»Recht hast du, wie immer«, sagte ich, »fehlt nur noch dein Rezept für die Umsetzung.«
Wir prosteten uns zu und widmeten uns ein paar Minuten schweigend dem Essen, bevor Alex den Gesprächsfaden wieder aufnahm. »Also, auf dem Rezept könnte stehen: erst mal Test-Outing auf einer Reise, in sicherer Distanz zu allen vertrauten Menschen. Und wann willst du Kristina deiner Familie vorstellen?«
Ich musste an Marens Reaktion beim Klopsdinner denken und an Mort Pfefferman, den Protagonisten in Transparent , der mit siebzig Jahren beschließt, fortan als Maura zu leben, und dessen neurotisch auf sich selbst fixierte Kinder die neue »Mapa« dann überraschend beiläufig akzeptieren. Leider war ich nicht so mutig wie Maura – die hatte allerdings auch keine vaterlos aufwachsende Enkelin, für die der Großvater wichtig war. Ob Micky mit einer Zweitoma klarkäme, oder ob Maren ihr dann den Umgang mit mir verbieten würde?
Alex blieb dran. Ich hätte das Transthema vor mir her geschoben und mich vom beruflichen Stress ablenken lassen. Und nun die Krankheit. Eigentlich sollte es jetzt nur darum gehen, die Heilungschancen optimal auszuschöpfen. Andererseits hätte ich vielleicht nicht mehr beliebig Zeit, wenn ich mein restliches Leben als Frau verbringen wolle, denn man könne den Krankheitsverlauf nicht wirklich einschätzen …
Sie brach ab, wir hielten uns einen Moment stumm an der Hand.
»Du sagst es. Im Moment weiß ich gar nichts. Vielleicht bringt mir der Roadtrip ein paar Klarheiten. Ich werde einfach üben, herauszugehen, die Reise quasi als Trainingscamp nutzen.«
Alex schwenkte den Rotwein. »Dann wird das dein Zarathustra Trip.«
Meinen verständnislosen Blick kommentierte sie mit einem Kopfschütteln. »Banause! Nietzsche! Also sprach Zarathustra: Werde, der du bist.«
Auch wenn ich ihre Philosophiezitate mitunter anstrengend fand, lieferte dieses ein perfektes Reisemotto.
Den üblichen Wettstreit um die Bezahlung umging sie, indem sie die Rechnung beim Rückweg von der Toilette hinterrücks beglich, wofür ich sie anschließend rituell beschimpfte.
Lufthungrig machten wir uns Hand in Hand auf den Weg zum nächsten Taxistand, schweigend in Gedanken versunken. Warum waren wir eigentlich kein Paar geblieben, obwohl wir uns in fast allen Grundsatzfragen einig waren und die wesentlichen Prioritäten für die Lebensgestaltung teilten. Unverändert, seit der Studentenzeit, auch wenn wir damals hatten einsehen müssen, dass unsere Studentenliebe wegen divergierender erotischer Präferenzen nicht zukunftsfähig war. Alex mochte Machos im Bett, Kerle, die sich im sonstigen Leben als komplett beziehungsuntauglich erwiesen, ich bevorzugte eher Frauen mit androgynen Manieren, Rockerbräute, die dem Manne untertan sind, indem sie ihn unterwerfen. Dennoch hatte es im Laufe unseres weiteren Lebens sporadische Episoden gegeben, in denen wir einander Trost im Bett gespendet und uns gefragt hatten, ob sich für zwei Menschen, die sich so gut kannten und einander zugetan waren wie Geschwister, die Freundschaft nicht doch zum ultimativen Beziehungshafen eigne. Den wir dann aber doch nicht anliefen, da wir spürten, dass allzu große Vertrautheit keine Leidenschaft mehr zuließ – die wir für eine emotionale Heimat noch immer unabdingbar fanden. Irgendwann hatten wir nach einigen Drinks verabredet, uns dieser Frage mit siebzig noch einmal zu stellen.
Zum Abschied umarmten wir uns lange und innig.
Seit ihre neue Segmental Body Composition -Waage ein ungünstiges Fett-Muskel-Verhältnis angezeigt hatte, ackerte Irmgard zwei bis drei Mal pro Woche in unserem Fitnessclub.
Vom Total Abdominal Trainer, einem Neuerwerb des Studios, mit dem neben dem Sixpack auch die Hüftbeuger modelliert werden sollen, warf Irmgard mir einen Blick zu, den ich als Symptom der Qual ihrer abdominalen Fronarbeit wertete. Statt mit ihrem üblichen Hi-Hi begrüßte sie mich mit »Guten Tag, Kris«, und sofort war klar, dass nicht das Gerät ihr die Laune verdarb. Ohne mir einer Verfehlung bewusst zu sein, ging ich reflexhaft in den Befriedungsmodus und erkundigte mich nach ihrem Befinden.
