Alle diese Nachrichten machten auf uns wenig Eindruck. Nicht nur des Orangenlikörs wegen waren wir von allen Verbindungen zu unserem früheren Leben losgelöst. Da wir unsere Zukunft nicht bestimmen konnten, da es unmöglich war, sich ein Bild davon zu machen, was nun kommen werde, waren wir auf eine bis dahin unvorstellbare Weise frei. Wir lebten so gegenwärtig wie kaum je zuvor oder nachher. Es gab für uns keine Wirklichkeit außerhalb der vierundzwanzig Quadratmeter unseres engen Gastzimmers, außerhalb der dunklen, verräucherten Lincrustawände dieses Honoratiorenstübchens mit dem schlecht gescheuerten Kneiptisch in der Mitte, den ungefügen, ungepflegten Ledersesseln, den klobigen Aschenbechern, die den Schnaps einer längst ausgebombten Berliner Schnapsfabrik dringend empfahlen, der kleinen Biertheke, hinter der vollmondgesichtig und verächtlich Herr Maiboom sich lümmelte, der Zapfknecht des Hotels, Zellenleiter und Inhaber des goldenen Parteiabzeichens, das er aufreizend genug immer noch auf seiner grünen Hausknechtsschürze trug — einer der wenigen getreuen Gefolgsmänner seines Führers. Keine Wirklichkeit, außer den sechs, sieben Gesichtern um den Tisch, lachenden, gierigen, hoffnungslosen Gesichtern, den blitzenden Ohrringen der hektischen Frau Zacke, der sanftschimmernden, kostbaren Perlenkette Didi Seiferts, an der sie mit spitzen, rotlackierten Fingernägeln herumfingerte, so, als würde sie sonst an ihrem Schmuck ersticken. Dazwischen immer wieder die Glatze Kölles und seine feisten, bleichen Hamsterbäckchen, die vor Nervosität vibrierten, die Katastrophenglatze, wie Spernser sie unehrerbietig nannte. Schließlich noch, durch unser Gelächter angelockt, Tellermann, der Matador der Berliner Lokalredakteure, der rüstige Sechziger, ehemaliger Meister im Schnellgehn, vielfacher Sieger im Gepäckmarsch rund um Berlin, ein Mann also, dem mit dem Untergang Berlins seine Existenz gewissermaßen doppelt genommen wurde und der als einziger unter uns noch von einer Wendung der Dinge im letzten Augenblick faselte. Dazu seine fünfundfünfzigjährige Sekretärin Bella van Zamen, aus unerfindlichen Gründen Häschen genannt, Herta Schröder, Spernsers Sekretärin, ein blaßblondes Nichts, das beim Lächeln einen Goldzahn entblößte, und Oskar von Willigrodt, mein Stellvertreter, achtundzwanzig Jahre alt, einarmig und einäugig, den leeren linken Ärmel seines Rockes mit fahrigen Bewegungen wie eine Vogelscheuche schwenkend und die leere, linke Augenhöhle hinter einem schwarzen Monokel verborgen.
Das also war das äußere Bild dieses letzten Koburger Abends. An Ereignissen ist lediglich zu verzeichnen, daß Maiboom, der Zapfknecht, den ziemlich betrunkenen Spernser wegen defaitistischer Reden stellte und mit einer Anzeige beim Ortsgruppenleiter drohte, ein paar Ohrfeigen bekam, hinausflog und von da ab hartnäckig immer wieder an der verschlossenen Tür polterte. Ferner, daß wir überflüssigerweise alle Brüderschaft tranken, wobei Herma Zacke an Willigrodts Brust gewissermaßen kleben blieb. Daß Spernser und Didi Seifert sich unter Tränen schworen, miteinander durch dick und dünn zu marschieren, wobei Didi immer wieder versicherte, nur häßliche Vögel seien treue Menschen. Das war dann wieder das Signal für Fräulein Schütze, über Vittorio zu sprechen, den kein Mensch außer ihr je verstanden habe, der wohl äußerlich nicht treu sei, aber innen von purem, treuestem Golde. Schneidig und edelmütig und edelmütig und schneidig, und ob irgend jemand von den Anwesenden etwa glaube, daß Vittorio jemals diese talentlose Tänzerin, diese Manuela, geliebt habe. Nein ... versicherten wir im Chor, kein Mensch könne auf eine so lächerliche Idee kommen. Worauf sich Fräulein Schütze feierlich erhob, alle Gläser bis zum Überlaufen mit Vittorios Orangenlikör vollschenkte und uns aufforderte, auf Vittorios schneidige Edelmütigkeit zu trinken. Wer, außer Trenti, würde wohl eine ungeliebte Frau, die ihn dazu noch — „Ihr wißt es ja alle“ — denunziert habe, unter Lebensgefahr aus Berlin herausholen? „Niemand“, sagte Spernser dumpf und feierlich, und wir antworteten im Chor, wie Statisten beim Rütli-Schwur: „Niemand, niemand.“ Darauf brach die Schütze weinend zusammen. Und da kein anderer Mann in der Nähe war, begoß sie mit ihren Tränen Tellermanns Rockaufschläge. Tellermann streichelte etwas verlegen Fräulein Schützes Hinterkopf, während das fünfundfünfzigjährige Häschen verkniffen versicherte, daß zu ihrer Zeit, die freilich eine andere Zeit gewesen sei, die jungen Mädchen „ihre Seidenwäsche nicht vor aller Augen gewaschen hätten“.
