»Überhaupt keins. Scher dich raus, Kleiner.« Gordan wäre netter gewesen, wenn … wenn nicht seit Monaten alles schieflaufen würde. Seit Jahren. Wenn er nicht heute Morgen einen Brief an der Werkstatttür gefunden hätte, in dem sein Vermieter fragte, wann genau er die Miete zahlen wollte. Wenn er gewusst hätte, wie lange er noch Strom hatte, um den Brennofen anzutreiben. Wenn er nicht diese nagende Panik im Bauch gespürt hätte, wie eine Ratte in einem zu engen Käfig, die kurz davor ist, sich selbst zu verzehren. Wenn er nicht mit Anfang vierzig, absolut nichts erreicht hätte.
»Kleiner? Ich bin größer als Sie«, sagte der Goldjunge und bewies, dass er doch ein bockiger Junge war, trotz des Markenanzugs und der breiten Schultern. »Und Sie sollten sich mein Angebot anhören.«
»Nein.« Gordans verdammte Neugier hob nun doch den Kopf. »Mit wem rede ich überhaupt?«
»Robin von Romberg-Krieger.« Weiße Zähne blitzten. »Sie haben mit meinem Bruder gesprochen. Letzte Woche.«
Als könnte Gordan sich daran nicht erinnern. »Der war ein Schleimbeutel.«
Dunkles Lachen erfüllte die Werkstatt. Ein seltener Laut, seit Tilmann ausgezogen war. Ließ den Goldjungen menschlicher wirken.
»Roman war nicht sehr glücklich über Ihr Gespräch.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen und wippte vor und zurück. Seine Armbanduhr glitzerte. »Und nun, da ich Sie kennengelernt habe, kann ich mir vorstellen, warum.«
»Du hast mich noch nicht kennengelernt. Und das willst du auch nicht.« Gordan griff in den Tonklumpen. Kühle, sämige Masse drang zwischen seinen breiten Fingern hervor. Was wollte er nochmal damit? Ach ja: Henkel für die Spitzmaus-Tassen formen. Dreizehn Stück würde er auf den Markt mitnehmen, genug, um die Miete für den Juni zu zahlen. Leider war schon August. »Hau ab, Goldjunge.«
»Ich bin auch kein Junge.« Fehlte nur noch, dass der Kleine die Unterlippe vorschob. »Und mein Angebot ist gut, glauben Sie mir.«
»Sicher. Raus hier.«
»Ich verschwinde, wenn ich gesprochen habe.«
Gordan lachte. »Sie können sprechen, junger Herr. Aber ich hab keine Lust, zuzuhören.«
»Aber …« Immer noch wippte der Trottel vor und zurück. Ein Kind, das so tat, als sei es ein Mann. Fast erinnerte er Gordan an sich selbst, vor langer Zeit.
Ich war auch ein Trottel. Deshalb ist der hier ja so schwer zu ertragen.
Gordans tonbeschmierter Finger zeigte auf die Tür. Viel Hoffnung hatte er nicht, dass der Befehl befolgt werden würde. Und er hatte recht.
»Mein Bruder hat Sie gebeten, uns eins Ihrer Kunstobjekte zur Verfügung zu stellen. Für die Romberg-Krieger-Galerie. Ihre Plastiken waren die Sensation des letzten Jahres und wir würden uns wirklich sehr geehrt fühlen, wenn Sie uns weitere überlassen würden.«
»Klar. Schau dich um. Such dir was aus.« Gordan deutete mit dem Kopf auf die überquellenden Regale voller Geschirr in der Form von Eulen, Hamstern und Regenwürmern. Der Goldjunge lieferte sich ein Blickduell mit einer Gürteltier-Kanne und runzelte die Stirn.
»Das ist nicht ganz das, was ich im Sinn hatte. Wo ist die Kunst?«
»Das ist Kunsthandwerk«, brummte Gordan.
»Ja.« Klang verächtlich. »Verkaufen Sie viel davon?«
»Genug, um die Miete zu zahlen.« Manchmal.
