
Abbildung 44: Enrico Del Debbio, Masterplan für das Foro Mussolini (heute Foro Italico), Rom, 1928 (Architettura, Februar 1928, 66)
1936 konzipierte Clemens Holzmeister, der umfangreiche Baukomplexe bereits während seiner Tätigkeit unter Atatürk im Regierungsviertel von Ankara bewältigt hatte, eine vom Foro Mussolini inspirierte Anlage für das Grundstück des heutigen Stadthallenkomplexes am Vogelweidplatz. Der dortige Schmelzer Friedhof, in den 1920er Jahren zum sogenannten Märzpark umgestaltet, 234war der Friedhof der Gefallenen der Revolution von 1848. Vom Austrofaschismus war der Platz bereits durch Dollfuß’ Grabeskirche überformt, an die das Forum östlich anschließen sollte. Holzmeister nahm die Versatzstücke von Del Debbios Foro Mussolini – zwei Stadien, Obelisk, Gebäude – und arrangierte sie neu. Die Hauptachse der Anlage war die verlängerte Sorbaitgasse, die auf die Chorwand der Dollfußkirche und damit auf die Krypta mit den Gräbern von Dollfuß und Seipel zulief. Nördlich davon lag die „Führerschule“, die der Ausbildung von Jugendführern der Vaterländischen Front dienen sollte. Zwischen Schule und Kirche projektierte Holzmeister ein Schwimmbecken, in dem man mit Blick auf die Grabeskirche schwimmen hätte können. Der dreiflügelige Ehrenhof der eigentlichen „Führerschule“ ( Abbildung 43) öffnete sich nach Süden zur Breitseite des Stadions, dessen Zugang durch einen hohen Turm betont war. Nördlich hinter der Führerschule lag damals der Fußballplatz des traditionsreichen Penzinger Clubs „Red Star“, den Holzmeister zur „Kampfbahn“ umfunktionierte. Holzmeisters Zeichnung der Gesamtanlage ist relativ summarisch, eine besondere Rolle spielte aber der Turm, der Gebäude und Stadion axial verband, zwischen dem versenkten Parterre des Ovals und der höher gelegenen Schule vermittelte und der mit einer Inschrift als eigentliches Dollfußmemorial ausgewiesen war. Obwohl der Turm von Holzmeister als „Obelisk“ bezeichnet wurde, war er ein flach geschlossener, quadratischer und begehbarer Turm, der mit einem spiralförmig angeordneten Fries mit Darstellung des „Aufmarschs der Stände“ zugleich auf antike Triumph- und Memorialsäulen wie die Trajans- oder die Marc- Aurel-Säule in Rom, aber auch auf die Säulen der Wiener Karlskirche verwies – allerdings mit eckigem Grundriss, ein in der Architekturgeschichte aus gutem Grund seltener Fall ( Abbildung 45). Die Kombination von Stadion und Turm hatte eine etwa gleichzeitige Parallele in Werner Marchs Glockenturm auf dem Berliner Maifeld, der in Zusammenhang mit dem Olympiastadion von 1934 bis 1936 errichtet wurde. Ähnlich wie Holzmeisters „Obelisk“ wurde der wesentlich höhere Berliner Turm in die Längsseite der Ränge gestellt, wo sein Aufragen ohne weitere Vermittlung wesentlich zur Monumentalisierung beitrug. – Holzmeisters Turm wurde von einem riesigen dreidimensionalen Kruckenkreuz bekrönt, das als parteipolitisches Symbol und zugleich als sakralisierendes Element wirksam wurde. – Ähnliche schlanke, in der Höhe überdehnte Türme, deren Proportionen an italienische Geschlechtertürme erinnern, hat Holzmeister in sakralem wie profanem Zusammenhang mehrfach entworfen: für eine Kirche in Bludenz (erste Fassung), in der ersten Fassung des Entwurfs für die Seipel-Dollfuß-Kirche und – besonders ähnlich, aber mit glatten Flächen – für den Platz der Vilayets mit dem Denkmal der Türkei in Ankara, wo er den Turm ebenfalls wie eine Stele axial in einen Ehrenhof stellte ( Abbildung 45). 235

Abbildung 45: Clemens Holzmeister, Turm für das „Dollfußforum“ (HOLZMEISTER, Bauten, 286) und für den Platz der Vilayets, Ankara, um 1932/1933
Für die Kombination eines stelen- oder pfeilerförmigen Elements mit einem bekrönenden Kreuz gab es Vorläufer in der kleinen Form der Kriegerdenkmalsentwürfe der 1910er Jahre, zum Beispiel von Josef Hoffmann als Grabdenkmal für einen Waldfriedhof ( Abbildung 46). 236