»Ich bin ja nur deine Exfrau und Hausärztin«, schnappte sie und ließ die Griffe des Bauchtrainers los, die ruckartig nach oben schnalzten. Beim Thema Hausärztin war Irmgard empfindlich, schließlich hatte auch sie von einer Facharztkarriere nach dem Studium geträumt. Doch dann hatte uns eine Pillenpanne Maren beschert. Damit bekam nicht nur ihre medizinische Laufbahn einen Knick, auch die musikalische Leadership als Sängerin bei der Pankower Freiheit blieb auf der Strecke. Beides hatte sie uns beiden übelgenommen.
»Es ist immer dasselbe mit dir – du merkst einfach nicht, was du mit Menschen machst, die es gut mit dir meinen.«
Ich wäre geflohen, hätte ich die Endorphine nicht so nötig gehabt, außerdem verlangte die Röllchenbildung an meiner Mitte nach regelmäßigem Workout. Schon immer hatte ich es als Ungerechtigkeit der Schöpfung empfunden, dass die männliche Wampe die Körperästhetik so viel mehr stört als das Bäuchlein der reiferen Frau.
»Lass mich einfach in Ruhe trainieren, solange ich noch fit genug bin«, versuchte ich, mich in Richtung Laufband davonzustehlen. Aber Irmgard hielt mich fest. So sei das ja nicht gemeint gewesen. Ob ich sie nach dem Training zu einem Eiweißdrink einladen mochte.
»Wir trinken einen Smoothie«, stimmte ich zu. In unseren Ehejahren hatte ich gelernt, Friedensangebote auch dann nicht auszuschlagen, wenn ich den Kriegsgrund nicht verstand.
Für das Warm-up stellte ich das Laufband auf fünf Prozent Steigung. Nach einigen Minuten tippte Rüdiger mir auf die Schulter und lobte meinen geschmeidigen Flow. Als Physiotherapeut und begeisterter Sportpädagoge hatte er kürzlich ein Optimierungspotenzial an meinem Laufstil entdeckt. Sein beiläufiger Hinweis, meine schlanke Athletik eröffne noch erhebliches läuferisches Optimierungspotenzial, hatte mich schlagartig motiviert, seine Trainingsanregungen aufzunehmen und das Zusammenspiel von Schulter- und Hüftbewegung zu harmonisieren.
Nach zwanzig Minuten Fatburning trabte ich zufrieden zum Kurs Power Pilates für fortgeschrittene Anfänger , als einziger Mann genoss Kris die besondere Zuwendung der Damen, und Kristina liebte die Eleganz der fließenden Bewegungen. Doch heute floss gar nichts, ich mühte mich missmutig, meine eins achtundsiebzig zu den anmutigen Positionen zu falten, in die sich die Damen anstrengungslos zurechtbogen.
Als ich kurz vor der vereinbarten Zeit Richtung Dusche ging, wartete Irmgard schon an der Bar. Wie ihr Latschenkieferduft verriet, hatte sie sich bereits einen Saunagang gegönnt. Ich roch nach Männerschweiß. In der Hoffnung, sie habe in der Sauna ihren Groll auf mich weggeschwitzt, fragte ich nach dessen Ursache.
Nach einem strafenden Blick sprudelte sie los. Dass ich nach dem Abendessen stundenlang mit Carla verschwunden und dann überstürzt aufgebrochen sei, spreche nicht gerade für meine Wertschätzung ihrer Person. »Und mit Maren hast du auch allein gesprochen. Nur mit mir nicht. Wenn es um Bagatellen geht, bin ich dir immer gut genug, aber wenn es mal ernst wird …«
»Sorry, sei nicht so kleinlich, als Kollegin müsste dir schließlich klar sein, dass ich mit meiner Krankheit momentan andere Sorgen habe.«
Ein Schleier aus Schuldgefühl huschte über ihr saunagerötetes Gesicht. »Weiß ich doch, Kris. Du willst ja nie jemanden brauchen. Ist ja auch okay für einen gesunden Single. Bei Single mit Krebs wird’s schon schwieriger. Du solltest schon mal drüber nachdenken, was du machst, falls es nicht so gut laufen sollte …«
Ich kriegte Gänsehaut. »Willst du mir gerade beibiegen, ich sollte eine Patientenverfügung schreiben? Zu deiner Beruhigung: Ein Testament habe ich schon.«
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