»Sehen Sie?« Der Goldjunge strahlte. »Mit einer neuen Plastik würden Sie nicht nur die Miete zahlen können. Noch ein paar wie die vom letzten Jahr und Sie können sich ein richtiges Haus kaufen.«
»Ich will kein Haus.«
»Eine Wohnung?«
»Brauch ich nicht.«
»Offensichtlich. Da liegt ein Schlafsack unter Ihrer Werkbank.«
Gordan ärgerte sich, dass er das Ding nicht woanders verstaut hatte. Dieser kleine Scheißer musste nicht wissen, wie pleite er war. Und wie lange er schon hier pennte, sich notdürftig am Waschbecken säuberte und am Wochenende zu seiner Schwester fuhr, um zu duschen und sich Vorwürfe anzuhören.
Wenn du nicht so besessen von der Arbeit wärst, wäre Tilmann noch da. Du hast ihn ja komplett aus deinem Leben ausgeschlossen. So wie alle anderen auch, während du in deiner Werkstatt gehockt hast.
Er verdrängte den Gedanken. Er musste im Jetzt leben, auch wenn da leider ein nerviger Snob in seiner Werkstatt stand. Gordan sah auf.
»Goldjunge. Verschwinde oder ich werf dich raus.«
»Warum sollten Sie das tun?« Ein Lächeln, das vermutlich charmant wirken sollte. Gordan hatte keine Zeit für Charme.
»Weil ich es kann. Oder hast du irgendeinen Zweifel daran?« Er richtete sich auf und ließ die Schultern kreisen. Er wusste, dass die Muskeln sich unter seinem Shirt wölbten, und dass seine bloßen Arme Baumstämmen glichen. Dunkel behaarten Baumstämmen. Und da er keinen Spiegel besaß, war sein Gesicht gerade ein Stoppelfeld.
Leichte Zweifel erschienen auf der glatten Miene. Leider verschwanden sie sofort, um einem Lächeln Platz zu machen.
»Das meinen Sie doch nicht ernst.« Und dann ging der blonde Mistkerl um Gordan herum und legte die Hand an die Klinke der Besenkammer.
»Wo ist die Kunst? Hier drin versteckt?« Er rüttelte an der Klinke und Gordan beglückwünschte sich selbst dazu, abgeschlossen zu haben.
Mit drei Schritten war er bei dem Blonden und packte ihn um die Taille. Erstaunlich schwer, der Trottel. Er wirbelte ihn herum, bis das Gewicht über seiner Schulter hing und stapfte auf die Tür zu.
»He! He, was machen Sie da?!« Der Snob wand sich wie ein Wurm. Wie ein elastischer, muskulöser Wurm. Der Körper, der versuchte, sich von Gordans Schulter zu schlängeln, war trainiert. Aber nicht trainiert genug.
»Ich hab dir gesagt, dass ich dich rausschmeiße«, sagte Gordan gleichmütig und öffnete die Tür zu seiner Werkstatt.
»Ja, aber … Sie blöder Vollarsch!« Nun versuchte der Kerl ernsthaft, von Gordan runter zu kommen. Sie schwankten. Nur einen Moment lang, dann hatte Gordan ihn wieder im Griff. Und seine Hand hatte den Arsch des Kleinen im Griff, was nicht geplant gewesen war. Schnell raus mit dem Ballast! Über den Hof und ab durch den Flur.
Klappernde Absätze und schlurfende Turnschuhe bewegten sich über das Kopfsteinpflaster. Schaufenster glänzten in der flimmernden Hitze. Die Fußgänger schauten erstaunt, als Gordan aus der schiefen Eichentür trat, den Snob auf der Schulter.
»Loslassen, verdammt!«, brüllte der.
»Zu Befehl.« Mit einer Drehung warf Gordan ihn auf die krummen Pflastersteine. Der Snob landete elegant, rollte sich ab und kam zum Sitzen. Tonmatsch bedeckte seinen dunkelgrauen Anzug, der von Gordan auf ihn abgerieben hatte. Vermutlich war da auch ein Handabdruck an seinem Hintern.
»Sie blöder Affe! Ich zeige Sie an!« Der Kopf des Blonden war dunkelrot.
Er wurde noch dunkler, als er merkte, dass sie Zuschauer hatten. Gordans Werkstatt lag im Hinterhof eines schiefen Fachwerkhauses, das in der Fußgängerzone von Lummerdingen stand. Und die war gut besucht. »Ja, ich verklage Sie! Darauf können Sie sich verlassen! Ich komme mit meinem Anwalt wieder!«
»Klar, weil bei mir ja so viel zu holen ist.« Gordan verdrehte die Augen.
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