Frauenseele auch auf dieses ihm noch unbekannte Gebiet ausdehnen könnte. Bei dieser kriegsentscheidenden Beschäftigung tranken wir sehr viel Likör aus Vittorios Kiste, die mir Fräulein Schütze unter vielen Beschwörungen zu treuen Händen übergeben hatte. Den Orangenlikör hatten wir schon in Koburg außgetrunken. Jetzt war ein dunkelgrüner Bergamotte dran, ein wasserfarbener Genever, dann ein recht guter deutscher Kümmel. Schließlich blieben noch ein paar Flaschen mäßiger deutscher Weinbrand übrig.
Denn schließlich waren wir auch da. Wir wurden von Fräulein Schütze empfangen und dem Bürgermeister von Rönitz, der uns mitteilte, daß wir trotz unseres Verlagerungsplanes 4b/153/154 und obgleich ein ministerielles Schreiben alle Behörden und Dienststellen anwies, uns weitestgehend zu unterstützen, unmöglich in Rönitz Unterkommen könnten. Denn unterdessen hatte sich hier das Hauptquartier einer Armee eingenistet, der Stab eines Korps, die Intendantur einer ganzen Heeresgruppe. In jedem Zimmerchen des im übrigen vom Kriege völlig verschonten Städtchens, dessen Einwohner, aus ihrem wohlgenährten Friedensschlaf geweckt, verdutzt und ängstlich dem manöverähnlichen Kriegstreiben zusahen, in jedem Zimmerchen lag eine Schreibstube, ein General oder wenigstens ein Generalstabsoffizier. Aus allen Fenstern hörte man Telephone klingeln, hörte man, wie Befehle so ruhig und sachlich erteilt wurden, als ob dieses Armeeoberkommando noch über eine wohlbewaffnete und kämpferische Armee verfügte und nicht nur über versprengte Häuflein abgerissener, erschöpfter, nahezu waffenloser, vom Nötigsten abgesehnittener, verwirrter Truppenteile. Beim Anblick dieses friedlichen Kriegsspiels, das noch durch ganze Parks wundervoller Autos eine prächtige Note bekam, schöpfte unser alter Tellermann wieder Hoffnung. Der alte preußische Geist, so meinte er, lebe noch, und alles werde sich durch ein Wunder zum Besten wenden.
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