Mit diesem etwas vagen und kühnen Bild schloß für mich der letzte Koburger Abend. Als ich hinausging, prallte ich auf den Schenkknecht Maiboom, der sich hineinzudrängen versuchte, aber nicht hineinkam, weil Spernser und Willigrodt ihm die Tür wieder vor der Nase zudrückten und abschlossen. „Der Ortsgruppenleiter ist getürmt“, schrie er. „Ich kann ihn nicht melden. Aber kaltmachen werde ich den Kerl. Ich dreh ihm den Kopf um wie einem alten Hahn. Verstehn Sie.“
Tessy kam erst gegen elf Uhr wieder. Ich war auf meinem. Lehnstuhl, alle Decken auf den Knien, eingeschlafen. Es war eiskalt. Aber Tessy hatte ein Marktnetz voll Kohlen mit. Ihre Freundin hatte sie ihr geschenkt. „Als Abfindung“, sagte sie in ihrer ruhigen Sachlichkeit. „Dreißig Kohlen ... das ist für eine Freundin billiger als vierzehn Tage einen Gast haben.“ Sie war im übrigen recht vergnügt, heizte und kochte, ohne mich um Erlaubnis zu fragen, einen kräftigen Tee. Es wurde ganz behaglich. Kohlen heizen eben doch besser als grünes, sperriges Lindenholz.
Ich las ihr vor, was ich den Tag über geschrieben habe. „Damit du weißt, wo wir alle herkamen.“
Sie nickte gleichmütig. „Ich weiß ... aus dem Sumpf. Ihr wart alle völlig verkommen.“
„Aber einig und verträglich“, sagte ich.
Sie schlürfte ihren Tee und sah mich listig-lustig über die Tasse weg an. „Wenn jeder macht, was ihm gerade durch den Sinn fährt, und alle schrein im Chor bravo ... da ist es kein Kunststück, einig zu sein.“
„Du irrst dich“, sagte ich etwas gereizt, „gerade wenn keiner Rücksicht auf den anderen nimmt, müßte doch ein Krieg aller gegen alle entstehn. Nichts war ... bis du und Manuela ...“
Sie schnaufte verächtlich. „Ich und Manuela, als ob Manuela sich mit irgend jemandem vertragen hätte. Nicht einmal mit ihren Männern.“
Ich sagte: „Die alte Walpurga hat mir gesagt: Sie ist so schön, man muß sie lieben.“
„Walpurga war schon siebzig und hat keinen Mann gekannt. Da konnte sie leicht überirdisch gut sein.“
Wir stritten uns lange über Walpurga und darüber, ob das Alter gut oder böse mache. Wir kamen weit vom Thema ab.
Tessy hatte außer den Kohlen noch fünf englische Zigaretten geschenkt bekommen. Senior Service, meine Lieblingsmarke. Drei gab sie mir, als Anzahlung auf die Miete. „Macht fünfzehn Mark“, sagte sie.
„Du willst also bleiben?“ fragte ich. Im selben Augenblick tat mir meine Frage leid, denn ich sah, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Trotzig setzte ich hinzu: „Findest du nicht, daß das auf die Dauer ein bißchen komisch ist? Die Kälte ... und ich habe dann immer die Pflicht, dich zu wärmen.“
Sie sagte: „Ich finde nichts Komisches dran. Aber so seid ihr Männer. Ungeheuer liberal in euren Reden. Sobald sich dann jemand wirklich anständig benehmen soll, ganz einfach menschlich und mal ausnahmsweise nicht männlich, dann kommt er sich bestenfalls komisch vor. Du kannst ja annehmen, ich wäre deine Tochter. Den Jahren nach geht das lange.“
„Ich habe nie eine Tochter gehabt. Ich weiß nicht, wie das ist“, sagte ich verstockt.
Sie ging fort und erschien nach ein paar Minuten wieder in ihrem hübschen Hauskleid, das von der vorigen Nacht her etwas zerknittert war. „Dann wirst du das eben lernen, mein Lieber“, sagte sie und schlüpfte ins Bett.
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