Abbildung 46: Josef Hoffmann, Entwurf für ein Kriegerdenkmal, 1917 (Kunst und Kunsthandwerk XVIII [1915], 286).
Das Stadion war ähnlich wie sein römisches Vorbild nur mit umlaufenden Stufen für Stehplätze ausgestattet und an seinem Rand mit Figuren besetzt. Holzmeister waren die römischen Projekte mit Sicherheit bekannt. Er hatte im Sommer 1932, als der erste Abschnitt des Foro Mussolini kurz vor seiner Fertigstellung stand, in Rom einen Vortrag über den modernen Kirchenbau gehalten. Die aktuelle römische Architektur empfand er bei diesem Besuch als retrospektiv. 237Holzmeister hatte von 1923/1924 bis 1927/1928 in Bozen zusammen mit dem Architekten, Bergsteiger und Schauspieler Luis Trenker ein Architekturbüro unterhalten, in Südtirol unter den italienischen Faschisten gebaut und war mit der Architektur des Novecento vertraut. 238Auch Kanzler Schuschnigg, der 1934 und später mehrmals nach Rom reiste, hat das Foro Mussolini mit Sicherheit gekannt.
Im Juli 1936 war Holzmeisters Projekt vom Tisch – vielleicht, weil Schuschnigg von Anfang an den Fasangartenstandort favorisiert hatte. 239Für den Forumsbauplatz am Vogelweidplatz regte die Gewerbliche Fortbildungsschule Mollardgasse die Errichtung von Sportstätten für den eigenen Gebrauch an. An der Hütteldorfer Straße sollte eine Badeanstalt entstehen, an der Gablenzgasse eine Turnhalle mit Umkleiden. Gegenüber der Kirche war ein „besonders würdiger Charakter“ gefordert, dem ein Verwaltungsgebäude entsprechen sollte. Ein Eislaufplatz im Anschluss an den bestehenden Red Star-Fußballplatz sollte die Anlage ergänzen. 240Der Cluster von Sportstätten an diesem Standort präfigurierte den nach dem Zweiten Weltkrieg hier errichteten Stadthallenkomplex.
Die „Führerschule“ wurde am Südostende des Schönbrunner Schlossgartens nach einem Entwurf von Robert Kramreiter in ganz anderer Form, in wesentlich reduzierten Dimensionen und an einem fast unsichtbaren Standort innerhalb des Schönbrunner Schlossgartens erbaut. Der Spatenstich erfolgte am 27. März 1937, am selben Tag wie die Grundsteinlegung für das Haus der Vaterländischen Front, zugleich Dollfuß’ dritter Todestag. 241Die Anlage sollte die Jugendführerschule, ein Internat, eine Ehrenhalle, eine Kapelle und ein Freilufttheater des „Neuen Lebens“ für 1.500 Personen enthalten ( Abbildung 47). Das Theater mit seiner Einbettung in die umgebende Natur mag sich unter anderem deutschen Anregungen, etwa der Berliner Waldbühne (1936), verdankt haben. 242

Abbildung 47: Robert Kramreiter, Entwurf für eine „Dollfuß-Führerschule“ im Schönbrunner Fasangarten, Modellfoto (Österreichische Kunst [Jänner 1938], 5)
Kramreiter gestaltete einen symmetrischen Dreiflügelbau mit mittlerem Ehrenhof und Walmdächern, wie ihn bereits Holzmeister für das Dollfußforum vorgesehen hatte. Auch der Standort nahe Schloss Schönbrunn legte wohl einen symmetrischen Ehrenhof nach barocken Vorbildern nahe. Der dreigeschoßige Haupttrakt enthielt die Schule und an der Rückfront kreuzförmig vortretende Kapelle, deren Fassade mit Rundbogennischen in drei Geschoßen an Kramreiters eigene Kirchenfassade für Floridsdorf erinnert, die damals in Bau war. Solche geschoßweise angeordneten Rundbogenöffnungen hat auch Clemens Holzmeister oft und gerne verwendet, zum Beispiel bei der Kapelle der Schulschwestern in Linz. Kramreiter selbst gebrauchte das Motiv zum Beispiel an der etwa gleichzeitig erbauten Kirche Maria Königin des Friedens.
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